Wetter wählen

Altweibersommer in ganz Deutschland. Auch in Berlin. Bis einschließlich Samstagmorgen. Dann schiebt sich ein kurzes Tief hinein. Am Samstag und Sonntag regnet es. Aber nur in Berlin und auch nur bis Sonntag 13 Uhr. Also alles nicht so schlimm.

Es ist am Marathon-Sonntag immer Kaiserwetter. Das haben wir schon immer so gemacht. Das war noch nie anders. Außer einmal. Aber das war auch ein ganz denkwürdiger Tag. Da regnete es von Samstag Abend an durch bis Sonntag Abend. Aber richtig. Bindfäden. Ich nahm da an einer Studie der Charité teil. Die haben direkt nach dem Lauf meine Körperkerntemperatur mit knapp unter 35 Grad gemessen. Da war der Teufel am Werk. Das war nicht normal. Das muss man akzeptieren.

ABER! Dass es überall in diesem unserem Land gerade kaiserwettert, auch in Berlin, nur dort nicht während des Marathons, weil sich irgend so ein Tief Ulrich nicht zusammenreißen kann, das kann ich nicht dulden. Und ich bin fest davon überzeugt, dass das auch die anderen 59.999 Athleten (für die Inlineskater ist es ja noch blöder) nicht akzeptieren. Insofern können wir uns alle beruhigen. Denn 60.000 Unterschriften gegen Ulrich reichen. Beim Wetter reicht die einfache Mehrheit.

Bei der Wahl, von der es keine Nachrichten geben wird, weil der Marathon alle Übertragungswagenstellplätze blockiert, reicht die einfache Mehrheit auch. Bunt wird die Regierung hoffentlich. Und nein, braun gehört nicht zum Farbbereich bunt.

Wir laufen einen großen Kreis vorwiegend rechts herum. Das kann man jetzt so kurzfristig leider nicht mehr ändern. Das ist schwieriger, als das Wetter zu ändern. Dann kümmern wir uns lieber intensiv darum. Um das Kanzleramt herum knickt die Route nach links. Das ist ein Zeichen.

Geht wählen! Erst das Wetter, dann die bunte Demokratie.

 

Letzte Reize

Noch 5 Tage sagt die Uhr des Zeitmess-Sponsors des weltgrößten Straßenmarathons. Großspurig träumen darunter drei Athleten von der gebrochenen 2-Stundenmarke. Oder besser gesagt: sie werden vom Veranstalter geträumt. Der ist sich für keinen Superlativ zu schade. Ist denn nicht gerade ein Experiment unter unwirklichen Bedingungen, auf einer Rennbahn in Italien gescheitert? Nike wollte diese Marke geknackt haben und lud Herrn Kipchoge und Kollegen ein, dieses blödsinnige Experiment mitzumachen. 25 Sekunden haben gefehlt. 30 Millionen hat es gekostet. Und was hat es gebracht? Hinter ständig ausgetauschten Tempomachern, hinter einer windschützenden Zeittafel auf einem Elektroauto unter idealen Bedingungen den Marathon unter zwei Stunden zu laufen? Das ist so, als wenn man mit dem Fahrrad hinter einem Bus herfährt und sich über den Schnitt von 42 km/h freut. Das Experiment war Anfang Mai, jetzt ist Ende September. Ich wage die Prognose, dass das nicht zu einer Rekordzeit von Herrn Kipchoge am Sonntag führt.

Ohne ein 30-Millionen Budget treffen wir uns heute auf der Laufbahn und hindern unsere Muskeln daran, einzuschlafen.  Ein paar mal 400 Meter sollen das erreichen. Fühlt sich komisch an, schließlich sind wir in der Tapering-Phase. High-Intensity-Training. Das tut nochmal kurz weh. Soll es auch und dann ist es wirklich vorbei. Die entspannteste Woche des Jahres. Sportlich gesehen. So wenig Training und dabei ein gutes Gefühl hat man sonst nie. Von den Entzugserscheinungen mal abgesehen.

Man muss schon einiges an Erfahrung oder/und eine blühende Fantasie haben, um zu erkennen, dass das förderlich ist. Wenig, das sich im aktuellen Trainingszustand wie Nichts anfühlt, bringt am Ende des Zugespitzten maximale Leistung. So war es immer. So ist es. So wird es sein.  So wahr uns der Trainingsgott helfe.

Wer untersucht das eigentlich? Wer hat wissenschaftlich und allgemeingültig nachgewiesen, dass man am Dienstag vor dem Marathon nochmals die Muskeln spielen lassen soll, nur ein bisschen und dann nicht mehr? Manche machen es auch am Mittwoch. Wer hat recht? Und warum? Wo ist die individuelle Komponente? Vielleicht gibt es ja auch jemanden, für den genau das am Donnerstag gut wäre? Vielleicht …

Manche machen es kurz und sehr hart. Also so sieben mal 400 Meter. Manche machen es etwas länger und nicht so hart, also so etwa fünf Kilometer am Stück im Marathontempo. Ich habe beides schon gemacht. Funktioniert beides. Ist es also beliebig? Nein! Natürlich gibt es Rahmenregeln, die für alle gelten. Aber wo genau sind die Grenzen dieses Rahmens? Das weiß bei aller Wissenschaftlichkeit keiner genau. Und das ist auch gut so. Schließlich ist das Wunderwerk Körper in der Lage viel auszugleichen und damit den wissenschaftlichen Schubladen ein Schnippchen zu schlagen.

Ich schlage heute der Bahn ein Schnippchen. Sieben Runden tun kurz weh bis sie rum sind. Zack-vorbei. Sieben mal Puls bis 179. Dann locker auslaufen und aaaah! Geschafft. Trainingsplan bewältigt. Allein das ist schon eine Leistung muss ich mir und allen anderen 39.999 auf die Schulter klopfend behaupten. 1130 Lauf-Kilometer seit Juli und 2000 Radkilometer sind die eigentliche Arbeit, der Lauf am Sonntag eigentlich nur das Ergebnis dieser Arbeit.

Also auf zum letzten, sehr wichtigen Reiz, zum Herr-lass-Abend-werden-Reiz.

Bananen

Ick sitze hier und esse Klopps,
uff eenma klopps …

Schön wär’s.  Ich sitze hier und esse nix. Und klopfen tut auch nix. Außer mein Herz. 42 mal pro Minute.

Der letzte Nüchtern-Lauf steht an. Lecker, prall und gelb, druckspurgezeichnet, bio und fair gehandelt, weich und süß, kalium- und kohlenhydrathaltig lachen sie mich an. Costa Rica grüßt und wünscht einen netten Lauf. 25 Kilometer oder 22. Jedenfalls über 20 im deutschen Herbst. Ohne Bananen. Fettverbrennungserinnerungstraining. Das ist es, was der Marathonläufer jetzt braucht. Bananenfrei soll der Körper nochmals auf seine Fettreserven zugreifen. Möglichst früh, möglichst ausschließlich und möglichst leichtfüßig.

Kohlenhydrate jetzt zuzuführen wäre kontraproduktiv, denn der Körper nähme sie sofort. Ist ja so schön leicht. Verbrennt sich so gut. Bananen verbrennen macht einfach mehr Spaß als Hanföl.

120 Minuten dauert der ruhige Dauerlauf ohne loderndes Kohlenhydratfeuer. 120 Minuten mit einem fettigen Schwelbrand. Unangenehm aber nicht schrecklich. Wir haben es dem Körper ja schon beigebracht, auf deutlich längeren Strecken die schwere Arbeit der Fettverbrennung zu leisten.  Nimm Fett auch wenn Kohlenhydrate da sind. Lass das Tagesgeld liegen, nimm Energie aus dem täglichen Umsatz. Das Tagesgeld ist für die ganz große Investition, die irgendwann getätigt werden muss. Fett für den Alltag, Kohlenhydrate für den Tag X. Schwelbrand als Dauerfeuer, lodernde Kohlenhydrate als Nachbrenner im Wettkampf.

Liebe Bananen, ich freue mich auf euch. Leere, nach Auffüllung lechzende Speicher werden euch aufsaugen. Leer machen, vollfüllen, leer machen, voll füllen … Letztlich geht es darum. Wir trainieren die Kohlenhydratspeicher, machen sie größer, erhöhen das Polster. Leere Speicher sind wie ein Vakuum. Wenn man sie wieder füllt, expandieren sie vor lauter Schreck ein bisschen mehr. Sie wachsen. Durch Schreck.

Eigentlich geht es im Training immer darum, irgendjemanden zu erschrecken. Die Muskelfasern durch Intervalle, das Kreislaufsystem durch Tempoläufe an der anaeroben Schwelle, das Energiebereitstellungssystem durch den Entzug von Kohlenhydraten. Der Schreck erzeugt eine Gegenreaktion in Form von Anpassung.  Schrecklich gute Anpassung. Die Essenz des Trainings.

3

10.000 Meter sind weniger als 42.195 Meter.

„Bist du überhaupt ins Schwitzen gekommen?“, „Das schaffst du doch locker!“ oder „War eine schöne Aufwärmrunde, was?“ Solche und ähnliche Weisheiten hört man als Marathon- und Ultramarathonläufer gern, wenn man sich an die Startlinie eines Unterdistanzwettkampfes stellt.

