Abgesagt

Alles fällt aus. Jetzt, wenn die schreckliche Pandemie schon zu Ende ist, weiß man, dass Ende September immer noch kein Marathon stattfinden kann. Prophetisch ist das geradezu.

Denn sie wird kommen. Die zweite Welle. Wie jedes Jahr im Herbst, Winter und Frühjahr. Es werden Coronaviren sein und andere und es wird eine Lungenerkrankung geben. Sie wird COVID-20 heißen und man wird den neuen Shutdown beginnen, wenn der alte noch gar nicht aufgehört hat. Die neue Losung heißt also: Shut down, du Sau!

Ich laufe trotzdem. Und vielleicht bekommen wir es ja hin, dass sich eine Initiative findet, die Läufer in 5.000er Gruppen an den Start bringt. Strenge Startblock-Kontrollen wären nötig, die schnellen zuerst, damit die vierte 5000er Gruppe nicht auf die dritte aufläuft und man mit Grippe im Ziel ankommt.

Lange habe ich nichts geschrieben. Das ändert sich jetzt wieder. Schreib, du Sau! Ich erzähle vom Marathon 2019, den ich jemandem gewidmet habe. Ich war Hase und Trainer und Begleiter und Freund. Das war ein besonderes Erlebnis.

Und ich werde mich schreibend für 2020 entwickeln. Vielleicht fällt mir eine besondere Alternative zur Absage ein. Schaumermal.

Shut up Shutdown!

Verletzung sucks!

So etwa 15 Jahre läuft man ungestört vor sich hin. Also diese 15 Jahre mit leicht zwanghaft strukturiertem Training und dem Willen, die nicht erreichbare Zielzeit zu erreichen. Die gesetzte Zielzeit aus jungen Jahren, die – mal ehrlich gedacht – immer unerreichbarer wird. Selbst wenn man den Winter zwanghaft strukturiert durchtrainieren könnte. Aber auch das wird einem verwehrt. Sogar wenn man wollte, dürfte man nicht, denn das allerneueste Siemens Tesla-3 Magnetom Lumina MRT sagt, dass da was gerissen ist. Was Wichtiges. Was Langwieriges. Was langsam Heilendes. Acht Wochen Pause, sagt der Herr Professor. Gut sage ich, zwei Wochen sind ja schon rum seit dem dritten Wiedereinriss. Nene sagt der Professor, acht Wochen seit Bild. Mindstens! Scheiße, sagt der Patient.

Acht Wochen Laufpause. Das hört sich für einen Normalmenschen ganz normal an. „War ja vielleicht auch bisschen viel mit dem Laufen.“, „Ne Pause tut dir auch mal ganz gut.“ oder „Der Körper holt sich seine Auszeit!“ sind so die hilfreichen Kommentare der Menschen um einen herum, die man auf jeden Fall dringend hören will. Da ist es wieder, das Gefühl: niemand versteht mich. Der Läufer an sich wird nicht verstanden.

Acht Wochen sind doch schneller rum als gedacht. Ja. Der Trainingsstand ist noch schneller weg. Das braucht keine acht Wochen. Das geht schon in vier. Tagen. Super. Alles fucking super. Alles fucking normal. I fucking hate it.

Aber ja, es stimmt. Acht Wochen sind keine Ewigkeit und acht Wochen Laufpause – nach zwei Wochen darf ich auch wieder radeln – gehen schon rum. Ich freue mich so sehr auf den ersten Lauf. Der ist zwar erst in sechseinhalb Wochen, wenn (das ist ein „if“) der Heilungsprozess vom Tesla-3-Unbestechlich bestätigt wird, aber das Gefühl wird wahnsinnig toll sein. Wahrscheinlich ist es der erste richtige Frühlingstag und ich freue mich, dass ich 5 Kilometer im Sechsminutentempo und einer Pulsfrequenz von 155 im Durchschnitt schaffe. Und dann sind es noch sechseinhalb Monate bis zum Marathon.

Wein schmeckt gut. Wenn er gut ist.

Heute eher nicht

Das Tor ist zu. Echt jetzt?

Es klemmt manchmal etwas, weil die Platzwarte den Schlüssel nur einmal rumdrehen, um zufällige Öffnungen zu verhindern. Gelegenheit macht Läufer. Ist man aber schon einer, muss man auch ohne Gelegenheiten welche nutzen. Alte Hasen drücken ein bisschen fester gegen das Gatter. Schließlich lauern die nicht auf eine Gelegenheit, sondern wollen mit aller Bestimmtheit den Dienstag zum Geschwindigkeitstag küren.

Echt jetzt. Es ist zu. Ganz zu.

„Ja, da is die Coronarsportgruppe und die Kinder auch. Heute eher nicht.“

Der Umgang mit dieser Aussage verlangt allerhöchste Disziplin und Selbstkontrolle.

„Heute eher nicht.“

Weiß denn die freundliche Dame, dass ich hier nicht zum Spaß bin? Weiß sie, dass ein Trainingsplan erfüllt werden muss? Und zwar nicht eher, sondern ziemlich. Es steht ja nicht drin: „Heute eher 3 Intervalle, eher schnell und eher kürzere Pausen dazwischen.“

„Heute eher nicht.“

Es ist schwer vorstellbar, in welcher Geschwindigkeit die Gedanken aneinander vorbei, übereinander her, frontal kollidierend und lateral abprallend über die Synapsen hüpfen.

Du darfst jetzt keinen Fehler machen! Ein einziges Nachlassen der Kontrolle könnte in der endgültigen Versiegelung der Arena enden. „Ne, also so kommse mir hier gar nimmer rein!“ höre ich sie schon sagen, während mein Mund erstaunlich freundliche Worte in wohlgeformte Sätze entlässt.

„Ne, also da könnwer keene Ausnahme machn, Coronarsport is Coronarsport! Und die Kinda, für die is det zu jefäalich, wenn Sie da rumrennn!“ Aber auch das sagt sie nicht. Es ist die Antizipation einer Antwort auf etwas, das ich gar nicht sagen werde. Futur 2 mit Irrealis.

„Ja, verstehe, und wenn ich die Leute frage und nicht störe, meine Sie, dass ich dann …“ Ich kann ich gar nicht so schnell reden, um dem freundlichen Nicken zuvorzukommen. „Ich gehe schnell innen durch, ich weiß ja, wie es geht. Tausend Dank.“

Das war’s. Die Konversation dauerte keine 15 Sekunden, das gedankliche Beiwerk eine gedachte Ewigkeit. Da waren die drei mal 3.000 Meter eher schneller vorbei, weil sie eher schneller und mit eher kürzeren Pausen gelaufen wurden.

Und die Coronarsportgruppe machte eher am Rand stehend eher leichte Mobilisationsübungen, während die Kinder in der Halle eher Volleyball spielten. Ungewöhnlich voll war’s. Aber eher nicht auf der Bahn.

Oh Mann!

Ja ist es denn die Möglichkeit? 15 Kilometer auf dem Land, Kaiserwetter, 70 Höhenmeter und Platz 10. Normalerweise gewinnt man so etwas. Oder verliert wenigstens nur auf den letzten Metern gegen den Ersten oder von mir aus gegen den Vierten. Aber mit Ach und Krach den Elften geschlagen? Das geht nicht. Ich muss langsam in die Puschen kommen, sonst ist das Projekt 2:45 hoffnungslos gescheitert, schon bevor es begonnen hat.

Zwei Minuten und 18 Sekunden Rückstand habe ich auf den siebten Platz. Und der, meine lieben Leserinnen, gehört einer Frau. Gut, es ist eine außerordentlich talentierte und auch sehr junge Frau. Aber es ist eine Frau! Nicht, dass ich nicht schon oft gegen Frauen verloren hätte, aber das war immer bei größeren Straßenläufen. So ein kleiner, wunderschöner Landlauf an Seen und durch Wald wird normalerweise nicht mit einer Niederlage gegen eine Frau beendet.

Jetzt habe ich mich um Kopf und Kragen geschrieben. Da komme ich nicht wieder heraus. Würde ich mich selbst geiseln und meine furchtbar schlechte Leistung deklamieren, schmälerte ich gleichzeitig die Leistung dieser jungen, unglaublich talentierten und sensationell trainierten Frau. Würde ich schreiben, dass ich den Wettkampf nur als Tempodauerlauf genutzt habe, löge ich unverschämt. Würde ich in Lobhudelei versinken, bezichtigte man mich des krampfhaften Gut-Verlierertums und des zwanghaft politisch korrekten Gender-Wahns.

Ich halte also meine Klappe und verneige mich vor der Leistung dieses Menschen, der zufällig weiblich ist. Lediglich zu erwähnen wäre noch, dass es keine zwei Minuten und 18 Sekunden sind, denn Mann und Frau werden im Sport zu Recht mit zweierlei Maß gemessen. Es sind also mindestens fünf geschlechtskorrigierte Minuten, über die wir reden. Mindestens. Fünf Minuten auf 15 Kilometer, das sind 20 Sekunden pro Kilometer. Also 3:50 statt 4:10 min/km. Das ist leider eine Welt. Oder eher zwei.

Ich verneige mich auch vor den acht Menschen, die zufällig männlich sind und vor mir ins Ziel kamen.

Verdammt.

Mammut

Haruki Murakami beschreibt in seinem Buch „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ ein Loch, das er erlebt hat, nachdem er im Norden von Japan einen 100km-Lauf gemacht hat. Die Lust am Laufen ist völlig verschwunden. Der Sinn daran erschließt sich ihm nicht mehr.
Das Gefühl kennt man als Läufer. Man läuft ein Jahr lang, auch ein paar Jahre oder auch ein paar Jahrzehnte, dann kommen große Ziele in Form von Wettkämpfen. Auf diese hat man sich akkurat vorbereitet, man hat sie absolviert, ein Hochgefühl erlebt und schlafft danach ab. Körperlich und psychisch. Totale Regeneration. Und nicht nur das. Auch verschwindet die Präsenz des Laufens. Fast kommt die Aufgabe des Hobbys in den Möglichkeitsraum. Von 100 auf Null in drei Wochen.
Der Körper folgt der Psyche in beeindruckender Weise. Wenn man vor drei Wochen noch einen Laufindex von über 70 angezeigt bekam muss man jetzt froh sein, wenn die Uhr noch 60 hergibt. Um von 60 auf 70 zu kommen, braucht man ein halbes Jahr, um von 70 auf 60 zu kommen reichen zweieinhalb Wochen. Der Körper ist ein Wunder und ein Arschloch. Das muss man mal ganz klar benennen.
Welchen Grund gibt es, dass die Muskeln derart schnell degenerieren? Kann mir das mal einer erklären? Warum dauert es jahrelang, um Muskeln aufzubauen und nur tagelang um sie wieder abzubauen?
Wenn der Steinzeitmensch dem Mammut hinterherrennt und dann satt ist, kann er nicht mehr rennen. Er liegt in der Höhle rum und verdaut. Währenddessen bauen seine Muskeln ab und wenn er wieder Hunger hat, kann er keinen Mammuts mehr folgen. Ergibt das Sinn? Wenn man denkt, dass Teufelskreise für das Überleben wichtig sind, dann ja.
Im Großen und Ganzen setzt hier das Hochintensitätstraining an. Rumliegen und dann explosionsartig dem Mammut hinterherrennen. Unregelmäßig. Mammut kommt, Mensch rennt. Mammut kommt nicht, Mensch liegt.
Im Moment kommt kein Mammut. Deswegen liegt der Läufer. Auch seine Psyche liegt. Dunkel, kalt, nass. Laufen schwindet aus dem Bewusstsein. Das zuzulassen kann gut sein. Nur muss man den Absprung finden. Wir alle haben es zigfach bewiesen. Bäuchlein im März heißt nicht, dass im Herbst nicht das Mammut erlegt werden kann. Die Explosion muss kommen. Auch im Winter ab und zu. Sonst gibt man dem Teufel zu viel Spielraum beim Erbauen seines Kreises.
Noch habe ich etwas Mammut im Kühlschrank. Aber das wird bald alle sein. Und dann muss ich wieder hinterher. Hinter welchem auch immer.

