Block H

Es ist Marathonmesse. Damit fängt das ganze Spektakel an. Ab da gibt es kein Zurück mehr. Bist du einmal im Flughafen Tempelhof, lässt dich keiner mehr frei. Gefangen und verhaftet. Der Marathon ist unausweichlich.

Dort bekomme ich gegen Vorlage des Ausweises und meiner Teilnahmebestätigung ein Bändchen ums Handgelenk und meine Startnummer ausgehändigt. Die Startnummer ist etwas besonderes, denn da steht neben meinem Namen auch der Startblock drauf. Der Startblock richtet sich danach, wie schnell ich laufe. Unter 2:40 h ist Block A, 2:40 bis 2:50 ist Block B, 2:50 bis 3:00 ist Block C, usw. Es sind also nicht nur Vorschusslorbeeren, sondern es ist eine Frage der Ehre. Und da hört der Spaß auf. Jeder Mitläufer schaut als erstes auf den Startblock und dann erst auf die Beine des Konkurrenten.

Mit großer Spannung in der Erwartung eines Kommentares, wie: „Det isn Schnella!“ oder „Na dann viel Schbass bis halb zwölf.“ stehe ich im Gedränge und warte geduldig mit Genugtuung. Der Held wartet auf seine Lorbeeren. Dann kommt der große Moment, ich trete an einen freigewordenen Platz heran. Es ist einer von etwa 40. Mein Ausweis und meine digitale Teilnahmebestätigung präsentiere ich stolz, doch mit der nötigen Portion vornehmer Zurückhaltung. Ein tiefer Atemzug und batsch! Eine größerer Ohrfeige habe ich in meinem Leben noch nicht erhalten. Von Ohrfeige zu sprechen trifft den Nagel jedoch mitnichten auf den Kopf. Es ist eine Vernichtung. Ich habe mich zur Teilnahme als schneller Läufer qualifiziert und wurde nicht etwa gelost, neeeiiin. Ich bin hier der Zampano, der Läufer vor dem Herrn, der gestörteste von allen. Und ich habe Ehre verdient.

Doch es kommt, wie es schlimmer nicht kommen kann. Mein berührungssensitives Taschentelefon wird digital abgetastet und batsch. Batsch, batsch, batsch! Name richtig, Geburtstag richtig (leider!) und Startblock H. Haha! Ein Witz, denke ich. Doch die ernste Miene der Tresendame verrät nichts Gutes. Nach einem so guten Witz so ernst zu bleiben, das schafft ja nichtmal Kurt Krömer. Wo ist die versteckte Kamera? Kurt Felix muss jeden Moment vorbeikommen, da ich bin ganz sicher. Oder Reinhold Messner. Oder Martin Winterkorn.

Doch es bleibt unspektakulär. Es kommt keine Hilfe. Ich stehe da mit meinem H und muss mich auf den Weg machen, es selbst zu richten. Nur so als Zwischeninformation: Startblock H ist der für alle, die keine Zeit angeben, weil sie zum ersten Mal Marathon laufen und alle die, die langsamer als 4:15 laufen. Es ist der Startblock vor dem Besenwagen, es ist der Startblock dessen Startschuss später fällt, die ersten Läufer aus diesem Block überqueren etwa 20 Minuten nach der Elite die Startlinie. Es ist ein Startblock, der seine Berechtigung hat und die Menschen in diesem Startblock sind auch toll. Aber es ist nicht mein Startblock!

H. Wutschnaubend gehe ich zu dem winzigen Schreibtischchen, das mir gezeigt wurde und baue mich auf. Der ältere Herr ist sichtlich überfordert mit dem Ansturm von etwa sieben Läufern und Skatern. „Ja, haben Sie denn einen Nachweis über ihre Zeit?“, fragt er mich. Einen Nachweis? Ich bin qualifiziert. Ich bin schnell. Ich bin bereit für Startblock A! Ich, ich, ich. Sieht man das denn nicht? Kennt mich hier niemand? Wer außer mir hört hier den Schuss nicht? „Ich kann Ihnen D geben“, sagt er großzügig. Langsam komme ich in den anaeroben Bereich. Um ihn nicht sofort aus seinem Stuhl zu ziehen und anzuschreien, gebe ich mich mit einer C zufrieden und mache mich auf den Weg zum Help Desk.

Dort entschuldigt man sich und klebt mir bereitwillig das B auf, nachdem ich meine Qualifikation nachgewiesen habe. Okay. Dann ist ja gut. Dann gehe ich jetzt mal Schuhe und Socken kaufen. Meine Kohlenhydrate heute Abend habe ich mir allerdings mehr als verdient.

H. wird zu B. Achso! Das sind meine Initialen! Ein Zeichen! Nachtigall, ick hör dir trapsen. Was für eine Ehre. Dass ich das nicht gemerkt habe.

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3 Kommentare

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  1. Hallo Heiko, schade dass in 2 Tagen der Marathon startet. Deine Beiträge waren so unterhaltsam, dass sie zu meiner täglichen Lektüre gehörten. Ich wünsche Dir die Erreichung deiner Zielmarke von 2:45. Toi Toi Toi Im Block H wäre es bestimmt sehr kuschelig geworden 🙂
    Ich stehe am Sonntag an der Strecke und freue mich schon jetzt wieder auf die tolle Atmosphäre.
    Grüße vom Laufpark Stechlin Bianca

    1. Ich glaube, es gibt noch zahlreiche Tage, an denen ich erklären muss, warum ich die 2:45 wieder nicht geschafft habe …
      Aber ich habe mir jedenfalls nicht vorzuwerfen, vorher zu wenig darüber geredet zu haben.

      Herzliche Grüße aus dem H-Blog

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