Es ist eine Frage der Geschwindigkeit. Beim leistungsorientierten Laufen geht es ausschließlich um Geschwindigkeit. Die Distanz eines 10.000 Meter Laufes beträgt ein knappes Viertel der Distanz eines Marathons. Im Marathontempo gelaufen wäre er tatsächlich eine nette Aufwärmrunde. Aber man läuft den 10.000 Meter Lauf nicht im Marathontempo. Deswegen ist er keine nette Aufwärmrunde, deswegen kommt man gewaltig ins Schwitzen und die Antwort auf das Schaffen bezieht sich ausschließlich auf die angepeilte Zeit.

Nein, ein 10.000 Meter Lauf ist nicht nichts für den Marathonläufer. Er ist sogar ziemlich nicht nichts. Er ist, um mal ganz ehrlich zu sein, nicht keine Tortur. Das Tempo ist so atemberaubend hoch, dass man gar nicht glaubt es so jemals ins Ziel zu schaffen.

Bis Kilometer drei geht es eigentlich ganz gut. Man findet sein Tempo, hat den anfänglichen Tempoleichtsinn korrigiert und rennt so vor sich hin. Fast ein Drittel ist rum. Geht doch. Bis Kilometer fünf gibt es keine besonderen Vorkommnisse. Dann beginnt die zweite Hälfte. Rechnerisch. Die Beine zeigen an: „Das ist uns zu schnell!“ Der Kopf sagt: „Schnauze Beine, weiter!“ Also gut. Bis Kilometer sechs auch keine nennenswerten Vorkommnisse außer der angemeldeten Demonstration der Beinpartei. Der Blick auf die Uhr signalisiert auch schon einen leichten Tempoverfall. Also gibt es den ersten Wasserwerfereinsatz. Die Sitzblockade der Beinpartei muss aufgelöst werden.

Kilometer sieben ist in Sicht. Der beziehungserfahrene Läufer weiß, jetzt wird’s haarig. Der verflixte Kilometer sieben. Die Sitzblockade wurde zwar  aufgelöst, doch ist die nächste Gruppe der Tempogegner bereits aktiv. Eine Horde vermummter Muskelfasern zieht sich zusammen und blockiert die Beinbewegung. Am Kilometerschild sieben passiert es. Alle Deeskalationsmaßnahmen der körpereigenen Exekutive sind gescheitert, es kommt zum Einsatz von Tränengas. Die vermummte Muskelfasergruppe macht dicht, das Tränengas schickt sie gewaltsam in Richtung Kilometerschild acht. Der Hubschrauber knattert martialisch tief über der Demonstration und mahnt die Vermummten zum Gehorsam. Lauft, oder es wird ernst. Kilometer acht ist erreicht. Der Versuch einer erneuten Blockade wird im Keim erstickt, selbst die Tempogegner sehen, dass es jetzt doof wäre, umzukehren. Also beschränken sie sich auf den Minimalwiderstand. Sie lassen sich einfach von der Horde bewaffneter Bereitschaftshormone aus dem Hexenkessel drängen. Sie leisten kaum mehr Widerstand, allerdings auch keinerlei Hilfe.

Bis Kilometer neun gibt es außer Säbelrasseln, Drohungen und Machtdemonstrationen der Körperpolizei keine weitere Eskalation. Die Tränengasreizung lässt aber nicht nach. Der Wasserwerfer fährt den Muskelgruppen auf den Fersen, man spürt die Hitze seines Motors auf dem Rücken. Die Demonstration wurde quasi aufgelöst. Einzelne Vermummte rennen zerstreut umher. Es sind jetzt noch zwei Stadionrunden, noch eine, das Ziel ist in Sicht. Die Verkrampften reiben sich die brennenden Augen. Keiner weiß mehr, was war, was ist und was sein wird. Alle ergeben sich, das Ziel ist zum Greifen nah, alle Beteiligten sind auf das Ende fokussiert. Es piepst die Zeitmatte, Demonstranten und Polizei liegen sich in den Armen. Der Horror ist vorbei und keiner weiß mehr, worum es eigentlich ging.

10.000 Meter sind kein Pappenstiel. Sie tun weh. Mehr als ein vorsichtig gelaufener Ultramarathon.

10.000 Meter sind ein Gradmesser für den Marathon.

10.000 Meter sind schnell vorbei.

10.000 Meter sind ein zentrales Messinstrument für den Zustand einer Körpergesellschaft. Regierung, Exekutive und das Fußvolk streiten. Die Judikative richtet, aber erst nach dem Ziel. Stimmt hier die Balance und kommt es zu einem Vergleich, der alle Beteiligten zufrieden stellt, ist die Gesellschaft gesund.

Gestern waren wir zu dritt. Alle haben ihre Bestzeit erreicht. In bester Gesellschaft.

Die Farbe des Schweinehundes

Heute war wieder so ein Tag. Der Schweinehund, das Schwein! Immer arbeitet er gegen mich. Er verhindert, dass ich am Ende des Wettkampfes nochmal alles raushole. Aua, das tut so weh, außerdem hat er mir den Berg vor die Nase gestellt und den Wind auch. Und dann führt er auch noch die Läufer neben mich, die entspannt noch eine gute Runde dranhängen. Im gleichen Tempo natürlich. In dem Tempo, das mich keuchend die letzten 400 Meter genießen lässt. Endlich vorbei. Kurze Erleichterung, Ablehnen der Medaille, alkoholfreies Bier, Wasser, Banane. Immer das gleiche Ritual. Der Blick auf die Uhr lässt mich fluchen. Es kommt die Phase der Erklärungen. Muskelfaserriss, Trainingspause, Radtour, Alter, Ernährung. Ach und natürlich der Schweinehund. Der Böse. Den muss man bekämpfen und vertreiben. Er darf einen nie wieder am Erreichen der persönlichen Bestzeit oder im heutigen Fall am Erreichen einer einigermaßen wenig unerträglichen Zeit hindern.

Da habe ich den Verantwortlichen. Er ist es und kein anderer. Er muss weg. Ein für alle mal. Aufgrund meiner Erfahrung als Hundehalter, müsste ich eigentlich wissen, dass der nicht so einfach geht. Er gehorcht leider nicht. Schlecht erzogen. Gewohnheitsrecht. Penetranz. Was mache ich nur mit ihm?

Ein guter Freund kam, wie die Jungfrau zum Kind, zu einem Buch über Mentaltraining im Sport. Das ist natürlich ein alter Hut, für mich allerdings ein Hut, den ich bisher immer schön auf der Ablage liegen ließ. Mentaltraining und Leistungssport. Pah. Man muss laufen, bis man Blut schmeckt, mit Kraft, manchmal Gewalt und eben immer genau so schnell, wie man trainiert hat. Der Geist hat gefälligst zu ruhen, bis man fertig ist.

Stell dir doch mal vor, der Schweinehund wäre dein Partner.

Ja der, der mir Berge, Wind, schnellere Läufer und Kilometerschilder mit weit weniger drauf als erwartet vor die Nase stellt. Das ist mein Partner, genau.

Und dann stell ihn dir mal in einer anderen Farbe vor.

Rosa oder was? Ein rosa Schweinehund, der fies grinst und sich tierisch freut, wenn er mir wieder was Teuflisches servieren kann. Super Idee. Sehr partnerschaftlich. Und wahnsinnig farbig.

Ein wolfsgraues, sabberndes, krummes, hüftdysplastisches, schlurfendes Wesen mit schielendem Blick, der leider trotzdem genauso schnell ist wie ich. Ein unansehnliches Biest, das man nicht von den Hacken schütteln kann und das sich teilweise in den Waden festbeißt. Ein wirklich bunter Partner.

Das ist doch Esoterik. Hier geht es um Leistung, die durch Schweiß und Blut erarbeitet ist. Blumig bunte Gedanken kann man sich woanders machen. In der Badewanne, beim Picknick am See oder im Kino.

Vielleicht probiere ich es aber doch mal. Der Blick auf das oben beschriebene Biest ist ja nicht gerade schön. Und – Nachtigall ick hör dir trappsen – der ist ja gar nicht wirklich da. Also ist er ja auch irgendwie esoterisch, zumindest ätherisch. Dann sollte ich ihn mir vielleicht doch langsam mal etwas umbauen. Er muss ja nicht gleich ein Partner werden. Aber ich kann ihn mir ja zumindest mal etwas schöner denken. Beige. Klarer Blick. Graziler Gang. Nicht an den Hacken. Nicht in der Wade. Stupsend.

Aber mit hängender Zunge! Das muss schon sein.

Das ist doch gleich viel besser. Ich freue mich schon fast darauf, ihn bald wieder zu sehen. Ich habe ihm noch gar keinen Namen gegeben, fällt mir ein. Ich nenne ihn ab sofort: Placebo.

 

Schulmeister

Ich kann das nicht.

Das hört man so als Trainingsbegleiter gelegentlich. Es klingt natürlich vermessen, als Außenstehender zu sagen, doch, du kannst das. Also muss man das besser verpacken.