Philipp und ich

Ich könnte das gleiche, wie vor einem Jahr schreiben. Mach ich aber nicht. An der Leistungsgrenze ist die Luft dünn. Es kann viel passieren.

Ich kenne Philipp nicht und er kennt mich nicht, aber wir verstehen uns was gestern betrifft aus tiefstem Herzen. Das Drama um den deutschen Spitzenläufer hat sich 35 Etagen weiter unten wiederholt. Mit einem Unterschied. Ich stehe nicht unter dem Druck, unter dem ein nationaler Spitzensportler wie Philipp steht. Deswegen konnte ich das Rennen bei Kilometer 28 entspannt für beendet erklären und luftig locker ins Ziel joggen. Ja, es blieb mir sogar noch die Energie, vor der Ziellinie stehen zu bleiben und zu versuchen, drei Stunden glatt zu machen. Leider habe ich acht Sekunden zu wenig Geduld gehabt.

Das sind 15 Minuten unter meinem Ziel. Das ist nicht eine Welt, das sind mehrere. Es ist krachendes Scheitern, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Ich habe es hinnehmen dürfen und habe das Ziel joggend erreicht. Sogar irgendwie glücklich. Die Beine haben sich nicht bewegt, da half kein neues Setup, keine Gewalt, keine Liebe, kein Helfer an der Strecke. Und ja, ich habe es hinnehmen dürfen. Philipp durfte das nicht, er musste es. Bei Kilometer 39. Er hat sich dorthin kämpfen müssen und ist dann zusammengebrochen. Der Leistungssport ist brutal. Dieser Brutalität kann man sich als nicht im Rampenlicht stehender Sportler gut entziehen.

Lieber Philipp, ich kann mir vorstellen, was für eine unfassbare Enttäuschung, was für einen Schmerz und was für eine Niederlage du gestern erlebt hast. Es helfen keine Worte wie „2:09 für 39 km ist doch eine sensationelle Leistung“. Das ist es zweifelsohne, aber falscher kann eine gutgemeinte Aufmunterung nicht sein. Du bist gescheitert. Dramatisch gescheitert. Vier Monate hast du alles auf diese Karte gesetzt. Und dann das. Persönlich gefühlt geht es schlimmer kaum. Ich umarme dich im Geiste und wünsche dir, dass du aus diesem Tal schnell wieder herauskommst. Du bist ein absoluter Top-Athlet!

Scheitern ist menschlich. Den Umgang mit dem Scheitern muss man üben. Und das kann man eben nur mit Scheitern. Das ist ein zutiefst individueller Vorgang. Außenstehende können da kaum helfen. Selbst Nahestehende sind damit oft überfordert.

Ich wünsche dir, lieber Philipp, dass du mindestens einen Menschen hast, der dich wirklich versteht.

Glücklich hat mich gemacht, dass mich bei Kilometer 39 endlich mein befreundeter Mitläufer überholt hat und dass er sein Ziel perfekt erreicht hat. Glücklich hat mich auch gemacht, dass meine befreundete Mitläuferin trotz Verletzung ihr Ziel sehr gut und gesund erreicht hat. Glücklich hat mich gemacht, dass ich kreislauftechnisch völlig entspannt eine Zeit unter 3 Stunden erreiche. Insofern alles gut.

Fast.

Wetter wählen

Altweibersommer in ganz Deutschland. Auch in Berlin. Bis einschließlich Samstagmorgen. Dann schiebt sich ein kurzes Tief hinein. Am Samstag und Sonntag regnet es. Aber nur in Berlin und auch nur bis Sonntag 13 Uhr. Also alles nicht so schlimm.

Es ist am Marathon-Sonntag immer Kaiserwetter. Das haben wir schon immer so gemacht. Das war noch nie anders. Außer einmal. Aber das war auch ein ganz denkwürdiger Tag. Da regnete es von Samstag Abend an durch bis Sonntag Abend. Aber richtig. Bindfäden. Ich nahm da an einer Studie der Charité teil. Die haben direkt nach dem Lauf meine Körperkerntemperatur mit knapp unter 35 Grad gemessen. Da war der Teufel am Werk. Das war nicht normal. Das muss man akzeptieren.

ABER! Dass es überall in diesem unserem Land gerade kaiserwettert, auch in Berlin, nur dort nicht während des Marathons, weil sich irgend so ein Tief Ulrich nicht zusammenreißen kann, das kann ich nicht dulden. Und ich bin fest davon überzeugt, dass das auch die anderen 59.999 Athleten (für die Inlineskater ist es ja noch blöder) nicht akzeptieren. Insofern können wir uns alle beruhigen. Denn 60.000 Unterschriften gegen Ulrich reichen. Beim Wetter reicht die einfache Mehrheit.

Bei der Wahl, von der es keine Nachrichten geben wird, weil der Marathon alle Übertragungswagenstellplätze blockiert, reicht die einfache Mehrheit auch. Bunt wird die Regierung hoffentlich. Und nein, braun gehört nicht zum Farbbereich bunt.

Wir laufen einen großen Kreis vorwiegend rechts herum. Das kann man jetzt so kurzfristig leider nicht mehr ändern. Das ist schwieriger, als das Wetter zu ändern. Dann kümmern wir uns lieber intensiv darum. Um das Kanzleramt herum knickt die Route nach links. Das ist ein Zeichen.

Geht wählen! Erst das Wetter, dann die bunte Demokratie.

 

Letzte Reize

Noch 5 Tage sagt die Uhr des Zeitmess-Sponsors des weltgrößten Straßenmarathons. Großspurig träumen darunter drei Athleten von der gebrochenen 2-Stundenmarke. Oder besser gesagt: sie werden vom Veranstalter geträumt. Der ist sich für keinen Superlativ zu schade. Ist denn nicht gerade ein Experiment unter unwirklichen Bedingungen, auf einer Rennbahn in Italien gescheitert? Nike wollte diese Marke geknackt haben und lud Herrn Kipchoge und Kollegen ein, dieses blödsinnige Experiment mitzumachen. 25 Sekunden haben gefehlt. 30 Millionen hat es gekostet. Und was hat es gebracht? Hinter ständig ausgetauschten Tempomachern, hinter einer windschützenden Zeittafel auf einem Elektroauto unter idealen Bedingungen den Marathon unter zwei Stunden zu laufen? Das ist so, als wenn man mit dem Fahrrad hinter einem Bus herfährt und sich über den Schnitt von 42 km/h freut. Das Experiment war Anfang Mai, jetzt ist Ende September. Ich wage die Prognose, dass das nicht zu einer Rekordzeit von Herrn Kipchoge am Sonntag führt.

Ohne ein 30-Millionen Budget treffen wir uns heute auf der Laufbahn und hindern unsere Muskeln daran, einzuschlafen.  Ein paar mal 400 Meter sollen das erreichen. Fühlt sich komisch an, schließlich sind wir in der Tapering-Phase. High-Intensity-Training. Das tut nochmal kurz weh. Soll es auch und dann ist es wirklich vorbei. Die entspannteste Woche des Jahres. Sportlich gesehen. So wenig Training und dabei ein gutes Gefühl hat man sonst nie. Von den Entzugserscheinungen mal abgesehen.

Man muss schon einiges an Erfahrung oder/und eine blühende Fantasie haben, um zu erkennen, dass das förderlich ist. Wenig, das sich im aktuellen Trainingszustand wie Nichts anfühlt, bringt am Ende des Zugespitzten maximale Leistung. So war es immer. So ist es. So wird es sein.  So wahr uns der Trainingsgott helfe.

Wer untersucht das eigentlich? Wer hat wissenschaftlich und allgemeingültig nachgewiesen, dass man am Dienstag vor dem Marathon nochmals die Muskeln spielen lassen soll, nur ein bisschen und dann nicht mehr? Manche machen es auch am Mittwoch. Wer hat recht? Und warum? Wo ist die individuelle Komponente? Vielleicht gibt es ja auch jemanden, für den genau das am Donnerstag gut wäre? Vielleicht …

Manche machen es kurz und sehr hart. Also so sieben mal 400 Meter. Manche machen es etwas länger und nicht so hart, also so etwa fünf Kilometer am Stück im Marathontempo. Ich habe beides schon gemacht. Funktioniert beides. Ist es also beliebig? Nein! Natürlich gibt es Rahmenregeln, die für alle gelten. Aber wo genau sind die Grenzen dieses Rahmens? Das weiß bei aller Wissenschaftlichkeit keiner genau. Und das ist auch gut so. Schließlich ist das Wunderwerk Körper in der Lage viel auszugleichen und damit den wissenschaftlichen Schubladen ein Schnippchen zu schlagen.

Ich schlage heute der Bahn ein Schnippchen. Sieben Runden tun kurz weh bis sie rum sind. Zack-vorbei. Sieben mal Puls bis 179. Dann locker auslaufen und aaaah! Geschafft. Trainingsplan bewältigt. Allein das ist schon eine Leistung muss ich mir und allen anderen 39.999 auf die Schulter klopfend behaupten. 1130 Lauf-Kilometer seit Juli und 2000 Radkilometer sind die eigentliche Arbeit, der Lauf am Sonntag eigentlich nur das Ergebnis dieser Arbeit.

Also auf zum letzten, sehr wichtigen Reiz, zum Herr-lass-Abend-werden-Reiz.

Bananen

Ick sitze hier und esse Klopps,
uff eenma klopps …

Schön wär’s.  Ich sitze hier und esse nix. Und klopfen tut auch nix. Außer mein Herz. 42 mal pro Minute.

Der letzte Nüchtern-Lauf steht an. Lecker, prall und gelb, druckspurgezeichnet, bio und fair gehandelt, weich und süß, kalium- und kohlenhydrathaltig lachen sie mich an. Costa Rica grüßt und wünscht einen netten Lauf. 25 Kilometer oder 22. Jedenfalls über 20 im deutschen Herbst. Ohne Bananen. Fettverbrennungserinnerungstraining. Das ist es, was der Marathonläufer jetzt braucht. Bananenfrei soll der Körper nochmals auf seine Fettreserven zugreifen. Möglichst früh, möglichst ausschließlich und möglichst leichtfüßig.

Kohlenhydrate jetzt zuzuführen wäre kontraproduktiv, denn der Körper nähme sie sofort. Ist ja so schön leicht. Verbrennt sich so gut. Bananen verbrennen macht einfach mehr Spaß als Hanföl.

120 Minuten dauert der ruhige Dauerlauf ohne loderndes Kohlenhydratfeuer. 120 Minuten mit einem fettigen Schwelbrand. Unangenehm aber nicht schrecklich. Wir haben es dem Körper ja schon beigebracht, auf deutlich längeren Strecken die schwere Arbeit der Fettverbrennung zu leisten.  Nimm Fett auch wenn Kohlenhydrate da sind. Lass das Tagesgeld liegen, nimm Energie aus dem täglichen Umsatz. Das Tagesgeld ist für die ganz große Investition, die irgendwann getätigt werden muss. Fett für den Alltag, Kohlenhydrate für den Tag X. Schwelbrand als Dauerfeuer, lodernde Kohlenhydrate als Nachbrenner im Wettkampf.