Doch wie? Die Trainingseinheiten bauen aufeinander auf und der Trainingszustand des Trainierenden verändert sich. Harte Einheiten bringen einen an den Rand des Wahnsinns, lockere auch, denn sie sind meist nach harten Einheiten als Regenerationseinheiten drin. Also bringt den unerfahrenen Läufer eigentlich das ganze Training an den Rand des Wahnsinns. Die harten Trainigsetappen sind zu hart, zu schnell, zu lang. Und bei den Regenerationseinheiten ist man so müde, dass man auch da nicht seine eigentliche Form sieht. Schrecklich. Der Foltermeister alias Trainer ist schon ein harter Hund. Das macht der mit Absicht. Er demoralisiert den Schüler durch den Tanz auf der tagesaktuellen Leistungsgrenze.

Aber zum Glück sind die meisten Läufer ja nicht unerfahren. Sie wissen, dass es irgendwann auch wieder leichter wird. Dass sie vor einem gut angetaperten Wettkampf vor Kraft nur so strotzen und endlich loslaufen wollen. Die Explosion des Startschusses ist auch die Explosion des Leistungsreservoirs, das wir so mühsam aufgebaut haben.

Doch ist es immer wieder das gleiche. Jeder Sportler, auch die Meister, haben Schwierigkeiten, sich vorzustellen, die trainierte Leistung im Wettkampf tatsächlich zu haben. Wie soll ich das, was mich im Training auf einem Viertel der Distanz so dermaßen anstrengt, auf der vollen Strecke durchhalten? Vielleicht ist es gar nicht vorstellbar und eben nur durch rationale Gedanken und aufgrund der persönlichen Erfahrung in den Geist einzupflanzen.

Training ist Training und Wettkampf ist Wettkampf. So einfach und doch so kompliziert.

„Wie oft muss man denn die Strecke trainieren, um sie laufen zu können?“ Das werde ich immer wieder von Leuten gefragt, die keine Marathon-Erfahrung haben. Die Antwortet lautet: Nie! Das ist genauso schwer zu glauben, wie das Durchhalten des Tempos auf 42,195 Kilometern, das man im Training kaum auf 10 Kilometern zu schaffen glaubt. Nein, man muss keinen Marathon laufen, um Marathon zu trainieren. Wir trainieren Einzelsysteme, die sich im Idealfall am Tag des Wettkamps als ein System zusammengefügt haben. Es ist sogar nicht nur nicht nötig, einen Marathon vor dem Marathon zu laufen, sondern falsch und schädlich. Die Einzelsysteme werden nämlich effektiver als separierte Einheiten trainiert, die Belastung für den Organismus ist erträglich und man baut gezielt die Fähigkeit auf, am Tag X zu explodieren. Aber eben nicht vorher. Keinen Tag vorher und auch keine zwei Stunden vorher. Sondern genau am Tag X, zur Stunde X. Ein bereits vorher gelaufener Marathon belastet das Gesamtsystem so stark, dass man so sehr regenerieren müsste um am Wettkampf antreten zu können, dass durch ebendiese Regeneration der Traingszustand  so abgebaut würde, dass die Wunschzeit unerreichbar wird.

Ich kann das nicht.

Ich kann es nicht mehr hören. Vor allem deswegen nicht, weil ich es mir selbst viel zu oft sage.

Rad ab?

Gemeinhin wird gesagt, dass Alternativtraining in der unmittelbaren Vorbereitungsphase eines Wettkampfs zumindest sehr dosiert oder im Notfall, also zum Beispiel bei Verletzungen eingesetzt werden soll, muss oder kann. Je nachdem, wie man es sieht oder braucht. Der Normalbürger denkt verständlicherweise, dass sportliche Betätigung gleich sportliche Betätigung ist. Der etwas erfahrenere Normalbürger differenziert zwischen Ausdauer- und Kraftsport. Und der Normalbürger, der viel Sport macht und viele unterschiedliche Sportarten leistungsorientiert betreibt, weiß, dass jede Sportart unterschiedliche Systeme, unterschiedliche Muskelgruppen und unterschiedliche Gelenke, Sehnen und Gewebe belastet und damit trainiert. „Was, du kriegst noch Muskelkater?“ Ja, kriege ich. Mit links. Und auch rechts. Der Normalbürger hat so viele verschiedene Muskeln, da gibt es immer welche, die selten genutzt werden und die bei gezielter Ansteuerung aus dem Winterschlaf erwachen und die rabiate Enervierung mit einem posttraumatischem Schmerzsyndrom quittieren.

Fahrradfahren ist ein Ausdauersport. Laufen auch. Bis 100m kann man jedoch ohne zu atmen laufen, das ist dann kein Ausdauersport. Kraft braucht man immer. Beim Radeln und Laufen genauso wie beim Reiten, Golf spielen oder beim Auto-Rennsport. Ausdauersport braucht ein bisschen Kraft und Kraftsport sollte von etwas Ausdauer profitieren.

Es gibt natürlich Sportarten, deren Training anderen Sportarten schadet. So wäre ein Läufer schlecht beraten, wenn er in einer Verletzungspause intensives Bodybuilding des Oberkörpers betreiben sollte. Die Zunahme an Muskelmasse und damit an Gewicht der Muskeln, die nicht zur Ausübung der Primärsportart gebraucht werden, ist kontraproduktiv für die Laufentwicklung. Nicht nur dass die Laufmuskeln weniger werden, sondern auch dass die herumzuschleppenden Oberkörpermuskeln mehr werden, ließe einen wie ein Ochse vor dem Berg stehen.

Dieses Phänomen gibt es aber auch bei näher verwandten Sportarten wie Radfahren und Laufen. Beides sind Ausdauersportarten, die hauptsächlich mit den Beinen gemacht werden. Sie erwecken den Eindruck, sich gut zu ergänzen. Dieser Eindruck trügt natürlich nicht. Sie ergänzen sich hervorragend, beugen – gezielt abgewechselt – Verletzungen vor, erfrischen den Geist und nützen sich gegenseitig durch die Arbeit an der Ausdauer des Herz-Kreislauf-Systems. Aber!

Wenn kein Aber wäre, wäre es zu einfach.

Radfahren beansprucht andere Muskeln als Laufen. Radfahren ist ein low-impact-Sport, Laufen ein high-impact-Sport. Beim Laufen muss man immer ackern, es gibt keinen Freilauf. Um auf die gleiche Trainingsbelastung zu kommen, muss man etwa doppelt so lang Fahrradfahren, wie Laufen. Und man kann als Radprofi nach einer lockeren Laufeinheit Muskelkater in den Beinen bekommen und umgekehrt. Ja, man sollte es sogar. Denn wäre es anders, hätte man Muskeln trainiert, die man für die andere Sportart gar nicht braucht. Der aufmerksame Leser fragt jetzt natürlich nach Triathlon, modernem Fünfkampf oder der Königsdisziplin Zehnkampf. Diese Disziplinen sind Fluch und Segen. Der Körper wird an vielen Stellen trainiert und belastet, eine einseitige Belastung wird verhindert, aber gleichzeitig kann das Training in der einen Sportart, die Ausübung der anderen belasten. Die Trainer in diesen Kombinations-Disziplinen müssen sehr erfahren sein und viel, sehr viel wissen. Nicht nur über die einzelnen Sportarten, sondern auch über die Wechselwirkungen der Sportarten untereinander.

Das war die Einleitung. Die eigentliche Geschichte geht so:

Viele, so auch ich, befinden sich in der unmittelbaren Vorbereitungsphase eines großen, eines sehr großen Laufwettkampfes. Und in dieser Vorbereitungsphase ist die Ausübung einer Alternativsportart wie Radfahren nur in Teilen für das Laufen sinnvoll, in anderen Teilen leider hinderlich. 1500 km in 10 Tagen über Stock und Stein, durch Berg und Tal, an Fluss und See ist zwar schön, trainiert das Herz-Kreislaufsystem und erfrischt die Psyche, der täglich wachsende Umfang der Oberschenkel gibt aber Grund zu berechtigter Sorge. Die ersten Laufeinheiten bestätigen die Sorge. Laufen geht schwer, langsam und tut weh. Der Puls dazu in astronomisch tiefen Bereichen suggeriert einen Fitnesslevel, der mit der Laufrealität nichts zu tun hat. Schwere Beine im wahrsten Sinne des Wortes müssen durch eine degenerierte Laufmuskulatur bewegt werden. Das kann nicht funktionieren. Lektion gelernt.

Jetzt sind es noch acht Wochen, in denen die Radmuskulatur verschwinden und die Laufmuskulatur aufgebaut werden muss. Mal sehen, ob die Tempoeinheiten dieses Ziel beschleunigen. Selbstversuch Alternativtraining. Das war so nicht gewollt. Die Radtour war sensationell, Triathlon interessiert mich schon lang, oder zumindest Duathlon. Insofern freue ich mich über diese Hürde. Bestzeit ade? Lockerheit hallo? Ich berichte weiterhin aus dem Rad- und Laufkästchen.

Ultra ist lang

So, jetzt bin ich Ultramarathonläufer. 73,5 Kilometer und 1.874 Meter aufwärts sind kein Pappenstiel. Das habe ich gemerkt. Sehr vorsichtig bin ich es angegangen, beinahe ängstlich. Es war richtig so.

Sehr dankbar bin ich meinen beiden erfahrenen Mitstreitern, die sich dieses Jahr nur die Halbmarathondistanz gönnten und mich nicht nur im Ziel erwarteten, sondern mich auch mit reichen Informationen aus ihrem noch reicheren Erfahrungsschatz versorgten. Ihre Gelassenheit, entstanden durch gut zweistellige Supermarathon-Finishs, sprang auf mich über.