Liebe Bananen, ich freue mich auf euch. Leere, nach Auffüllung lechzende Speicher werden euch aufsaugen. Leer machen, vollfüllen, leer machen, voll füllen … Letztlich geht es darum. Wir trainieren die Kohlenhydratspeicher, machen sie größer, erhöhen das Polster. Leere Speicher sind wie ein Vakuum. Wenn man sie wieder füllt, expandieren sie vor lauter Schreck ein bisschen mehr. Sie wachsen. Durch Schreck.

Eigentlich geht es im Training immer darum, irgendjemanden zu erschrecken. Die Muskelfasern durch Intervalle, das Kreislaufsystem durch Tempoläufe an der anaeroben Schwelle, das Energiebereitstellungssystem durch den Entzug von Kohlenhydraten. Der Schreck erzeugt eine Gegenreaktion in Form von Anpassung.  Schrecklich gute Anpassung. Die Essenz des Trainings.

3

10.000 Meter sind weniger als 42.195 Meter.

„Bist du überhaupt ins Schwitzen gekommen?“, „Das schaffst du doch locker!“ oder „War eine schöne Aufwärmrunde, was?“ Solche und ähnliche Weisheiten hört man als Marathon- und Ultramarathonläufer gern, wenn man sich an die Startlinie eines Unterdistanzwettkampfes stellt.

Es ist eine Frage der Geschwindigkeit. Beim leistungsorientierten Laufen geht es ausschließlich um Geschwindigkeit. Die Distanz eines 10.000 Meter Laufes beträgt ein knappes Viertel der Distanz eines Marathons. Im Marathontempo gelaufen wäre er tatsächlich eine nette Aufwärmrunde. Aber man läuft den 10.000 Meter Lauf nicht im Marathontempo. Deswegen ist er keine nette Aufwärmrunde, deswegen kommt man gewaltig ins Schwitzen und die Antwort auf das Schaffen bezieht sich ausschließlich auf die angepeilte Zeit.

Nein, ein 10.000 Meter Lauf ist nicht nichts für den Marathonläufer. Er ist sogar ziemlich nicht nichts. Er ist, um mal ganz ehrlich zu sein, nicht keine Tortur. Das Tempo ist so atemberaubend hoch, dass man gar nicht glaubt es so jemals ins Ziel zu schaffen.

Bis Kilometer drei geht es eigentlich ganz gut. Man findet sein Tempo, hat den anfänglichen Tempoleichtsinn korrigiert und rennt so vor sich hin. Fast ein Drittel ist rum. Geht doch. Bis Kilometer fünf gibt es keine besonderen Vorkommnisse. Dann beginnt die zweite Hälfte. Rechnerisch. Die Beine zeigen an: „Das ist uns zu schnell!“ Der Kopf sagt: „Schnauze Beine, weiter!“ Also gut. Bis Kilometer sechs auch keine nennenswerten Vorkommnisse außer der angemeldeten Demonstration der Beinpartei. Der Blick auf die Uhr signalisiert auch schon einen leichten Tempoverfall. Also gibt es den ersten Wasserwerfereinsatz. Die Sitzblockade der Beinpartei muss aufgelöst werden.

Kilometer sieben ist in Sicht. Der beziehungserfahrene Läufer weiß, jetzt wird’s haarig. Der verflixte Kilometer sieben. Die Sitzblockade wurde zwar  aufgelöst, doch ist die nächste Gruppe der Tempogegner bereits aktiv. Eine Horde vermummter Muskelfasern zieht sich zusammen und blockiert die Beinbewegung. Am Kilometerschild sieben passiert es. Alle Deeskalationsmaßnahmen der körpereigenen Exekutive sind gescheitert, es kommt zum Einsatz von Tränengas. Die vermummte Muskelfasergruppe macht dicht, das Tränengas schickt sie gewaltsam in Richtung Kilometerschild acht. Der Hubschrauber knattert martialisch tief über der Demonstration und mahnt die Vermummten zum Gehorsam. Lauft, oder es wird ernst. Kilometer acht ist erreicht. Der Versuch einer erneuten Blockade wird im Keim erstickt, selbst die Tempogegner sehen, dass es jetzt doof wäre, umzukehren. Also beschränken sie sich auf den Minimalwiderstand. Sie lassen sich einfach von der Horde bewaffneter Bereitschaftshormone aus dem Hexenkessel drängen. Sie leisten kaum mehr Widerstand, allerdings auch keinerlei Hilfe.

Bis Kilometer neun gibt es außer Säbelrasseln, Drohungen und Machtdemonstrationen der Körperpolizei keine weitere Eskalation. Die Tränengasreizung lässt aber nicht nach. Der Wasserwerfer fährt den Muskelgruppen auf den Fersen, man spürt die Hitze seines Motors auf dem Rücken. Die Demonstration wurde quasi aufgelöst. Einzelne Vermummte rennen zerstreut umher. Es sind jetzt noch zwei Stadionrunden, noch eine, das Ziel ist in Sicht. Die Verkrampften reiben sich die brennenden Augen. Keiner weiß mehr, was war, was ist und was sein wird. Alle ergeben sich, das Ziel ist zum Greifen nah, alle Beteiligten sind auf das Ende fokussiert. Es piepst die Zeitmatte, Demonstranten und Polizei liegen sich in den Armen. Der Horror ist vorbei und keiner weiß mehr, worum es eigentlich ging.

10.000 Meter sind kein Pappenstiel. Sie tun weh. Mehr als ein vorsichtig gelaufener Ultramarathon.

10.000 Meter sind ein Gradmesser für den Marathon.

10.000 Meter sind schnell vorbei.

10.000 Meter sind ein zentrales Messinstrument für den Zustand einer Körpergesellschaft. Regierung, Exekutive und das Fußvolk streiten. Die Judikative richtet, aber erst nach dem Ziel. Stimmt hier die Balance und kommt es zu einem Vergleich, der alle Beteiligten zufrieden stellt, ist die Gesellschaft gesund.

Gestern waren wir zu dritt. Alle haben ihre Bestzeit erreicht. In bester Gesellschaft.

Die Farbe des Schweinehundes

Heute war wieder so ein Tag. Der Schweinehund, das Schwein! Immer arbeitet er gegen mich. Er verhindert, dass ich am Ende des Wettkampfes nochmal alles raushole. Aua, das tut so weh, außerdem hat er mir den Berg vor die Nase gestellt und den Wind auch. Und dann führt er auch noch die Läufer neben mich, die entspannt noch eine gute Runde dranhängen. Im gleichen Tempo natürlich. In dem Tempo, das mich keuchend die letzten 400 Meter genießen lässt. Endlich vorbei. Kurze Erleichterung, Ablehnen der Medaille, alkoholfreies Bier, Wasser, Banane. Immer das gleiche Ritual. Der Blick auf die Uhr lässt mich fluchen. Es kommt die Phase der Erklärungen. Muskelfaserriss, Trainingspause, Radtour, Alter, Ernährung. Ach und natürlich der Schweinehund. Der Böse. Den muss man bekämpfen und vertreiben. Er darf einen nie wieder am Erreichen der persönlichen Bestzeit oder im heutigen Fall am Erreichen einer einigermaßen wenig unerträglichen Zeit hindern.

Da habe ich den Verantwortlichen. Er ist es und kein anderer. Er muss weg. Ein für alle mal. Aufgrund meiner Erfahrung als Hundehalter, müsste ich eigentlich wissen, dass der nicht so einfach geht. Er gehorcht leider nicht. Schlecht erzogen. Gewohnheitsrecht. Penetranz. Was mache ich nur mit ihm?

Ein guter Freund kam, wie die Jungfrau zum Kind, zu einem Buch über Mentaltraining im Sport. Das ist natürlich ein alter Hut, für mich allerdings ein Hut, den ich bisher immer schön auf der Ablage liegen ließ. Mentaltraining und Leistungssport. Pah. Man muss laufen, bis man Blut schmeckt, mit Kraft, manchmal Gewalt und eben immer genau so schnell, wie man trainiert hat. Der Geist hat gefälligst zu ruhen, bis man fertig ist.

Stell dir doch mal vor, der Schweinehund wäre dein Partner.

Ja der, der mir Berge, Wind, schnellere Läufer und Kilometerschilder mit weit weniger drauf als erwartet vor die Nase stellt. Das ist mein Partner, genau.

Und dann stell ihn dir mal in einer anderen Farbe vor.

Rosa oder was? Ein rosa Schweinehund, der fies grinst und sich tierisch freut, wenn er mir wieder was Teuflisches servieren kann. Super Idee. Sehr partnerschaftlich. Und wahnsinnig farbig.

Ein wolfsgraues, sabberndes, krummes, hüftdysplastisches, schlurfendes Wesen mit schielendem Blick, der leider trotzdem genauso schnell ist wie ich. Ein unansehnliches Biest, das man nicht von den Hacken schütteln kann und das sich teilweise in den Waden festbeißt. Ein wirklich bunter Partner.

Das ist doch Esoterik. Hier geht es um Leistung, die durch Schweiß und Blut erarbeitet ist. Blumig bunte Gedanken kann man sich woanders machen. In der Badewanne, beim Picknick am See oder im Kino.

Vielleicht probiere ich es aber doch mal. Der Blick auf das oben beschriebene Biest ist ja nicht gerade schön. Und – Nachtigall ick hör dir trappsen – der ist ja gar nicht wirklich da. Also ist er ja auch irgendwie esoterisch, zumindest ätherisch. Dann sollte ich ihn mir vielleicht doch langsam mal etwas umbauen. Er muss ja nicht gleich ein Partner werden. Aber ich kann ihn mir ja zumindest mal etwas schöner denken. Beige. Klarer Blick. Graziler Gang. Nicht an den Hacken. Nicht in der Wade. Stupsend.

Aber mit hängender Zunge! Das muss schon sein.

Das ist doch gleich viel besser. Ich freue mich schon fast darauf, ihn bald wieder zu sehen. Ich habe ihm noch gar keinen Namen gegeben, fällt mir ein. Ich nenne ihn ab sofort: Placebo.

 

Schulmeister

Ich kann das nicht.

Das hört man so als Trainingsbegleiter gelegentlich. Es klingt natürlich vermessen, als Außenstehender zu sagen, doch, du kannst das. Also muss man das besser verpacken.

Doch wie? Die Trainingseinheiten bauen aufeinander auf und der Trainingszustand des Trainierenden verändert sich. Harte Einheiten bringen einen an den Rand des Wahnsinns, lockere auch, denn sie sind meist nach harten Einheiten als Regenerationseinheiten drin. Also bringt den unerfahrenen Läufer eigentlich das ganze Training an den Rand des Wahnsinns. Die harten Trainigsetappen sind zu hart, zu schnell, zu lang. Und bei den Regenerationseinheiten ist man so müde, dass man auch da nicht seine eigentliche Form sieht. Schrecklich. Der Foltermeister alias Trainer ist schon ein harter Hund. Das macht der mit Absicht. Er demoralisiert den Schüler durch den Tanz auf der tagesaktuellen Leistungsgrenze.

Aber zum Glück sind die meisten Läufer ja nicht unerfahren. Sie wissen, dass es irgendwann auch wieder leichter wird. Dass sie vor einem gut angetaperten Wettkampf vor Kraft nur so strotzen und endlich loslaufen wollen. Die Explosion des Startschusses ist auch die Explosion des Leistungsreservoirs, das wir so mühsam aufgebaut haben.

Doch ist es immer wieder das gleiche. Jeder Sportler, auch die Meister, haben Schwierigkeiten, sich vorzustellen, die trainierte Leistung im Wettkampf tatsächlich zu haben. Wie soll ich das, was mich im Training auf einem Viertel der Distanz so dermaßen anstrengt, auf der vollen Strecke durchhalten? Vielleicht ist es gar nicht vorstellbar und eben nur durch rationale Gedanken und aufgrund der persönlichen Erfahrung in den Geist einzupflanzen.

Training ist Training und Wettkampf ist Wettkampf. So einfach und doch so kompliziert.

„Wie oft muss man denn die Strecke trainieren, um sie laufen zu können?“ Das werde ich immer wieder von Leuten gefragt, die keine Marathon-Erfahrung haben. Die Antwortet lautet: Nie! Das ist genauso schwer zu glauben, wie das Durchhalten des Tempos auf 42,195 Kilometern, das man im Training kaum auf 10 Kilometern zu schaffen glaubt. Nein, man muss keinen Marathon laufen, um Marathon zu trainieren. Wir trainieren Einzelsysteme, die sich im Idealfall am Tag des Wettkamps als ein System zusammengefügt haben. Es ist sogar nicht nur nicht nötig, einen Marathon vor dem Marathon zu laufen, sondern falsch und schädlich. Die Einzelsysteme werden nämlich effektiver als separierte Einheiten trainiert, die Belastung für den Organismus ist erträglich und man baut gezielt die Fähigkeit auf, am Tag X zu explodieren. Aber eben nicht vorher. Keinen Tag vorher und auch keine zwei Stunden vorher. Sondern genau am Tag X, zur Stunde X. Ein bereits vorher gelaufener Marathon belastet das Gesamtsystem so stark, dass man so sehr regenerieren müsste um am Wettkampf antreten zu können, dass durch ebendiese Regeneration der Traingszustand  so abgebaut würde, dass die Wunschzeit unerreichbar wird.

Ich kann das nicht.

Ich kann es nicht mehr hören. Vor allem deswegen nicht, weil ich es mir selbst viel zu oft sage.

Rad ab?

Gemeinhin wird gesagt, dass Alternativtraining in der unmittelbaren Vorbereitungsphase eines Wettkampfs zumindest sehr dosiert oder im Notfall, also zum Beispiel bei Verletzungen eingesetzt werden soll, muss oder kann. Je nachdem, wie man es sieht oder braucht. Der Normalbürger denkt verständlicherweise, dass sportliche Betätigung gleich sportliche Betätigung ist. Der etwas erfahrenere Normalbürger differenziert zwischen Ausdauer- und Kraftsport. Und der Normalbürger, der viel Sport macht und viele unterschiedliche Sportarten leistungsorientiert betreibt, weiß, dass jede Sportart unterschiedliche Systeme, unterschiedliche Muskelgruppen und unterschiedliche Gelenke, Sehnen und Gewebe belastet und damit trainiert. „Was, du kriegst noch Muskelkater?“ Ja, kriege ich. Mit links. Und auch rechts. Der Normalbürger hat so viele verschiedene Muskeln, da gibt es immer welche, die selten genutzt werden und die bei gezielter Ansteuerung aus dem Winterschlaf erwachen und die rabiate Enervierung mit einem posttraumatischem Schmerzsyndrom quittieren.

Fahrradfahren ist ein Ausdauersport. Laufen auch. Bis 100m kann man jedoch ohne zu atmen laufen, das ist dann kein Ausdauersport. Kraft braucht man immer. Beim Radeln und Laufen genauso wie beim Reiten, Golf spielen oder beim Auto-Rennsport. Ausdauersport braucht ein bisschen Kraft und Kraftsport sollte von etwas Ausdauer profitieren.

Es gibt natürlich Sportarten, deren Training anderen Sportarten schadet. So wäre ein Läufer schlecht beraten, wenn er in einer Verletzungspause intensives Bodybuilding des Oberkörpers betreiben sollte. Die Zunahme an Muskelmasse und damit an Gewicht der Muskeln, die nicht zur Ausübung der Primärsportart gebraucht werden, ist kontraproduktiv für die Laufentwicklung. Nicht nur dass die Laufmuskeln weniger werden, sondern auch dass die herumzuschleppenden Oberkörpermuskeln mehr werden, ließe einen wie ein Ochse vor dem Berg stehen.

Dieses Phänomen gibt es aber auch bei näher verwandten Sportarten wie Radfahren und Laufen. Beides sind Ausdauersportarten, die hauptsächlich mit den Beinen gemacht werden. Sie erwecken den Eindruck, sich gut zu ergänzen. Dieser Eindruck trügt natürlich nicht. Sie ergänzen sich hervorragend, beugen – gezielt abgewechselt – Verletzungen vor, erfrischen den Geist und nützen sich gegenseitig durch die Arbeit an der Ausdauer des Herz-Kreislauf-Systems. Aber!

Wenn kein Aber wäre, wäre es zu einfach.

Radfahren beansprucht andere Muskeln als Laufen. Radfahren ist ein low-impact-Sport, Laufen ein high-impact-Sport. Beim Laufen muss man immer ackern, es gibt keinen Freilauf. Um auf die gleiche Trainingsbelastung zu kommen, muss man etwa doppelt so lang Fahrradfahren, wie Laufen. Und man kann als Radprofi nach einer lockeren Laufeinheit Muskelkater in den Beinen bekommen und umgekehrt. Ja, man sollte es sogar. Denn wäre es anders, hätte man Muskeln trainiert, die man für die andere Sportart gar nicht braucht. Der aufmerksame Leser fragt jetzt natürlich nach Triathlon, modernem Fünfkampf oder der Königsdisziplin Zehnkampf. Diese Disziplinen sind Fluch und Segen. Der Körper wird an vielen Stellen trainiert und belastet, eine einseitige Belastung wird verhindert, aber gleichzeitig kann das Training in der einen Sportart, die Ausübung der anderen belasten. Die Trainer in diesen Kombinations-Disziplinen müssen sehr erfahren sein und viel, sehr viel wissen. Nicht nur über die einzelnen Sportarten, sondern auch über die Wechselwirkungen der Sportarten untereinander.

Das war die Einleitung. Die eigentliche Geschichte geht so:

Viele, so auch ich, befinden sich in der unmittelbaren Vorbereitungsphase eines großen, eines sehr großen Laufwettkampfes. Und in dieser Vorbereitungsphase ist die Ausübung einer Alternativsportart wie Radfahren nur in Teilen für das Laufen sinnvoll, in anderen Teilen leider hinderlich. 1500 km in 10 Tagen über Stock und Stein, durch Berg und Tal, an Fluss und See ist zwar schön, trainiert das Herz-Kreislaufsystem und erfrischt die Psyche, der täglich wachsende Umfang der Oberschenkel gibt aber Grund zu berechtigter Sorge. Die ersten Laufeinheiten bestätigen die Sorge. Laufen geht schwer, langsam und tut weh. Der Puls dazu in astronomisch tiefen Bereichen suggeriert einen Fitnesslevel, der mit der Laufrealität nichts zu tun hat. Schwere Beine im wahrsten Sinne des Wortes müssen durch eine degenerierte Laufmuskulatur bewegt werden. Das kann nicht funktionieren. Lektion gelernt.

Jetzt sind es noch acht Wochen, in denen die Radmuskulatur verschwinden und die Laufmuskulatur aufgebaut werden muss. Mal sehen, ob die Tempoeinheiten dieses Ziel beschleunigen. Selbstversuch Alternativtraining. Das war so nicht gewollt. Die Radtour war sensationell, Triathlon interessiert mich schon lang, oder zumindest Duathlon. Insofern freue ich mich über diese Hürde. Bestzeit ade? Lockerheit hallo? Ich berichte weiterhin aus dem Rad- und Laufkästchen.

Ultra ist lang

So, jetzt bin ich Ultramarathonläufer. 73,5 Kilometer und 1.874 Meter aufwärts sind kein Pappenstiel. Das habe ich gemerkt. Sehr vorsichtig bin ich es angegangen, beinahe ängstlich. Es war richtig so.

Sehr dankbar bin ich meinen beiden erfahrenen Mitstreitern, die sich dieses Jahr nur die Halbmarathondistanz gönnten und mich nicht nur im Ziel erwarteten, sondern mich auch mit reichen Informationen aus ihrem noch reicheren Erfahrungsschatz versorgten. Ihre Gelassenheit, entstanden durch gut zweistellige Supermarathon-Finishs, sprang auf mich über.

Sie fuhren mich nach Eisenach, meinen Startort, der nebenbei der Geburtsort von Johann Sebastian Bach und der Ort der Latein-Ausbildung Martin Luthers ist. Ein passender Ort für den Beginn einer langen Freundschaft.

Übernachtungen hatte ich allerdings schon komfortablere. Ein große Schule sollte das Hotel sein, Klassenzimmer die Schlafzimmer und Luftpolsterfolie das Bett. So weit so gut. Zunächst liegt nur ein einziges Bett. Als ich schon blau gelegen um 22 Uhr um mich schaue, zwängt sich gerade der etwa Zwanzigste bedrohlich dicht neben mich. Jetzt ist voll. Meine Nase auch. Wes Geistes Kind war ich, als ich mich für diese ach so originelle Form der Übernachtung entschied?

Nachdem ich nachmittags meine Luftpolsterfolie ausgebreitet hatte, ging ich zu Fuß in die Stadt, um die Buskosten zu sparen. Die Übernachtung schlug ja schon mit vier Euro zu Buche. Ich musste die Startgebühr entrichten und meine Startnummer abholen. Siebzig Euro hätte das gekostet, wenn, ja wenn nicht einer meiner erfahrenen Begleiter auf der Raststätte jemanden getroffen hätte, der aufgrund eines Faserrisses in der letzten Trainingseinheit nicht laufen konnte. Er trat mir seine Startnummer ab. Kostenlos. Ich hoffe, ich kann mich irgendwann bei jemand anderem revanchieren. „So ist das eben bei den Ultras“, sagte der, der dieses Mal nur mit dem Halbmarathon tanzt. Zehn Euro für die Ummeldung, ohne Nachfragen, einfach so, auf Vertrauensbasis, denn das scheint noch nie missbraucht worden zu sein. Den Namen auf der Startnummer streiche ich mit dem gereichten Stift durch und ersetze die alten mit den neuen Buchstaben. Bei Kilometer 37,5 werde ich mit dem richtigen Namen erwähnt, bei 55 ungefähr heiße ich wieder anders. Ich heiße aber gern so, zu Ehren meines edlen Spenders.

Mit der Startnummer im Rucksack besuche ich das Bach-Geburtshaus und bekomme kurz Gänsehaut. Tausendmal gespielt und immer ist genau das passiert. Bach ist auch Ultra. Die Wartburg muss ich auslassen, denn ich werde  bei der Ankunft in meinem Hotel bereits sieben Kilometer gegangen sein, das reicht für den Vortag.