Sie fuhren mich nach Eisenach, meinen Startort, der nebenbei der Geburtsort von Johann Sebastian Bach und der Ort der Latein-Ausbildung Martin Luthers ist. Ein passender Ort für den Beginn einer langen Freundschaft.

Übernachtungen hatte ich allerdings schon komfortablere. Ein große Schule sollte das Hotel sein, Klassenzimmer die Schlafzimmer und Luftpolsterfolie das Bett. So weit so gut. Zunächst liegt nur ein einziges Bett. Als ich schon blau gelegen um 22 Uhr um mich schaue, zwängt sich gerade der etwa Zwanzigste bedrohlich dicht neben mich. Jetzt ist voll. Meine Nase auch. Wes Geistes Kind war ich, als ich mich für diese ach so originelle Form der Übernachtung entschied?

Nachdem ich nachmittags meine Luftpolsterfolie ausgebreitet hatte, ging ich zu Fuß in die Stadt, um die Buskosten zu sparen. Die Übernachtung schlug ja schon mit vier Euro zu Buche. Ich musste die Startgebühr entrichten und meine Startnummer abholen. Siebzig Euro hätte das gekostet, wenn, ja wenn nicht einer meiner erfahrenen Begleiter auf der Raststätte jemanden getroffen hätte, der aufgrund eines Faserrisses in der letzten Trainingseinheit nicht laufen konnte. Er trat mir seine Startnummer ab. Kostenlos. Ich hoffe, ich kann mich irgendwann bei jemand anderem revanchieren. „So ist das eben bei den Ultras“, sagte der, der dieses Mal nur mit dem Halbmarathon tanzt. Zehn Euro für die Ummeldung, ohne Nachfragen, einfach so, auf Vertrauensbasis, denn das scheint noch nie missbraucht worden zu sein. Den Namen auf der Startnummer streiche ich mit dem gereichten Stift durch und ersetze die alten mit den neuen Buchstaben. Bei Kilometer 37,5 werde ich mit dem richtigen Namen erwähnt, bei 55 ungefähr heiße ich wieder anders. Ich heiße aber gern so, zu Ehren meines edlen Spenders.

Mit der Startnummer im Rucksack besuche ich das Bach-Geburtshaus und bekomme kurz Gänsehaut. Tausendmal gespielt und immer ist genau das passiert. Bach ist auch Ultra. Die Wartburg muss ich auslassen, denn ich werde  bei der Ankunft in meinem Hotel bereits sieben Kilometer gegangen sein, das reicht für den Vortag.

20 Uhr ist Schlafenszeit, um sechs Uhr fällt der Startschuss. Schlafenszeit ist diese Nacht jedoch nicht. Denn der Bewegungsmelder schaltet das Licht immer an, wenn einer zu tief atmet. Und lässt es zehn Minuten an. Klassenzimmerlicht.  Sieben mal zwei mal zwei mal 36 Watt Leuchtstoffröhren in reinweiß. Tageslichtweiß. Klasssenzimmerweiß. Ein gutes Kilowatt Licht mehr oder weniger die ganze Nacht. So fühlen sich Terrorverdächtige in Guantanamo. Drei Uhr fünfzehn klingelt meine Pulsuhr und erinnert mich an den geräuschlosen Verzehr der Haferflockenpampe. Ohne zu schlafen, mehr noch: lichtgefoltert, geht es an den Start des Ultramarathons. Völlig gerädert nehme ich den glücklicherweise kostenlosen Shuttlebus. Flughafenfeeling in Eisenach.

1.600 von mehr als 2.400 gemeldeten Läufern finden sich tatsächlich am Start ein, auf dem Marktplatz von Eisenach. Ich gebe meinen Kleidersack ab, der nach Schmiedefeld gefahren wird und suche Schutz vor der Kühle im Festzelt. Hier tummeln sie sich, die Ultramarthonis. Ehrfurchtsvoll schweigend, vorsichtig schauend mische ich mich unters Volk und hoffe, nicht als Neuling erkannt zu werden. Das scheußlichste T-Shirt aus meiner Sammlung habe ich über das langärmlige Laufhemd mit der Startnummer gezogen. Ich wollte es nach dem Start wegwerfen. Ich habe es nach der Ummontage der Startnummer nur leicht fröstelnd bis ins Ziel gebracht. Werbung für das schlimmste Schnellrestaurant der Welt als Verweigerer aller tierischer Produkte auf dem Rennsteig zu machen hat etwas ganz eigenes. Ich sollte es wohl noch aufheben. Wer weiß, wozu es noch fähig ist.

Schleim ist der Zaubertrank des Rennsteigs. Hafersuppe oder -schleim, je nach Verdünnung, gibt es fast an jeder Station. Mal mit Blaubeeren, mal ohne, mal weiß man, dass keine Milch drin ist, mal vermutet man, dass welche drin ist. Muttermilch der Kuh während einer extremen Belastung ist meines Erachtens aus rein sporternährungswissenschaftlicher Sicht nicht der Trank der Wahl. Ich hangele mich also von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation, trinke Wasser, trinke süßen Tee, trinke oder esse Schleim, esse Bananen und genieße die unglaublich freundlichen Reicher dieser Gaben und Hand aufs Herz auch die damit verbundenen Gehpausen. Echtes Dunkelbier, Thüringer Bratwürste und Schmalzstullen lasse ich ebenso aus wie Butterbrote und koffeinhaltige Erfrischungsgetränke. Dennoch bewundere ich alle, die das bei Kilometer 60 zu sich nehmen.

Es geht eigentlich ab Kilometer 36 schwer. Da ist es wie beim Marathon. Nur, dass man nicht noch gut sechs, sondern sehr gute sechsunddreißig Kilometer laufen muss. Die Hälfte der Höhenmeter haben wir bei Kilometer 25 geschafft, die andere Hälfte verteilt sich ziemlich ungeschickt auf die restlichen knapp 50 Kilometer. Allerdings ist der lange Abstieg nach Schmiedefeld schon sehr freundlich. Bergab ins Ziel. Das ist nett vom Rennsteig. Da kann man dann sogar wieder rennen. „Du hast es geschafft“, ruft mir eine Wanderin begeistert  bei Kilometer 73 zu. Ja, das habe ich. Ich habe es geschafft. Nicht mehr und nicht weniger. Es geht. Und es geht vorbei, wie alles. Im Ziel muss ich kurz weinen. Wegen der Rührung oder der Bewegungsunfähigkeit? Ich weiß es nicht.

Ich mache es wieder. Diesen schneller und einen anderen länger. Der Beginn einer langen Freundschaft.

 

Letzte Intervalle

Schade sei es, dass ich gar nicht mehr von meiner Vorbereitung auf den Ultralauf erzähle. Finde ich auch. Wahrscheinlich bin ich so überwältigt und ehrfurchtsvoll schweigsam ob des unerreichbar scheinenden Ziels. Vor Kurzem wurde die Strecke noch ein bisschen ausgeweitet. Es sind jetzt 73,5 Kilometer geworden. Und ehrlich gesagt freue ich mich auf diese 700 Mehr-Meter am allermeisten. Also vielen Dank für dafür!

Heute waren letzte Intervalle. Drei mal zwei Kilometer im Halbmarathontempo habe ich mir auferlegt. Eigentlich ganz schön hartes Training. Am vergangenen Sonntag waren es nur zwei Stunden langsam. So sieht Tapering der Ultras aus. Ein Halbmarathon in der Taperingphase und drei mal 2.000 Meter als Abbauverhinderungsreiz. Ist eben alles ein bisschen länger. Auch im Training. Aber auch langsamer. Das ist mein Trumpf. Als Marathonflachstreckenbiszumanschlagausreizer habe ich nun unendlich viel Zeit. Denn hier geht es nicht um Sekunden pro Kilometer, sondern um Stunden. Im Ernst: ich weiß nicht, ob ich achteinhalb oder sieben Stunden brauche. Oder gar neun?

Die schiere Distanz ist es einerseits – noch nie bin ich mehr als 44 Kilometer am Stück gelaufen – aber es sind natürlich auch die Höhenmeter, die ein gutes Einschätzen der Zeit beim ersten Versuch unmöglich machen. Der Streckenrekord liegt bei vier Stunden und fünfzig Minuten, wie das gehen kann, wird mir verborgen bleiben.

Ich freue mich natürlich darauf, mit dem Schlafsack auf dem Boden einer Turnhalle neben 400 anderen Läufern nicht zu schlafen. Ich freue mich auch darauf, mit den beiden alten Hasen, die beide schon mehr als dreißigmal den Rennsteig gelaufen sind, dorthin zu fahren. Ich freue mich auf das schönste Ziel der Welt. Ich freue mich auf die Rostbratwürste, die ich nur riechen werde, auf das Schwarzbier, das ich nur sehen werde und auf Kilometer einundsechzig. Warum Kilometer einundsechzig? Den kenne ich noch nicht. Kilometer eins bis zweiundvierzig kenne ich persönlich. Wir hatten alle schon ein intimes Verhältnis. Es ist der Reiz des Neuen. Ich bin freudig erregt,  wenn ich dem Kilometer einundsechzig zum ersten Mal hinterherrenne. Auch Kilometer siebenundsechzig und neunundvierzig werden eine Affäre wert sein. Dieses Mal möchte ich mich aber ganz monogam auf Kilometer einundsechzig einlassen. Denn von da ist es nur noch die Standard-Hausrunde an der Spree und im Tiergarten. Ein Katzensprung, eine Regenerationsrunde bis ins schönste Ziel der Welt.