20 Uhr ist Schlafenszeit, um sechs Uhr fällt der Startschuss. Schlafenszeit ist diese Nacht jedoch nicht. Denn der Bewegungsmelder schaltet das Licht immer an, wenn einer zu tief atmet. Und lässt es zehn Minuten an. Klassenzimmerlicht.  Sieben mal zwei mal zwei mal 36 Watt Leuchtstoffröhren in reinweiß. Tageslichtweiß. Klasssenzimmerweiß. Ein gutes Kilowatt Licht mehr oder weniger die ganze Nacht. So fühlen sich Terrorverdächtige in Guantanamo. Drei Uhr fünfzehn klingelt meine Pulsuhr und erinnert mich an den geräuschlosen Verzehr der Haferflockenpampe. Ohne zu schlafen, mehr noch: lichtgefoltert, geht es an den Start des Ultramarathons. Völlig gerädert nehme ich den glücklicherweise kostenlosen Shuttlebus. Flughafenfeeling in Eisenach.

1.600 von mehr als 2.400 gemeldeten Läufern finden sich tatsächlich am Start ein, auf dem Marktplatz von Eisenach. Ich gebe meinen Kleidersack ab, der nach Schmiedefeld gefahren wird und suche Schutz vor der Kühle im Festzelt. Hier tummeln sie sich, die Ultramarthonis. Ehrfurchtsvoll schweigend, vorsichtig schauend mische ich mich unters Volk und hoffe, nicht als Neuling erkannt zu werden. Das scheußlichste T-Shirt aus meiner Sammlung habe ich über das langärmlige Laufhemd mit der Startnummer gezogen. Ich wollte es nach dem Start wegwerfen. Ich habe es nach der Ummontage der Startnummer nur leicht fröstelnd bis ins Ziel gebracht. Werbung für das schlimmste Schnellrestaurant der Welt als Verweigerer aller tierischer Produkte auf dem Rennsteig zu machen hat etwas ganz eigenes. Ich sollte es wohl noch aufheben. Wer weiß, wozu es noch fähig ist.

Schleim ist der Zaubertrank des Rennsteigs. Hafersuppe oder -schleim, je nach Verdünnung, gibt es fast an jeder Station. Mal mit Blaubeeren, mal ohne, mal weiß man, dass keine Milch drin ist, mal vermutet man, dass welche drin ist. Muttermilch der Kuh während einer extremen Belastung ist meines Erachtens aus rein sporternährungswissenschaftlicher Sicht nicht der Trank der Wahl. Ich hangele mich also von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation, trinke Wasser, trinke süßen Tee, trinke oder esse Schleim, esse Bananen und genieße die unglaublich freundlichen Reicher dieser Gaben und Hand aufs Herz auch die damit verbundenen Gehpausen. Echtes Dunkelbier, Thüringer Bratwürste und Schmalzstullen lasse ich ebenso aus wie Butterbrote und koffeinhaltige Erfrischungsgetränke. Dennoch bewundere ich alle, die das bei Kilometer 60 zu sich nehmen.

Es geht eigentlich ab Kilometer 36 schwer. Da ist es wie beim Marathon. Nur, dass man nicht noch gut sechs, sondern sehr gute sechsunddreißig Kilometer laufen muss. Die Hälfte der Höhenmeter haben wir bei Kilometer 25 geschafft, die andere Hälfte verteilt sich ziemlich ungeschickt auf die restlichen knapp 50 Kilometer. Allerdings ist der lange Abstieg nach Schmiedefeld schon sehr freundlich. Bergab ins Ziel. Das ist nett vom Rennsteig. Da kann man dann sogar wieder rennen. „Du hast es geschafft“, ruft mir eine Wanderin begeistert  bei Kilometer 73 zu. Ja, das habe ich. Ich habe es geschafft. Nicht mehr und nicht weniger. Es geht. Und es geht vorbei, wie alles. Im Ziel muss ich kurz weinen. Wegen der Rührung oder der Bewegungsunfähigkeit? Ich weiß es nicht.

Ich mache es wieder. Diesen schneller und einen anderen länger. Der Beginn einer langen Freundschaft.

 

Letzte Intervalle

Schade sei es, dass ich gar nicht mehr von meiner Vorbereitung auf den Ultralauf erzähle. Finde ich auch. Wahrscheinlich bin ich so überwältigt und ehrfurchtsvoll schweigsam ob des unerreichbar scheinenden Ziels. Vor Kurzem wurde die Strecke noch ein bisschen ausgeweitet. Es sind jetzt 73,5 Kilometer geworden. Und ehrlich gesagt freue ich mich auf diese 700 Mehr-Meter am allermeisten. Also vielen Dank für dafür!

Heute waren letzte Intervalle. Drei mal zwei Kilometer im Halbmarathontempo habe ich mir auferlegt. Eigentlich ganz schön hartes Training. Am vergangenen Sonntag waren es nur zwei Stunden langsam. So sieht Tapering der Ultras aus. Ein Halbmarathon in der Taperingphase und drei mal 2.000 Meter als Abbauverhinderungsreiz. Ist eben alles ein bisschen länger. Auch im Training. Aber auch langsamer. Das ist mein Trumpf. Als Marathonflachstreckenbiszumanschlagausreizer habe ich nun unendlich viel Zeit. Denn hier geht es nicht um Sekunden pro Kilometer, sondern um Stunden. Im Ernst: ich weiß nicht, ob ich achteinhalb oder sieben Stunden brauche. Oder gar neun?

Die schiere Distanz ist es einerseits – noch nie bin ich mehr als 44 Kilometer am Stück gelaufen – aber es sind natürlich auch die Höhenmeter, die ein gutes Einschätzen der Zeit beim ersten Versuch unmöglich machen. Der Streckenrekord liegt bei vier Stunden und fünfzig Minuten, wie das gehen kann, wird mir verborgen bleiben.

Ich freue mich natürlich darauf, mit dem Schlafsack auf dem Boden einer Turnhalle neben 400 anderen Läufern nicht zu schlafen. Ich freue mich auch darauf, mit den beiden alten Hasen, die beide schon mehr als dreißigmal den Rennsteig gelaufen sind, dorthin zu fahren. Ich freue mich auf das schönste Ziel der Welt. Ich freue mich auf die Rostbratwürste, die ich nur riechen werde, auf das Schwarzbier, das ich nur sehen werde und auf Kilometer einundsechzig. Warum Kilometer einundsechzig? Den kenne ich noch nicht. Kilometer eins bis zweiundvierzig kenne ich persönlich. Wir hatten alle schon ein intimes Verhältnis. Es ist der Reiz des Neuen. Ich bin freudig erregt,  wenn ich dem Kilometer einundsechzig zum ersten Mal hinterherrenne. Auch Kilometer siebenundsechzig und neunundvierzig werden eine Affäre wert sein. Dieses Mal möchte ich mich aber ganz monogam auf Kilometer einundsechzig einlassen. Denn von da ist es nur noch die Standard-Hausrunde an der Spree und im Tiergarten. Ein Katzensprung, eine Regenerationsrunde bis ins schönste Ziel der Welt.

Wieso nur macht man das? Mutig und ein bisschen verrückt sei das. Ich finde es im Moment vor allem verrückt. Aber andererseits weiß ich ja, dass der Lauf schon Tausende Male überlebt wurde. Es ist also nur für mich Neuland. Und für alle anderen, die ihn zum ersten Mal machen. Ich glaube, es kann eine Strategie sein, sich andere Ultra-Marathons zu vergegenwärtigen. Es gibt natürlich den Ultra aller Ultras, den 100 Kilometer-Lauf von Biel. Der ist allerdings recht flach. Und dann gibt es so Sachen wie die Umrundung des Mont Blanc mit 168 Kilometern und mehr als 9.000 Höhenmetern. Dagegen erscheint diese Kleinigkeit am Rennsteig wie ein Kindergartenausflug.

So lege ich mir also das Ziel zurecht. Und gleichzeitig kommen die Ziele, die ich jetzt als Hilfe heranziehe in den Möglichkeitsraum. Ultra heißt halt jenseits. Mehr als. Viel mehr als. Viel mehr als möglich erscheint. Wenn man es nicht mal versucht hat.

 

Ultra

Jenseits heißt das. Aber jenseits wovon? Jenseitsmäßig sind so absurde Wortschöpfungen aus dem südlichen Teil Deutschlands. Das Jenseits wird oft religiös verwendet oder dann wenn man Angst hat, über den Tod zu reden. Ich habe keine Angst über den Tod zu reden, dennoch soll es jetzt nicht darum gehen. Ultra im Ausdauersport bedeutet immer jenseits der üblichen Distanz. Ein Ultra-Halbmarathon ist also ein 25-Kilometer-Lauf? Vielleicht. Ich glaube allerdings, dass man nach jeweiliger Vorstellung immer das schon fast Unerreichbare nimmt, also im Laufsport die Königsdistanz Marathon. Jenseits des Marathons heißt also noch länger. Länger als 42,195 Kilometer.

Per Definitionem ist also ein Ultramarathon jede Strecke, die länger als ein Marathon ist. Also bin ich jetzt ein Ultramarathonläufer. Denn ich habe schon zwei Einheiten mit je gut 43 Kilometern absolviert. Das ist lang und das tut auch weh. Es belastet den Bewegungsapparat, die Sehnen, die Knorpel, die Muskeln, die Knochen und auch die Psyche. Vier Stunden laufen ist ziemlich lang. Das ist ein halber Arbeitstag, den man nur mit Laufen verbringt. Und es ist ein Ultramarathon. Streng genommen.

Man nimmt sich für solche Ultramarathons im Training auch ultraviel Zeit. Man läuft also langsam. Und gleichmäßig. Ich für meinen Teil laufe immerhin gut 70 Minuten länger als bei meinen Marathon-Wettkämpfen. Das ist echt Ultra. Aber es wird noch ultraer. Denn am 20. Mai geht es wirklich zur Sache: fast 73 Kilometer und knapp 2000 Höhenmeter stehen vor mir und ich im wahrsten Sinne wie der Ochse vor dem Berg.

Ich muss mal ganz ehrlich sagen: Mir ist mulmig zumute. Die langsamen Vierstundenläufe gehen ja einigermaßen. Da sind allerdings nicht annähernd die Höhen dabei, die es beim Rennsteig zu bewältigen gibt und es fehlen noch 30 Kilometer obendrein. Ist es die normale Angst vor noch unbekannten Distanzen? Ist im Wettkampf alles anders, wie immer? Oder ist das tatsächlich eine Nummer zu groß?

Jenseits der Vorstellungskraft. Auch das heißt wohl Ultra-Marathon.

 

Nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf

Jetzt geht es erst richtig los. Der erste Vorschlaghammer war nur dafür da, Bescheid zu sagen. Dem Körper. Hallo, hier wird weitergemacht. Nicht nur Training, sondern eben auch ernsthaft kämpfen. Laufen, bis es wehtut, auch noch vier Tage danach.

3:49 min pro Kilometer 21 mal hintereinander ohne Pause. Das ist das Ergebnis. Zu langsam, sagt der Marathontrainer für das Ziel im Herbst, ganz okay, sagt der Beschwichtiger, der den schnellsten Frühjahrshalbmarathon in der Laufkarriere sieht.

Schon ziemlich genau acht Minuten steht sie da im Ziel, inzwischen bereits völlig erholt und wartet auf irgendjemanden. Auf mich jedenfalls keinesfalls. Sabrina Mockenhaupt. Schnellste Deutsche. Sympathische Topläuferin. Nach längerer Verletzungspause wieder ziemlich voll da. Ein kurzer Abklatscher und der Hobbyläufer ist glücklich. Danke Sabrina, dass du mich berührt hast.

Nach solchen Wettkämpfen ruht man sich aus. Und in dieser Ruhephase schreibt man Trainingspläne für die nächsten Ziele. Mein nächstes Ziel überrascht mich immer wieder aufs Neue. Knapp 73 Kilometer und gut 1.800 Höhenmeter. Ebenfalls überrascht mich der Umfang, den man da so im Training braucht. Die nächsten Sonntage werden lang. Sehr lang. Ob ich es schaffe, 4 Stunden am Stück so langsam zu laufen, dass es keine Marathons werden? Es wird sich zeigen. Eigentlich wollte ich das schon immer mal machen. Einen Marathon langsam laufen. So, dass man ankommt und eigentlich noch weiterlaufen könnte.

Ich bin gespannt.

Die erste Probe

Elf Wochen Training münden in eine Tapering-Woche. Aaaah. Zwei Ruhetage in einer Woche. Zwei! Nicht hintereinander, aber fast. Kurze, schnelle Intermezzi als Abschlaffungs-Verhinderung.  Und – falls ich es noch nicht erwähnt hatte – zwei Tage ohne Training. Also nicht laufen. Zumindest nicht schneller als 10 Minuten pro Kilometer. Das ist wirklich etwas Besonderes in so einem Läuferleben.

Doch die Ruhe trügt. Diese Ruhe ist eigentlich nur dazu da, den Vorschlaghammer erträglich zu machen. Die erste Probe im Jahr, sie kommt wie ein Vorschlaghammer. Im Grunde genommen ist jeder Wettkampf ein solcher Vorschlaghammer, der erste Vorschlaghammer im Jahr ist jedoch ein besonders großer.

Es ist doch nur ein Halbmarathon hört der Marathonläufer häufig. Das schaffst du doch mit links. Ja, im Marathontempo vielleicht. Auch nicht mit links, aber zumindest leichter. Aber einen Halbmarathon läuft man ja nicht im Marathontempo, sondern im Halbmarathontempo. Und das ist nicht etwa halb so schnell, sondern im Gegenteil, ein bisschen schneller. Wenn man genau ist, sind das bei mir sieben Sekunden schneller pro Kilometer. Achsooooo. Nur sieben Sekunden. Das geht ja.

Ja. Das geht. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Sieben Sekunden pro Kilometer summieren sich auf 147 Sekunden, also etwa zweieinhalb Minuten pro 21,0975 Kilometer. Ein Halbmarathon ist kein halber Marathon. Das stimmt, was die Belastung des Körpers angeht. Aber er ist eine sehr schnelle erste Hälfte des Marathons. Eine Hälfte die so schnell ist, dass du keinesfalls eine zweite davon absolvieren kannst. Zumindest nicht, wenn du am Limit läufst und ernsthaft an Bestzeiten arbeitest.

So erwartet mich der Sonntag. Der erste Vorschlaghammer im Laufjahr. Das Training ist absolviert, die Intervallzeiten habe ich zuverlässig überschritten. Immer wieder. Die Vorbereitung ist mäßig gelungen. Die Erwartungen werden herabgestuft. Es ist, was es ist, sagt die Liebe. Mit der muss ich dem Vorschlaghammer begegnen. Alles andere wäre Gewalt.

Gegenstromanlage

Der Ganzjahresläufer hat im Gegensatz zum Schönwetterläufer einen größeren Erlebnispool, aus dem er berichten kann. „Damals, als ich bei Minus 27 Grad und Windstärke sieben auf den Feldberg hochgerannt bin und meine Handschuhe verlor“ oder „damals, als es kurz vor Ostern diesen Temperatursturz gab und ich von zentimeterdicken Eiskugeln fast erschlagen wurde“ oder eben die erst kurz vergangene Vergletscherung. Wenn jemand im Winter laufen tut, dann kann er was verzählen. Frei nach Matthias Claudius.

Wenn einer immer laufen tut, dann kann er was erleben. Eines dieser uninteressanten Erlebnisse ist zum Beispiel der stehende Wind. Den gibt es nur im flachen Nord- und Ostdeutschland. Es ist ein Wind, der absolut tot ist. Er bläst wie ein geeichter Industriefön im Windkanal. Immer aus der gleichen Richtung, immer gleich stark und immer gleich kalt. Testlabor auf dem Land. So etwas kennt man im bergigen Land nicht. Das ist eine Spezialität des Flachlands. Auch am Meer ist das meines Erachtens anders. Da lebt der Wind. In Nord- und Ostdeutschland im Winter und im Frühjahr ist der Wind aus Osten eingeschlafen. Oder gestorben. Und irgendjemand hat vergessen, ihn auszuschalten. Oder ihn wenigstens etwas aufzuheizen. Nix. Eiskalt und stehend kommt er aus Osten und bläst und bläst und bläst. Ohne Unterlass.

Nun fällt dem eifrigen Erzähler natürlich ein, dass das ein gutes Training ist. Man kann langsamer laufen und hat den gleichen Trainingseffekt. Der schlaue Beobachter merkt natürlich, dass die Anstrengung die gleiche ist. Es ist psychologisch also äußerst ungut, sich gleich anstrengen zu müssen und viel langsamer zu laufen, bloß weil einem ein gestorbener Wind eiskalt im Gesicht steht. Dazu kommt noch, dass das besonders weh tut, wenn man in der Endphase eines Laufs noch eine Endbeschleunigung einfügen muss. Und will es der Teufel, erwacht da der Wind kurz zum Leben. Eine Zuckung nur. Und nach der Zuckung rastet er sofort wieder ein, auf einer etwas höheren und kälteren Stufe. Das ist wie eine Gegenstromanlage im Schwimmbad. Nur ergibt das in den unendlichen Weiten Brandenburgs einfach keinen Sinn.

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind. Der Läufer empfindet ihn eher als Gesandten des Teufels. Und wenn er nicht aus dem Hades geklettert ist, steht er noch heute im Gesicht aller Ganzjahres-Flachlandläufer.

 

Minus 7 – Laufen in der Tiefkühltruhe

Es reicht! Endgültig. Laufen in der Tiefkühltruhe. Diese Kälte ist unfair. Unfair den Insekten, den winterschlafenden Tieren, den Obdachlosen und den Läufern gegenüber. Wer denkt sich das eigentlich immer aus? Wer schreibt das Wetter-Drehbuch? „Diesen Winter machen wir es mal so, dass es wenig schneit, aber gerade viel genug, dass die Wege vergletschern, dann lassen wir es monatelang weit unter Null, damit die Gletscher lang anhalten und die Obdachlosen mal so richtig durchgefrostet werden. Und außerdem sehen wir dann, welcher Läufer seinen Schweinehund nicht Gassi geführt hat, sondern faul mit ihm zu Hause geblieben ist.“

Genau, das Wetter-Drehbuch. Das wird nur gegen Läufer geschrieben. Der Hund denkt ja auch, nein er weiß es, dass das Gewitter nur und ausschließlich für ihn donnert. Es donnert, weil er heimlich ein verschimmeltes Wursträdchen aus dem Mülleimer gezogen hat. Der Läufer denkt, es ist kalt und glatt und windig, weil er beim letzten 10-Kilometer-Lauf nicht alles gegeben hat. Er hat nicht den Geschmack nach Rost und Knochen gespürt. Deswegen muss er jetzt leiden. Bis weit in den April hinein. Strafe muss sein. In kleinen Zyklen und in großen. Der freie Samstag hat eine so genannte Kleinzyklus-Strafe zur Folge, der zu wenig verbissene 10-Kilometer-Lauf bringt eine Groß-Zyklus-Strafe in Form eines Winters bis weit nach den ersten Frühlingswettkämpfen.

So periodisieren wir also nicht nur unser Training, sondern auch unsere Strafen. Alles passiert in Zyklen. Wir müssen in großen Zeitabschnitten denken, dann tut uns das momentane Ereignis nicht so weh. Und was trotzdem weh tut, macht hart. Laufen bei minus sieben Grad lässt einen dann bei Plusgraden dahintänzeln. Laufen auf Gletschern mit etwa einem Schritt zurück bei zweien nach vorn lässt einen auf eisfreien Wegen dann den Vortrieb eines RS6 genießen und wenn der stehende Eiswind aus Osten den warmen Frühlingslüftchen aus allerlei Richtungen weicht, fühlen wir uns umschmeichelt und am blauen Band gezogen.

Zur Strafe

Tägliches Training bedeutet, dass jeden Tag trainiert wird. Jeden Tag. Also auch samstags, mittwochs, dienstags, sonntags, freitags, montags und donnerstags. Es könnte auch sein, dass jeder Tag zwei Trainingseinheiten bereithielte. Aber das ist der Profibereich. Oder der, der Sportsüchtigen. Damit habe ich nichts zu tun. Weder mit den Profis, noch mit den Süchtigen. Gar nichts.

Das tägliche Training bedeutet auch, dass man keinen trainingsfreien Tag hat. Gar keinen. Also auch nicht samstags. Wenn man samstags dann doch plötzlich freimacht, muss der Sonntag als Ausgleich her. Also entweder zwei Einheiten oder eine lange. Klar. Sonst hat man ja geschummelt. Und das geht nicht. Strafe muss sein. Ein freier Samstag fällt nicht vom Himmel. Er muss bezahlt werden. Mit dem Sonntag.

29 Kilometer lang hatte ich also Zeit, um über meine Sünde nachzudenken. Langsam. Lauf und denk langsam. Wir erinnern uns an LSD. Das ist eigentlich für das Halbmarathontraining etwas viel, aber wir erinnern uns auch an große Pläne.  Und außerdem muss gebüßt werden. Es muss gebüßt werden. Das ist eine passive Formulierung, die sehr gut zu der Strafe von oben passt. Ich werde bestraft. Ich werde gelaufen. So lange, bis ich nie nie nie wieder einen Tag auslasse. Wo kämen wir denn da hin? Sicherlich nicht in den Läuferhimmel. Auch nicht mit LSD.

Krosses Training

Unter Crosstraining versteht man das Training in verschiedenen Sportarten. Man könnte es auch einfach „Training in verschiedenen Sportarten“ nennen. Oder „Heute-habe-ich-Lust-auf-Radfahren-morgen-auf-Schwimmen-und-übermorgen-laufe-ich-Training“.  Oder halt Crosstraining. Ist natürlich kürzer. Und klingt schon fast wissenschaftlich. Anglizismen mag ich nicht so, auch wenn sie zugegebenermaßen knackig und gut beschreibend sind. Aber man muss ja auch nicht alles mögen.

Also ein hervorragendes Alternativtraining für den Läufer ist Fahrradfahren. Das hat zwei Gründe. Oder eigentlich ganz viele, aber zwei ganz praktische. Radeinheiten ermöglichen einerseits eine längere Belastung und andererseits schonen sie den Bewegungsapparat. Man kann also seiner Grundlagenausdauer einen Boost (auweia!) geben und trotzdem seinen Bewegungsapparat entlasten. Fünf Stunden auf dem Rennrad sind möglich aber sinnlos würde Vico von Bülow gesagt haben. Der moderne Sportler hingegen sieht genau darin einen Sinn. Eine fünfstündige Belastung im Grundlagenbereich ohne auch nur eine Knorpelschicht der Laufstruktur zu belasten ist ein sehr sinnvolles Geschenk. Es dürfen auch nur zweieinhalb Stunden sein. Und es darf auch das Mountainbike sein. Gespickt mit kurzen Anstiegen und damit verbundenen Pulsspitzen bewirkt dieses Crosstraining eine psychische und physische Auflockerung des Menschen, des Sportlers.