Wieso nur macht man das? Mutig und ein bisschen verrückt sei das. Ich finde es im Moment vor allem verrückt. Aber andererseits weiß ich ja, dass der Lauf schon Tausende Male überlebt wurde. Es ist also nur für mich Neuland. Und für alle anderen, die ihn zum ersten Mal machen. Ich glaube, es kann eine Strategie sein, sich andere Ultra-Marathons zu vergegenwärtigen. Es gibt natürlich den Ultra aller Ultras, den 100 Kilometer-Lauf von Biel. Der ist allerdings recht flach. Und dann gibt es so Sachen wie die Umrundung des Mont Blanc mit 168 Kilometern und mehr als 9.000 Höhenmetern. Dagegen erscheint diese Kleinigkeit am Rennsteig wie ein Kindergartenausflug.

So lege ich mir also das Ziel zurecht. Und gleichzeitig kommen die Ziele, die ich jetzt als Hilfe heranziehe in den Möglichkeitsraum. Ultra heißt halt jenseits. Mehr als. Viel mehr als. Viel mehr als möglich erscheint. Wenn man es nicht mal versucht hat.

 

Ultra

Jenseits heißt das. Aber jenseits wovon? Jenseitsmäßig sind so absurde Wortschöpfungen aus dem südlichen Teil Deutschlands. Das Jenseits wird oft religiös verwendet oder dann wenn man Angst hat, über den Tod zu reden. Ich habe keine Angst über den Tod zu reden, dennoch soll es jetzt nicht darum gehen. Ultra im Ausdauersport bedeutet immer jenseits der üblichen Distanz. Ein Ultra-Halbmarathon ist also ein 25-Kilometer-Lauf? Vielleicht. Ich glaube allerdings, dass man nach jeweiliger Vorstellung immer das schon fast Unerreichbare nimmt, also im Laufsport die Königsdistanz Marathon. Jenseits des Marathons heißt also noch länger. Länger als 42,195 Kilometer.

Per Definitionem ist also ein Ultramarathon jede Strecke, die länger als ein Marathon ist. Also bin ich jetzt ein Ultramarathonläufer. Denn ich habe schon zwei Einheiten mit je gut 43 Kilometern absolviert. Das ist lang und das tut auch weh. Es belastet den Bewegungsapparat, die Sehnen, die Knorpel, die Muskeln, die Knochen und auch die Psyche. Vier Stunden laufen ist ziemlich lang. Das ist ein halber Arbeitstag, den man nur mit Laufen verbringt. Und es ist ein Ultramarathon. Streng genommen.

Man nimmt sich für solche Ultramarathons im Training auch ultraviel Zeit. Man läuft also langsam. Und gleichmäßig. Ich für meinen Teil laufe immerhin gut 70 Minuten länger als bei meinen Marathon-Wettkämpfen. Das ist echt Ultra. Aber es wird noch ultraer. Denn am 20. Mai geht es wirklich zur Sache: fast 73 Kilometer und knapp 2000 Höhenmeter stehen vor mir und ich im wahrsten Sinne wie der Ochse vor dem Berg.

Ich muss mal ganz ehrlich sagen: Mir ist mulmig zumute. Die langsamen Vierstundenläufe gehen ja einigermaßen. Da sind allerdings nicht annähernd die Höhen dabei, die es beim Rennsteig zu bewältigen gibt und es fehlen noch 30 Kilometer obendrein. Ist es die normale Angst vor noch unbekannten Distanzen? Ist im Wettkampf alles anders, wie immer? Oder ist das tatsächlich eine Nummer zu groß?

Jenseits der Vorstellungskraft. Auch das heißt wohl Ultra-Marathon.

 

Nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf

Jetzt geht es erst richtig los. Der erste Vorschlaghammer war nur dafür da, Bescheid zu sagen. Dem Körper. Hallo, hier wird weitergemacht. Nicht nur Training, sondern eben auch ernsthaft kämpfen. Laufen, bis es wehtut, auch noch vier Tage danach.

3:49 min pro Kilometer 21 mal hintereinander ohne Pause. Das ist das Ergebnis. Zu langsam, sagt der Marathontrainer für das Ziel im Herbst, ganz okay, sagt der Beschwichtiger, der den schnellsten Frühjahrshalbmarathon in der Laufkarriere sieht.

Schon ziemlich genau acht Minuten steht sie da im Ziel, inzwischen bereits völlig erholt und wartet auf irgendjemanden. Auf mich jedenfalls keinesfalls. Sabrina Mockenhaupt. Schnellste Deutsche. Sympathische Topläuferin. Nach längerer Verletzungspause wieder ziemlich voll da. Ein kurzer Abklatscher und der Hobbyläufer ist glücklich. Danke Sabrina, dass du mich berührt hast.

Nach solchen Wettkämpfen ruht man sich aus. Und in dieser Ruhephase schreibt man Trainingspläne für die nächsten Ziele. Mein nächstes Ziel überrascht mich immer wieder aufs Neue. Knapp 73 Kilometer und gut 1.800 Höhenmeter. Ebenfalls überrascht mich der Umfang, den man da so im Training braucht. Die nächsten Sonntage werden lang. Sehr lang. Ob ich es schaffe, 4 Stunden am Stück so langsam zu laufen, dass es keine Marathons werden? Es wird sich zeigen. Eigentlich wollte ich das schon immer mal machen. Einen Marathon langsam laufen. So, dass man ankommt und eigentlich noch weiterlaufen könnte.

Ich bin gespannt.

Die erste Probe

Elf Wochen Training münden in eine Tapering-Woche. Aaaah. Zwei Ruhetage in einer Woche. Zwei! Nicht hintereinander, aber fast. Kurze, schnelle Intermezzi als Abschlaffungs-Verhinderung.  Und – falls ich es noch nicht erwähnt hatte – zwei Tage ohne Training. Also nicht laufen. Zumindest nicht schneller als 10 Minuten pro Kilometer. Das ist wirklich etwas Besonderes in so einem Läuferleben.

Doch die Ruhe trügt. Diese Ruhe ist eigentlich nur dazu da, den Vorschlaghammer erträglich zu machen. Die erste Probe im Jahr, sie kommt wie ein Vorschlaghammer. Im Grunde genommen ist jeder Wettkampf ein solcher Vorschlaghammer, der erste Vorschlaghammer im Jahr ist jedoch ein besonders großer.

Es ist doch nur ein Halbmarathon hört der Marathonläufer häufig. Das schaffst du doch mit links. Ja, im Marathontempo vielleicht. Auch nicht mit links, aber zumindest leichter. Aber einen Halbmarathon läuft man ja nicht im Marathontempo, sondern im Halbmarathontempo. Und das ist nicht etwa halb so schnell, sondern im Gegenteil, ein bisschen schneller. Wenn man genau ist, sind das bei mir sieben Sekunden schneller pro Kilometer. Achsooooo. Nur sieben Sekunden. Das geht ja.

Ja. Das geht. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Sieben Sekunden pro Kilometer summieren sich auf 147 Sekunden, also etwa zweieinhalb Minuten pro 21,0975 Kilometer. Ein Halbmarathon ist kein halber Marathon. Das stimmt, was die Belastung des Körpers angeht. Aber er ist eine sehr schnelle erste Hälfte des Marathons. Eine Hälfte die so schnell ist, dass du keinesfalls eine zweite davon absolvieren kannst. Zumindest nicht, wenn du am Limit läufst und ernsthaft an Bestzeiten arbeitest.

So erwartet mich der Sonntag. Der erste Vorschlaghammer im Laufjahr. Das Training ist absolviert, die Intervallzeiten habe ich zuverlässig überschritten. Immer wieder. Die Vorbereitung ist mäßig gelungen. Die Erwartungen werden herabgestuft. Es ist, was es ist, sagt die Liebe. Mit der muss ich dem Vorschlaghammer begegnen. Alles andere wäre Gewalt.

Gegenstromanlage

Der Ganzjahresläufer hat im Gegensatz zum Schönwetterläufer einen größeren Erlebnispool, aus dem er berichten kann. „Damals, als ich bei Minus 27 Grad und Windstärke sieben auf den Feldberg hochgerannt bin und meine Handschuhe verlor“ oder „damals, als es kurz vor Ostern diesen Temperatursturz gab und ich von zentimeterdicken Eiskugeln fast erschlagen wurde“ oder eben die erst kurz vergangene Vergletscherung. Wenn jemand im Winter laufen tut, dann kann er was verzählen. Frei nach Matthias Claudius.

Wenn einer immer laufen tut, dann kann er was erleben. Eines dieser uninteressanten Erlebnisse ist zum Beispiel der stehende Wind. Den gibt es nur im flachen Nord- und Ostdeutschland. Es ist ein Wind, der absolut tot ist. Er bläst wie ein geeichter Industriefön im Windkanal. Immer aus der gleichen Richtung, immer gleich stark und immer gleich kalt. Testlabor auf dem Land. So etwas kennt man im bergigen Land nicht. Das ist eine Spezialität des Flachlands. Auch am Meer ist das meines Erachtens anders. Da lebt der Wind. In Nord- und Ostdeutschland im Winter und im Frühjahr ist der Wind aus Osten eingeschlafen. Oder gestorben. Und irgendjemand hat vergessen, ihn auszuschalten. Oder ihn wenigstens etwas aufzuheizen. Nix. Eiskalt und stehend kommt er aus Osten und bläst und bläst und bläst. Ohne Unterlass.

Nun fällt dem eifrigen Erzähler natürlich ein, dass das ein gutes Training ist. Man kann langsamer laufen und hat den gleichen Trainingseffekt. Der schlaue Beobachter merkt natürlich, dass die Anstrengung die gleiche ist. Es ist psychologisch also äußerst ungut, sich gleich anstrengen zu müssen und viel langsamer zu laufen, bloß weil einem ein gestorbener Wind eiskalt im Gesicht steht. Dazu kommt noch, dass das besonders weh tut, wenn man in der Endphase eines Laufs noch eine Endbeschleunigung einfügen muss. Und will es der Teufel, erwacht da der Wind kurz zum Leben. Eine Zuckung nur. Und nach der Zuckung rastet er sofort wieder ein, auf einer etwas höheren und kälteren Stufe. Das ist wie eine Gegenstromanlage im Schwimmbad. Nur ergibt das in den unendlichen Weiten Brandenburgs einfach keinen Sinn.

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind. Der Läufer empfindet ihn eher als Gesandten des Teufels. Und wenn er nicht aus dem Hades geklettert ist, steht er noch heute im Gesicht aller Ganzjahres-Flachlandläufer.

 

Minus 7 – Laufen in der Tiefkühltruhe

Es reicht! Endgültig. Laufen in der Tiefkühltruhe. Diese Kälte ist unfair. Unfair den Insekten, den winterschlafenden Tieren, den Obdachlosen und den Läufern gegenüber. Wer denkt sich das eigentlich immer aus? Wer schreibt das Wetter-Drehbuch? „Diesen Winter machen wir es mal so, dass es wenig schneit, aber gerade viel genug, dass die Wege vergletschern, dann lassen wir es monatelang weit unter Null, damit die Gletscher lang anhalten und die Obdachlosen mal so richtig durchgefrostet werden. Und außerdem sehen wir dann, welcher Läufer seinen Schweinehund nicht Gassi geführt hat, sondern faul mit ihm zu Hause geblieben ist.“

Genau, das Wetter-Drehbuch. Das wird nur gegen Läufer geschrieben. Der Hund denkt ja auch, nein er weiß es, dass das Gewitter nur und ausschließlich für ihn donnert. Es donnert, weil er heimlich ein verschimmeltes Wursträdchen aus dem Mülleimer gezogen hat. Der Läufer denkt, es ist kalt und glatt und windig, weil er beim letzten 10-Kilometer-Lauf nicht alles gegeben hat. Er hat nicht den Geschmack nach Rost und Knochen gespürt. Deswegen muss er jetzt leiden. Bis weit in den April hinein. Strafe muss sein. In kleinen Zyklen und in großen. Der freie Samstag hat eine so genannte Kleinzyklus-Strafe zur Folge, der zu wenig verbissene 10-Kilometer-Lauf bringt eine Groß-Zyklus-Strafe in Form eines Winters bis weit nach den ersten Frühlingswettkämpfen.

So periodisieren wir also nicht nur unser Training, sondern auch unsere Strafen. Alles passiert in Zyklen. Wir müssen in großen Zeitabschnitten denken, dann tut uns das momentane Ereignis nicht so weh. Und was trotzdem weh tut, macht hart. Laufen bei minus sieben Grad lässt einen dann bei Plusgraden dahintänzeln. Laufen auf Gletschern mit etwa einem Schritt zurück bei zweien nach vorn lässt einen auf eisfreien Wegen dann den Vortrieb eines RS6 genießen und wenn der stehende Eiswind aus Osten den warmen Frühlingslüftchen aus allerlei Richtungen weicht, fühlen wir uns umschmeichelt und am blauen Band gezogen.

Zur Strafe

Tägliches Training bedeutet, dass jeden Tag trainiert wird. Jeden Tag. Also auch samstags, mittwochs, dienstags, sonntags, freitags, montags und donnerstags. Es könnte auch sein, dass jeder Tag zwei Trainingseinheiten bereithielte. Aber das ist der Profibereich. Oder der, der Sportsüchtigen. Damit habe ich nichts zu tun. Weder mit den Profis, noch mit den Süchtigen. Gar nichts.

Das tägliche Training bedeutet auch, dass man keinen trainingsfreien Tag hat. Gar keinen. Also auch nicht samstags. Wenn man samstags dann doch plötzlich freimacht, muss der Sonntag als Ausgleich her. Also entweder zwei Einheiten oder eine lange. Klar. Sonst hat man ja geschummelt. Und das geht nicht. Strafe muss sein. Ein freier Samstag fällt nicht vom Himmel. Er muss bezahlt werden. Mit dem Sonntag.

29 Kilometer lang hatte ich also Zeit, um über meine Sünde nachzudenken. Langsam. Lauf und denk langsam. Wir erinnern uns an LSD. Das ist eigentlich für das Halbmarathontraining etwas viel, aber wir erinnern uns auch an große Pläne.  Und außerdem muss gebüßt werden. Es muss gebüßt werden. Das ist eine passive Formulierung, die sehr gut zu der Strafe von oben passt. Ich werde bestraft. Ich werde gelaufen. So lange, bis ich nie nie nie wieder einen Tag auslasse. Wo kämen wir denn da hin? Sicherlich nicht in den Läuferhimmel. Auch nicht mit LSD.

Krosses Training

Unter Crosstraining versteht man das Training in verschiedenen Sportarten. Man könnte es auch einfach „Training in verschiedenen Sportarten“ nennen. Oder „Heute-habe-ich-Lust-auf-Radfahren-morgen-auf-Schwimmen-und-übermorgen-laufe-ich-Training“.  Oder halt Crosstraining. Ist natürlich kürzer. Und klingt schon fast wissenschaftlich. Anglizismen mag ich nicht so, auch wenn sie zugegebenermaßen knackig und gut beschreibend sind. Aber man muss ja auch nicht alles mögen.

Also ein hervorragendes Alternativtraining für den Läufer ist Fahrradfahren. Das hat zwei Gründe. Oder eigentlich ganz viele, aber zwei ganz praktische. Radeinheiten ermöglichen einerseits eine längere Belastung und andererseits schonen sie den Bewegungsapparat. Man kann also seiner Grundlagenausdauer einen Boost (auweia!) geben und trotzdem seinen Bewegungsapparat entlasten. Fünf Stunden auf dem Rennrad sind möglich aber sinnlos würde Vico von Bülow gesagt haben. Der moderne Sportler hingegen sieht genau darin einen Sinn. Eine fünfstündige Belastung im Grundlagenbereich ohne auch nur eine Knorpelschicht der Laufstruktur zu belasten ist ein sehr sinnvolles Geschenk. Es dürfen auch nur zweieinhalb Stunden sein. Und es darf auch das Mountainbike sein. Gespickt mit kurzen Anstiegen und damit verbundenen Pulsspitzen bewirkt dieses Crosstraining eine psychische und physische Auflockerung des Menschen, des Sportlers.

Die nächste Einheit in der gewohnten Sportart ist nach anfänglichen Bewegungstölpeleien dann erstaunlich locker. Wie nach einem Neustart des Computers (auweia!). Andere Muskeln sind belastet, die spezifische Muskulatur des Hauptsports ist entlastet. Man fühlt sich so flexibel. So stark. So kross.

Mach-was-du willst-Training. CrossFit erfreut sich ja größter Beliebtheit. Da ist das Cross Programm. Es geht nur darum, möglichst immer was anderes zu machen. Auch mal bei 35 Grad mit Atemschutzmaske einen Betonklotz 1000 Meter auf rauem Asphalt zu ziehen. Das wäre bestimmt keine schlechtes Alternativtraining für Läufer.

Wer also wirklich schnell werden will, muss crosstrainieren. In der direkten Wettkampfvorbereitung ist es allerdings nur mit größter Vorsicht einzusetzen, denn da geht es ja darum, die eigentliche Sportart auszureizen. Bis der Arzt kommt. Und die Bestzeit.

Gletscher

Ja, ich gebe es zu. Es ist schwer, im Winter zu laufen. Das strenge Kontinentalklima macht einem das Leben als Läufer manchmal schwer. Aber was hilft’s?

Natürlich kann man fluchen. Das hilft auch. Kräftig gegen den Eiswind im Gesicht fluchen. Oder gegen die vereisten Wege. Es sind ja nur die Laufwege vereist, die Wiesen, die Straßen und alles außer der Strecke, auf der ich laufe sind schon seit Wochen schnee- und eisfrei. Ich nenne dieses Phänomen die Vergletscherung der Laufwege. Dagegen muss man fluchen. Gegen die Rutschigkeit, gegen die Folter des Läufers. Wer macht das und vor allem warum?