Die nächste Einheit in der gewohnten Sportart ist nach anfänglichen Bewegungstölpeleien dann erstaunlich locker. Wie nach einem Neustart des Computers (auweia!). Andere Muskeln sind belastet, die spezifische Muskulatur des Hauptsports ist entlastet. Man fühlt sich so flexibel. So stark. So kross.

Mach-was-du willst-Training. CrossFit erfreut sich ja größter Beliebtheit. Da ist das Cross Programm. Es geht nur darum, möglichst immer was anderes zu machen. Auch mal bei 35 Grad mit Atemschutzmaske einen Betonklotz 1000 Meter auf rauem Asphalt zu ziehen. Das wäre bestimmt keine schlechtes Alternativtraining für Läufer.

Wer also wirklich schnell werden will, muss crosstrainieren. In der direkten Wettkampfvorbereitung ist es allerdings nur mit größter Vorsicht einzusetzen, denn da geht es ja darum, die eigentliche Sportart auszureizen. Bis der Arzt kommt. Und die Bestzeit.

Gletscher

Ja, ich gebe es zu. Es ist schwer, im Winter zu laufen. Das strenge Kontinentalklima macht einem das Leben als Läufer manchmal schwer. Aber was hilft’s?

Natürlich kann man fluchen. Das hilft auch. Kräftig gegen den Eiswind im Gesicht fluchen. Oder gegen die vereisten Wege. Es sind ja nur die Laufwege vereist, die Wiesen, die Straßen und alles außer der Strecke, auf der ich laufe sind schon seit Wochen schnee- und eisfrei. Ich nenne dieses Phänomen die Vergletscherung der Laufwege. Dagegen muss man fluchen. Gegen die Rutschigkeit, gegen die Folter des Läufers. Wer macht das und vor allem warum?

Wer ist dafür verantwortlich, den Läufer im Winter zusätzlich zu behindern? Stetig stehender Gegenwind, vereiste Laufwege, Eiseskälte. Wüsste ich es nicht besser, würde ich denken, das sei Zufall. Die Anhäufung der Hindernisse kann aber kein Zufall sein. So böse kann der Zufall gar nicht sein.

Ich bin aber noch böser. Ich sehe es einfach als Super-Training an. Wie die Gegenstromanlage im Schwimmbad. Die Satellitenmessung zeigt 6:03 min/km an, aber es sind eigentlich 4:23. Laut Puls jedenfalls.

Insofern, lieber Herr Winterarsch, mach ruhig weiter so. Was uns nicht umbringt, macht uns schneller. Uns Winterläufer.

Verständnis

„Hey! Runta da! Det jeht nich.“ Wer kommt denn auch auf so eine dämliche Idee? Es liegt eine geschlossene Schneedecke, die Bahn ist nichtmal mit Mühe zu erkennen, aber es müssen 800 Meter Intervalle gelaufen werden. Und das, obwohl man weder die Bahn sieht noch fühlt. Ja, wo laufen sie denn? Die Leib- und Magenbahn. Eigentlich dachte ich, ich sehe die Bahn auch noch, wenn sie weg ist. Nach einem Erdbeben oder so. Aber dem ist offensichtlich nicht so. Ich weiß ja, dass die Gerade und Gegengerade je 100 Meter lang sind und die Kurven dann eben auch je 100 Meter. Macht zusammen 400 Meter. Aber wo um alles in der Welt ist die Kurve? Wie dicht ging die noch an dem Hammerwurfkäfig vorbei? Ach da ist ja ein Schneemann. Innen oder außen dran vorbei? Wie war das im Sommer, wo stand der denn da? Eigentlich sollte es ja ein gleichmäßiger Halbkreis sein, genau gleich wie die andere Hälfte unten. Eigentlich habe ich erwartet, dass die Bahn für mich geräumt wird. Oder dass sie wegen mir eine Heizung eingebaut hätten, als sie im Sommer alles neu gemacht haben. Oder dass sie zumindest ein Seil legen, in das ich mich in jeder Kurve einklinken kann und an dem ich wie ein Zirkel den Halbkreis sauber ziehen kann. Aber nein. Im Gegenteil: „Runta da!“

Okay. So im Nachhinein betrachtet, ergibt das auch Sinn. Schnelle Intervalle auf einer geschlossenen Schneedecke auf einem nicht öffentlichen Terrain evozieren nicht gerade Entspannungsgefühle bei dem Haftenden. Aber das Wetter ist doch so schön und ich schleppe mich im Falle einer schneeinduzierten Verletzung ganz sicher auf die Straße. Dem herbei fliegenden Rettungshubschrauberpersonal und den Polizeibeamten sage ich, dass ich hier auf diesem Kanaldeckel ausgerutscht sei. Die Blutspur sei keine Blutspur, sondern es habe von hier so weit gespritzt und bitte: schnell die Blutersatzflüssigkeit anhängen, bevor ich das Bewusstsein gänzlich verliere.

Wahrscheinlich dachte der Platzwart genau das. Dem fehlt einfach das Bewusstsein. Also lieber Platzwart. Ich verstehe dich. Du hast zu 100% Recht. Ich darf da nicht laufen. Es ist zu gefährlich und völlig schwachsinnig. Ich danke dir für deine Freundlichkeit trotz meines Wahnsinns. Ich habe Verständnis. Echt. Dass die improvisierte Runde außerhalb des Platzes wesentlich rutschiger und gefährlicher war, kannst du ja nicht wissen.

Große Pläne

Jetzt ist die Zeit der großen Pläne. Darf’s denn ein bisschen mehr sein? Oder ist es nur der Halbmarathon im Frühjahr und der Marathon im Herbst? Ich finde, manchmal darf es auch etwas mehr sein. Allerdings kommt man bei der Wettbewerbsjahresplanung sehr oft in zeitliche Schwierigkeiten. Wenn man bedenkt, dass allein die Vorbereitung auf den Herbstmarathon ein Vierteljahr Laufen in Vollzeit und allgemeinen Verzichts bedeutet, erscheint ein eingeschobener Ultralauf geradezu absurd. Gibt es denn in diesem Jahr noch etwas anderes außer Laufen?

Mein Vorsatz für dieses Jahr ist: „Lauf, du Sau!“ Also immer, mehr, schneller, ausschließlicher, extremer, länger. Könnte man so sehen. Ich könnte aber auch versuchen, das Laufen noch besser ins Leben zu integrieren und es nicht ganz so als ver- und entrücktes externes Element zu betrachten.

Der Süchtige integriert seine Sucht, um sie normal erscheinen zu lassen. Sucht ist also keine Sucht, sondern normaler Bestandteil des Lebens. Okay. So mache ich das.

Aber wie laufe ich 73 km im Mai? Rennsteig heißt der Pfad der Entrückten, im Thüringer Urwald mit 1.867 Metern, die es hinauf geht und etwas weniger wieder runter. Vier Monate vor dem Marathon ein Ultramarathon. Das ist der Stoff aus dem Überlastungen gemacht werden. Wenn man es falsch macht. Mein Ziel muss also sein: „Lauf langsam, du Sau!“ So mache ich das. Ein läuferischer Spaziergang sozusagen. Ein Ultramarathon als Vorbereitungs-Wettkampf für den Marathon. Ein interessantes Experiment.

Ich halte dich auf dem Laufenden.

Laufen im Winter

Wer macht denn sowas? Jetzt werden Plätzchen gegessen, tierische Fette, leere Kohlenhydrate und viel Alkohol. Ein Bier ist auch ein Schnitzel. Ein Tor, wer anderes denkt. Laufen ist für den Sommer.

Es gibt Verrückte, die sagen, dass die Form im Winter aufgebaut wird. Und sie meinen damit nicht die äußere Form des Körpers. Sie meinen die Leistungsfähigkeit. Sie meinen ernsthaft, dass die Grundlagen für den Marathon jetzt gelegt werden. Will heißen: Jeder Schnaps im Januar bedeutet eine Minute im September. Nicht auf der Habenseite sondern auf der anderen. Schnaps ist also das Gegenteil von Intervalltraining. Wer jetzt nicht läuft, verliert im September. Pah! Carboloading beginnt jetzt. Schokoladenschaumküsse aus Bremen, Marzipan aus Bayern, Gutsle aus Stuttgart  und Gänse aus Brandenburg. Das sind die Kalorien, aus denen Bestzeiten entstehen.

Da gibt es Leute, die sagen, im Winter muss man Krafttraining machen. Das Tranchieren der Gans bringt hervorragende Rumpfstabilität. Um den Thorax des Geflügels zu durchtrennen, muss man Kraft in der Hand haben, aber vor allem sicher stehen. Und sicherer Stand kommt aus den Hüften. Wer also keine Hüftstabilität hat, kann weder schnell laufen noch Gänse tranchieren. Tranchiert bis der Arzt kommt, dann klappt’s auch mit dem Marathon.

Im Winter entsteht die Form, man muss nur kreativ sein.

 

Scheitern

Ja, ich bin gescheitert. Mein Ziel habe ich deutlich verfehlt. Ich hatte einen Einbruch wie im Bilderbuch. Bei Kilometer 34 wollten die Beine nicht mehr, schlimm wurde es bei Kilometer 37 und ganz schlimm bei Kilometer 39. Der Rest war wie in Trance. Die Beine haben sich nicht mehr bewegt. Der Puls ging um 10 Schläge runter. Die Muskeln hatten keine Kohlenhydrate mehr. Das spräche alles für schlechtes Fettverbrennungstraining, also zu wenige langsame Läufe oder zu schnelle langsame Läufe. Im Training war aber nichts anders als im letzten Jahr. Ich war gesund, habe mich gut ernährt und das Training verlief sehr gut. Alle Helfer an der Strecke haben mich großartig und punktgenau versorgt.

Was war es? Ich habe keine Ahnung.

Ich bin enttäuscht und muss feststellen, dass trotz akkuratem, punktgenauem Training Ausrutscher möglich sind. Bei allem Wunsch nach Vorhersagbarkeit durch Erfahrung muss man merken, dass es sie nicht gibt, die Sicherheit. Das ist wohl das Dilemma im Leistungssport. Man trainiert auf einen Punkt hin und an diesem Punkt muss alles passen. Es gibt nur diesen Punkt. Keine zweite Chance. Friss oder stirb. Gestern bin ich gestorben.

Viele sagen, ich sei zu hart mit mir, ich habe eine gute Zeit erreicht und ich solle doch stolz auf mich sein. Ich verstehe, dass sie mich nicht verstehen. Es ist ja auch schwer. Natürlich sind zwei Stunden, einundfünfzig Minuten und einundvierzig Sekunden für die Marathonstrecke ganz in Ordnung. Unter den ersten achthundert überhaupt und einundachtzigster in der Altersgruppe sind ein gutes Ergebnis. Aber für dieses Ergebnis habe ich nicht trainiert. Es ist mir zu wenig, der Aufwand für dieses Ergebnis war zu hoch, das Einbrechen am Ende der Strecke ein Schlag ins Gesicht.

Es sind sechs Minuten, die ich am Ende nach einem harten Rennen verschenken musste. Ich konnte nichts tun. Nicht mit Gewalt, nicht mit Willen, nicht mit Hilfe. Ich musste mein Scheitern ertragen.