Wer ist dafür verantwortlich, den Läufer im Winter zusätzlich zu behindern? Stetig stehender Gegenwind, vereiste Laufwege, Eiseskälte. Wüsste ich es nicht besser, würde ich denken, das sei Zufall. Die Anhäufung der Hindernisse kann aber kein Zufall sein. So böse kann der Zufall gar nicht sein.

Ich bin aber noch böser. Ich sehe es einfach als Super-Training an. Wie die Gegenstromanlage im Schwimmbad. Die Satellitenmessung zeigt 6:03 min/km an, aber es sind eigentlich 4:23. Laut Puls jedenfalls.

Insofern, lieber Herr Winterarsch, mach ruhig weiter so. Was uns nicht umbringt, macht uns schneller. Uns Winterläufer.

Verständnis

„Hey! Runta da! Det jeht nich.“ Wer kommt denn auch auf so eine dämliche Idee? Es liegt eine geschlossene Schneedecke, die Bahn ist nichtmal mit Mühe zu erkennen, aber es müssen 800 Meter Intervalle gelaufen werden. Und das, obwohl man weder die Bahn sieht noch fühlt. Ja, wo laufen sie denn? Die Leib- und Magenbahn. Eigentlich dachte ich, ich sehe die Bahn auch noch, wenn sie weg ist. Nach einem Erdbeben oder so. Aber dem ist offensichtlich nicht so. Ich weiß ja, dass die Gerade und Gegengerade je 100 Meter lang sind und die Kurven dann eben auch je 100 Meter. Macht zusammen 400 Meter. Aber wo um alles in der Welt ist die Kurve? Wie dicht ging die noch an dem Hammerwurfkäfig vorbei? Ach da ist ja ein Schneemann. Innen oder außen dran vorbei? Wie war das im Sommer, wo stand der denn da? Eigentlich sollte es ja ein gleichmäßiger Halbkreis sein, genau gleich wie die andere Hälfte unten. Eigentlich habe ich erwartet, dass die Bahn für mich geräumt wird. Oder dass sie wegen mir eine Heizung eingebaut hätten, als sie im Sommer alles neu gemacht haben. Oder dass sie zumindest ein Seil legen, in das ich mich in jeder Kurve einklinken kann und an dem ich wie ein Zirkel den Halbkreis sauber ziehen kann. Aber nein. Im Gegenteil: „Runta da!“

Okay. So im Nachhinein betrachtet, ergibt das auch Sinn. Schnelle Intervalle auf einer geschlossenen Schneedecke auf einem nicht öffentlichen Terrain evozieren nicht gerade Entspannungsgefühle bei dem Haftenden. Aber das Wetter ist doch so schön und ich schleppe mich im Falle einer schneeinduzierten Verletzung ganz sicher auf die Straße. Dem herbei fliegenden Rettungshubschrauberpersonal und den Polizeibeamten sage ich, dass ich hier auf diesem Kanaldeckel ausgerutscht sei. Die Blutspur sei keine Blutspur, sondern es habe von hier so weit gespritzt und bitte: schnell die Blutersatzflüssigkeit anhängen, bevor ich das Bewusstsein gänzlich verliere.

Wahrscheinlich dachte der Platzwart genau das. Dem fehlt einfach das Bewusstsein. Also lieber Platzwart. Ich verstehe dich. Du hast zu 100% Recht. Ich darf da nicht laufen. Es ist zu gefährlich und völlig schwachsinnig. Ich danke dir für deine Freundlichkeit trotz meines Wahnsinns. Ich habe Verständnis. Echt. Dass die improvisierte Runde außerhalb des Platzes wesentlich rutschiger und gefährlicher war, kannst du ja nicht wissen.

Große Pläne

Jetzt ist die Zeit der großen Pläne. Darf’s denn ein bisschen mehr sein? Oder ist es nur der Halbmarathon im Frühjahr und der Marathon im Herbst? Ich finde, manchmal darf es auch etwas mehr sein. Allerdings kommt man bei der Wettbewerbsjahresplanung sehr oft in zeitliche Schwierigkeiten. Wenn man bedenkt, dass allein die Vorbereitung auf den Herbstmarathon ein Vierteljahr Laufen in Vollzeit und allgemeinen Verzichts bedeutet, erscheint ein eingeschobener Ultralauf geradezu absurd. Gibt es denn in diesem Jahr noch etwas anderes außer Laufen?

Mein Vorsatz für dieses Jahr ist: „Lauf, du Sau!“ Also immer, mehr, schneller, ausschließlicher, extremer, länger. Könnte man so sehen. Ich könnte aber auch versuchen, das Laufen noch besser ins Leben zu integrieren und es nicht ganz so als ver- und entrücktes externes Element zu betrachten.

Der Süchtige integriert seine Sucht, um sie normal erscheinen zu lassen. Sucht ist also keine Sucht, sondern normaler Bestandteil des Lebens. Okay. So mache ich das.

Aber wie laufe ich 73 km im Mai? Rennsteig heißt der Pfad der Entrückten, im Thüringer Urwald mit 1.867 Metern, die es hinauf geht und etwas weniger wieder runter. Vier Monate vor dem Marathon ein Ultramarathon. Das ist der Stoff aus dem Überlastungen gemacht werden. Wenn man es falsch macht. Mein Ziel muss also sein: „Lauf langsam, du Sau!“ So mache ich das. Ein läuferischer Spaziergang sozusagen. Ein Ultramarathon als Vorbereitungs-Wettkampf für den Marathon. Ein interessantes Experiment.

Ich halte dich auf dem Laufenden.

Laufen im Winter

Wer macht denn sowas? Jetzt werden Plätzchen gegessen, tierische Fette, leere Kohlenhydrate und viel Alkohol. Ein Bier ist auch ein Schnitzel. Ein Tor, wer anderes denkt. Laufen ist für den Sommer.

Es gibt Verrückte, die sagen, dass die Form im Winter aufgebaut wird. Und sie meinen damit nicht die äußere Form des Körpers. Sie meinen die Leistungsfähigkeit. Sie meinen ernsthaft, dass die Grundlagen für den Marathon jetzt gelegt werden. Will heißen: Jeder Schnaps im Januar bedeutet eine Minute im September. Nicht auf der Habenseite sondern auf der anderen. Schnaps ist also das Gegenteil von Intervalltraining. Wer jetzt nicht läuft, verliert im September. Pah! Carboloading beginnt jetzt. Schokoladenschaumküsse aus Bremen, Marzipan aus Bayern, Gutsle aus Stuttgart  und Gänse aus Brandenburg. Das sind die Kalorien, aus denen Bestzeiten entstehen.

Da gibt es Leute, die sagen, im Winter muss man Krafttraining machen. Das Tranchieren der Gans bringt hervorragende Rumpfstabilität. Um den Thorax des Geflügels zu durchtrennen, muss man Kraft in der Hand haben, aber vor allem sicher stehen. Und sicherer Stand kommt aus den Hüften. Wer also keine Hüftstabilität hat, kann weder schnell laufen noch Gänse tranchieren. Tranchiert bis der Arzt kommt, dann klappt’s auch mit dem Marathon.

Im Winter entsteht die Form, man muss nur kreativ sein.

 

Scheitern

Ja, ich bin gescheitert. Mein Ziel habe ich deutlich verfehlt. Ich hatte einen Einbruch wie im Bilderbuch. Bei Kilometer 34 wollten die Beine nicht mehr, schlimm wurde es bei Kilometer 37 und ganz schlimm bei Kilometer 39. Der Rest war wie in Trance. Die Beine haben sich nicht mehr bewegt. Der Puls ging um 10 Schläge runter. Die Muskeln hatten keine Kohlenhydrate mehr. Das spräche alles für schlechtes Fettverbrennungstraining, also zu wenige langsame Läufe oder zu schnelle langsame Läufe. Im Training war aber nichts anders als im letzten Jahr. Ich war gesund, habe mich gut ernährt und das Training verlief sehr gut. Alle Helfer an der Strecke haben mich großartig und punktgenau versorgt.

Was war es? Ich habe keine Ahnung.

Ich bin enttäuscht und muss feststellen, dass trotz akkuratem, punktgenauem Training Ausrutscher möglich sind. Bei allem Wunsch nach Vorhersagbarkeit durch Erfahrung muss man merken, dass es sie nicht gibt, die Sicherheit. Das ist wohl das Dilemma im Leistungssport. Man trainiert auf einen Punkt hin und an diesem Punkt muss alles passen. Es gibt nur diesen Punkt. Keine zweite Chance. Friss oder stirb. Gestern bin ich gestorben.

Viele sagen, ich sei zu hart mit mir, ich habe eine gute Zeit erreicht und ich solle doch stolz auf mich sein. Ich verstehe, dass sie mich nicht verstehen. Es ist ja auch schwer. Natürlich sind zwei Stunden, einundfünfzig Minuten und einundvierzig Sekunden für die Marathonstrecke ganz in Ordnung. Unter den ersten achthundert überhaupt und einundachtzigster in der Altersgruppe sind ein gutes Ergebnis. Aber für dieses Ergebnis habe ich nicht trainiert. Es ist mir zu wenig, der Aufwand für dieses Ergebnis war zu hoch, das Einbrechen am Ende der Strecke ein Schlag ins Gesicht.

Es sind sechs Minuten, die ich am Ende nach einem harten Rennen verschenken musste. Ich konnte nichts tun. Nicht mit Gewalt, nicht mit Willen, nicht mit Hilfe. Ich musste mein Scheitern ertragen.

Dennoch hatte ich ganz gute Laune, konnte akzeptieren, dass es nicht geklappt hat, spürte die höhere Gewalt. Witzchen machend beendete ich den Lauf, feierte mit den Mitläufern und den Helfern. Man lernt wohl auch, mit Niederlagen umzugehen, je länger man diesen Wahnsinn betreibt. Ich muss nicht vom Sport leben. Darum geht es auch nicht. Ziele, die man erreichen will und die man nicht erreicht sind immer noch Ziele. Dieselben, die es waren, keine neuen. Vielleicht muss ich mir ein neues Ziel stecken. 2:40.

Alle, die mich trösten wollen, sind auch gescheitert, mussten scheitern. Wirklich verstehen kann ich es wohl nur selbst. Das ist einfach so, das macht den Trost nicht schlecht oder falsch. Er hätte nicht besser sein können.

Ein Ziel ist auch: Demut lernen, weil man eben nicht alles kontrollieren kann.

Tik Tak

Gäbe es noch Uhren, die ein Uhrwerk haben, tikte und takte es jetzt sehr laut. Frühstück ist seit 45 Minuten abgeschlossen, Kurznachrichten sind verschickt, Laufkleidung ist angelegt und es wird sogar schon hell.

Geschlafen habe ich nicht. Trotzdem wirke ich erholt. Das Wetter ist kaiserhaft, bei ohnehin stabiler Wetterlage ist der Marathonsonntag noch stabiler und schöner und besser und toller und sonniger. Keine Ausreden. Fast keine Zipperlein, kein Halskratzen, kein Augenjucken. Lediglich der fehlende Schlaf könnte herhalten.

Gleich gehe ich los. Dann gibt es kein Zurück. Die Minuten vor dem Start kenne ich in- und auswendig. Mich kann eigentlich nichts überraschen. Und doch bin ich aufgeregt, als gäbe es was zu verlieren.

Lauf, du Sau.

Die Ruhe vor dem Sturm

Es ist Samstag. Nicht irgendein Samstag. Es ist DER Samstag. Der Sonnabend des Herrn. Wir haben ein letztes Mal geschlafen, die kommende Nacht wird eine Überflüssige sein. (Es ist wie immer Kaiserwetter, der Sommer in Berlin findet an ein paar Tagen Anfang Mai und Ende September statt, dazwischen ist es kalt und regnerisch.)

DER Samstag also. Der Marathonläufer erwacht früh. Sehr früh. Ist ja irgendwie klar, wenn er nach einem trainingsfreien Tag kurz vor zehn das Bett aufsucht. Der Rhythmus ist schon auf das Rennen gepolt. Morgen muss das Frühstück um viertel nach sechs abgeschlossen sein. Ruhe ist die bestimmende Gemütsform heute. Die Gäste der Helferbedankungsfeier morgen müssen sich mit vorbereitetem Essen zufrieden geben, gekocht wird heute nicht, gekocht wurde gestern. Heute wird geruht. Nicht viel gehen, nicht viel stehen, viel liegen, ein wenig sitzen und ein wenig laufen. Ja. 20 Minuten sollen es sein. Langsam. Laaaaaaaangsam. Bloß keine Geschwindigkeit. Außer bei den Steigerungen  am Schluss. Fünf mal kurz sprinten. 100 Meter. Das dient dazu, die Muskeln am Rückbau zu hindern. Der Mensch ist ja wie ein Hund auf Energiesparen und Anpassung eingerichtet. Werden die hochgezüchteten Muskeln nicht benutzt, ziehen sie sich sofort zurück. Ins Nichts. Weg. Braucht man nicht mehr. Macht man weg. Um das zu verhindern und gleichzeitig maximale Erholung der noch nicht verschwundenen Laufmuskeln zu erreichen, bedient man sich dieser Tricks. Man suggeriert den Fasern Arbeit ohne wirklich Arbeit zu fordern. 20 Minuten aufwärmen und dann fünfmal kurz, ganz kurz reizen. Sprinten. Sieht dämlich aus, ist aber ein guter Trick. Der Puls geht kurz hoch und schnell wieder runter. Die im behäbigen Abbaumodus befindlichen Muskelfaserzellen erschrecken dann. Ups. Kommando zurück, wir werden ja doch gebraucht. Abbau sofort stoppen! Alarmstufe rot.Der Körper an sich gähnt. Schließlich ist er ganz anderes gewohnt und erwartet auch ganz anderes. Zu Recht. Aber das kommt erst morgen.

Wir sind jetzt nur noch zwei kleine Läuferlein. Die dritte im Bunde kann wegen einer Sehnen- oder Muskelverletzung am Knie nicht laufen. Es ist nur ein kleines Aua, das im normalen Alltag fast keine Bedeutung hätte, für einen Marathonlauf hat es eine große. Es ist das dümmste und blödeste, was passieren kann. Drei Monate harte, konsequente und auch entbehrungsreiche Vorbereitung auf diesen einen Tag. Dann passiert es bei einer der letzten Trainingseinheiten: klock! Aus, Maus, Applaus. Das war’s. Geht nicht gibt’s! PECH heißt: Pause, Eis, Compression, Hochlagern.

Das Suchen nach anderen Marathonläufen noch in diesem Herbst war Hirngespinst, jetzt ist es Realität. Wir laufen für dich mit. Du hilfst uns an der Strecke. Wir revanchieren uns. In Jena, Leipzig, Halle oder Schwerin.

 

Angerichtet

Letztes Training ist immer Dienstags vor dem X. Also das letzte, was man noch im erweiterten Sinn als Training bezeichnen kann. 6 Kilometer im Marathon-Renntempo. Das kommt einem jetzt nicht extrem hart vor, soll es auch nicht. Auch wenn hier wie immer die Frage schmerzhaft mitläuft: „Wie um Himmels Willen, soll ich dieses Tempo mehr als siebenmal am Stück durchhalten?“ Aber das kennen wir ja schon. Immer wieder. Die Frage nervt mich schon, bevor ich sie denke.

Heute habe ich auch die Strecke mehrfach gekreuzt. Der Herbst hat sein blaues Band auf die Straße gemalt. 3 Streifen aus Herzogenaurach für die Läufer dieser Welt erstrahlen auf den auf Kriegsgröße aufgeblähten Verkehrswegen der Hauptstadt. Wem da nicht mulmig wird, läuft nicht Marathon. Die Route de la torture ist angerichtet. Für Autofahrer sind die Streifen Synonym für Verkehrschaos. Die lockere Laufrunde blockiert die gesamte Innenstadt durch alle Bezirke, außer Spandau vielleicht. Ein Tor, wer sich ernsthaft darüber aufregt. Wer an dem Tag Auto fahren will, muss sehr gut planen.

Unser Lauftrio, also das Trio derer, die die Geister riefen, wackelt leider. Ein verletzungsbedingter Ausfall scheint möglich, aber vorbei ist es erst, wenn es vorbei ist. Das ist der größte Schaden, der einem seit einem halben Jahr trainierenden Athleten zugefügt werden kann. „Macht doch nichts, läufste halt nächstes Jahr… “ Pustekuchen. Das können nur echte Läufer verstehen, die aber richtig. Es ist tatsächlich dramatisch. Es versaut einem die Laune über Tage, man zweifelt, ob man überhaupt jemals wieder laufen will. Enttäuschung pur. Frust. Depression.

Wir drücken alle Daumen und schauen schonmal mit einem halben Auge auf noch anstehende Marathon-Termine im Herbst.

Es ist vorbei

Das fällt schwer. Das tut weh. Das muss man hinnehmen. Eine Leere ist da. Man fühlt sich haltlos. Was soll jetzt werden?

Während andere glücklich ins Wochenende aufbrechen, sich verabreden, laufen gehen, eine Radtour machen oder eine Ausstellung besuchen, sitze ich hier und zittere.

Nein, das habe ich nicht verdient. Zwar geht es vielen anderen auch  so, aber mich trifft es doch am meisten, wenn es mich trifft. Mich würde interessieren, wie die anderen mit dem Unvermeidbaren umgehen. Welche Strategien entwickeln sie, um mit dem Loch klarzukommen. Welche Verdrängungsmechanismen wirken, welche Ablenkung hilft?

Es ist der Sad Tuesday, der Black Friday, der Montag und der letzte Tag des Urlaubs in einem. Es ist die Hölle. Lasst mich doch bitte laufen, nicht die Mäuse an der Wand. Viel. Immer. Schnell. Ich verspreche, dass ich nicht jammern werde. Nie wieder. Nur noch einmal, morgen höre ich auf.

Wahrscheinlich können den Verlust nur Menschen nachvollziehen, denen Ähnliches widerfahren ist. Monatelanges Konsumieren, Fokussierung, Ausklammern alles anderen, effektive Konzentration auf nur diesen einen Punkt, den Tag X.
Und dann ist es vorbei. Plötzlich, unerwartet und hart trifft es dich. Wie ein kalter Entzug. Die Sucht ist groß, der Verzicht kaum möglich, aber es gibt keine Alternative. Alles andere gefährdet die Gesundheit und den Erfolg am Tag X.

Tapering ist der Turkey des Laufsüchtigen.