Dennoch hatte ich ganz gute Laune, konnte akzeptieren, dass es nicht geklappt hat, spürte die höhere Gewalt. Witzchen machend beendete ich den Lauf, feierte mit den Mitläufern und den Helfern. Man lernt wohl auch, mit Niederlagen umzugehen, je länger man diesen Wahnsinn betreibt. Ich muss nicht vom Sport leben. Darum geht es auch nicht. Ziele, die man erreichen will und die man nicht erreicht sind immer noch Ziele. Dieselben, die es waren, keine neuen. Vielleicht muss ich mir ein neues Ziel stecken. 2:40.

Alle, die mich trösten wollen, sind auch gescheitert, mussten scheitern. Wirklich verstehen kann ich es wohl nur selbst. Das ist einfach so, das macht den Trost nicht schlecht oder falsch. Er hätte nicht besser sein können.

Ein Ziel ist auch: Demut lernen, weil man eben nicht alles kontrollieren kann.

Tik Tak

Gäbe es noch Uhren, die ein Uhrwerk haben, tikte und takte es jetzt sehr laut. Frühstück ist seit 45 Minuten abgeschlossen, Kurznachrichten sind verschickt, Laufkleidung ist angelegt und es wird sogar schon hell.

Geschlafen habe ich nicht. Trotzdem wirke ich erholt. Das Wetter ist kaiserhaft, bei ohnehin stabiler Wetterlage ist der Marathonsonntag noch stabiler und schöner und besser und toller und sonniger. Keine Ausreden. Fast keine Zipperlein, kein Halskratzen, kein Augenjucken. Lediglich der fehlende Schlaf könnte herhalten.

Gleich gehe ich los. Dann gibt es kein Zurück. Die Minuten vor dem Start kenne ich in- und auswendig. Mich kann eigentlich nichts überraschen. Und doch bin ich aufgeregt, als gäbe es was zu verlieren.

Lauf, du Sau.

Die Ruhe vor dem Sturm

Es ist Samstag. Nicht irgendein Samstag. Es ist DER Samstag. Der Sonnabend des Herrn. Wir haben ein letztes Mal geschlafen, die kommende Nacht wird eine Überflüssige sein. (Es ist wie immer Kaiserwetter, der Sommer in Berlin findet an ein paar Tagen Anfang Mai und Ende September statt, dazwischen ist es kalt und regnerisch.)

DER Samstag also. Der Marathonläufer erwacht früh. Sehr früh. Ist ja irgendwie klar, wenn er nach einem trainingsfreien Tag kurz vor zehn das Bett aufsucht. Der Rhythmus ist schon auf das Rennen gepolt. Morgen muss das Frühstück um viertel nach sechs abgeschlossen sein. Ruhe ist die bestimmende Gemütsform heute. Die Gäste der Helferbedankungsfeier morgen müssen sich mit vorbereitetem Essen zufrieden geben, gekocht wird heute nicht, gekocht wurde gestern. Heute wird geruht. Nicht viel gehen, nicht viel stehen, viel liegen, ein wenig sitzen und ein wenig laufen. Ja. 20 Minuten sollen es sein. Langsam. Laaaaaaaangsam. Bloß keine Geschwindigkeit. Außer bei den Steigerungen  am Schluss. Fünf mal kurz sprinten. 100 Meter. Das dient dazu, die Muskeln am Rückbau zu hindern. Der Mensch ist ja wie ein Hund auf Energiesparen und Anpassung eingerichtet. Werden die hochgezüchteten Muskeln nicht benutzt, ziehen sie sich sofort zurück. Ins Nichts. Weg. Braucht man nicht mehr. Macht man weg. Um das zu verhindern und gleichzeitig maximale Erholung der noch nicht verschwundenen Laufmuskeln zu erreichen, bedient man sich dieser Tricks. Man suggeriert den Fasern Arbeit ohne wirklich Arbeit zu fordern. 20 Minuten aufwärmen und dann fünfmal kurz, ganz kurz reizen. Sprinten. Sieht dämlich aus, ist aber ein guter Trick. Der Puls geht kurz hoch und schnell wieder runter. Die im behäbigen Abbaumodus befindlichen Muskelfaserzellen erschrecken dann. Ups. Kommando zurück, wir werden ja doch gebraucht. Abbau sofort stoppen! Alarmstufe rot.Der Körper an sich gähnt. Schließlich ist er ganz anderes gewohnt und erwartet auch ganz anderes. Zu Recht. Aber das kommt erst morgen.

Wir sind jetzt nur noch zwei kleine Läuferlein. Die dritte im Bunde kann wegen einer Sehnen- oder Muskelverletzung am Knie nicht laufen. Es ist nur ein kleines Aua, das im normalen Alltag fast keine Bedeutung hätte, für einen Marathonlauf hat es eine große. Es ist das dümmste und blödeste, was passieren kann. Drei Monate harte, konsequente und auch entbehrungsreiche Vorbereitung auf diesen einen Tag. Dann passiert es bei einer der letzten Trainingseinheiten: klock! Aus, Maus, Applaus. Das war’s. Geht nicht gibt’s! PECH heißt: Pause, Eis, Compression, Hochlagern.

Das Suchen nach anderen Marathonläufen noch in diesem Herbst war Hirngespinst, jetzt ist es Realität. Wir laufen für dich mit. Du hilfst uns an der Strecke. Wir revanchieren uns. In Jena, Leipzig, Halle oder Schwerin.

 

Angerichtet

Letztes Training ist immer Dienstags vor dem X. Also das letzte, was man noch im erweiterten Sinn als Training bezeichnen kann. 6 Kilometer im Marathon-Renntempo. Das kommt einem jetzt nicht extrem hart vor, soll es auch nicht. Auch wenn hier wie immer die Frage schmerzhaft mitläuft: „Wie um Himmels Willen, soll ich dieses Tempo mehr als siebenmal am Stück durchhalten?“ Aber das kennen wir ja schon. Immer wieder. Die Frage nervt mich schon, bevor ich sie denke.

Heute habe ich auch die Strecke mehrfach gekreuzt. Der Herbst hat sein blaues Band auf die Straße gemalt. 3 Streifen aus Herzogenaurach für die Läufer dieser Welt erstrahlen auf den auf Kriegsgröße aufgeblähten Verkehrswegen der Hauptstadt. Wem da nicht mulmig wird, läuft nicht Marathon. Die Route de la torture ist angerichtet. Für Autofahrer sind die Streifen Synonym für Verkehrschaos. Die lockere Laufrunde blockiert die gesamte Innenstadt durch alle Bezirke, außer Spandau vielleicht. Ein Tor, wer sich ernsthaft darüber aufregt. Wer an dem Tag Auto fahren will, muss sehr gut planen.

Unser Lauftrio, also das Trio derer, die die Geister riefen, wackelt leider. Ein verletzungsbedingter Ausfall scheint möglich, aber vorbei ist es erst, wenn es vorbei ist. Das ist der größte Schaden, der einem seit einem halben Jahr trainierenden Athleten zugefügt werden kann. „Macht doch nichts, läufste halt nächstes Jahr… “ Pustekuchen. Das können nur echte Läufer verstehen, die aber richtig. Es ist tatsächlich dramatisch. Es versaut einem die Laune über Tage, man zweifelt, ob man überhaupt jemals wieder laufen will. Enttäuschung pur. Frust. Depression.

Wir drücken alle Daumen und schauen schonmal mit einem halben Auge auf noch anstehende Marathon-Termine im Herbst.

Es ist vorbei

Das fällt schwer. Das tut weh. Das muss man hinnehmen. Eine Leere ist da. Man fühlt sich haltlos. Was soll jetzt werden?

Während andere glücklich ins Wochenende aufbrechen, sich verabreden, laufen gehen, eine Radtour machen oder eine Ausstellung besuchen, sitze ich hier und zittere.

Nein, das habe ich nicht verdient. Zwar geht es vielen anderen auch  so, aber mich trifft es doch am meisten, wenn es mich trifft. Mich würde interessieren, wie die anderen mit dem Unvermeidbaren umgehen. Welche Strategien entwickeln sie, um mit dem Loch klarzukommen. Welche Verdrängungsmechanismen wirken, welche Ablenkung hilft?

Es ist der Sad Tuesday, der Black Friday, der Montag und der letzte Tag des Urlaubs in einem. Es ist die Hölle. Lasst mich doch bitte laufen, nicht die Mäuse an der Wand. Viel. Immer. Schnell. Ich verspreche, dass ich nicht jammern werde. Nie wieder. Nur noch einmal, morgen höre ich auf.

Wahrscheinlich können den Verlust nur Menschen nachvollziehen, denen Ähnliches widerfahren ist. Monatelanges Konsumieren, Fokussierung, Ausklammern alles anderen, effektive Konzentration auf nur diesen einen Punkt, den Tag X.
Und dann ist es vorbei. Plötzlich, unerwartet und hart trifft es dich. Wie ein kalter Entzug. Die Sucht ist groß, der Verzicht kaum möglich, aber es gibt keine Alternative. Alles andere gefährdet die Gesundheit und den Erfolg am Tag X.

Tapering ist der Turkey des Laufsüchtigen.

Schlüssel-Mittwoch

Noch zehn Tage bis X. Zeit für ein nettes Training. Wir nehmen uns nochmals das 10-km-Tempo vor, also dreieinhalb Minuten pro Kilometer. Dreieinhalb Minuten sind ganz schön lang. Man kann in dreieinhalb Minuten zwei Stücke Kuchen essen, aus Weißmehl, Butter und Zucker. Man kann auch warm duschen. Man kann sechs Kilometer auf der Autobahn fahren oder zwölf, je nach Auto. Man kann ein kleines Bier trinken oder einen Mondrian anschauen in dreieinhalb Minuten. Man kann auch eine Schumann-Romanze spielen. Oder man kann einen Kilometer rennen. Ich renne heute einen Kilometer. Und zwei Kilometer. Und drei Kilometer. Und zwei Kilometer. Und einen Kilometer. In dreieinhalb Minuten. In sieben Minuten. In zehneinhalb Minuten. In sieben Minuten. In dreieinhalb Minuten. Man kann in dieser Zeit in Ägypten Pyramiden anschauen und hoffen, keinem Bombenanschlag zum Opfer zu fallen. Oder man macht bei ähnlichen Temperaturen das letzte harte Pyramidentraining in Deutschland und hofft, keinem Hitzschlag zum Opfer zu fallen.

Ägypten in Deutschland. Schlüsseltraining für den Tag X. Das ist heute. Ein Tor, wer das nicht ernst nimmt. Heute nochmal richtig was für harte Mädchen und Jungs, dann geht es endlich ins lang ersehnte Tapering. Verjüngung. Decrescendo. Zuspitzung. Auf-den-Punkt-bringen. Am Tag X wird die Bombe gezündet und die knallt hoffentlich richtig. Bei windstillem, trockenem 17-Grad-Kaiserwetter.

Der letzte harte Reiz für die gequälten Muskeln. Auf dass sie nicht erschlaffen. „Quäl dich du Sau!“ Das steht immer noch, leicht verblasst, auf vielen Pässen der Alpen. Jan Ulrichs Bruder motivierte damit seinen Bruder. Wer wirklich ernsthaft und systematisch trainiert und an Wettkämpfen teilnimmt, der weiß, warum das motiviert.

Mein Bruder schreibt mir das leider nicht auf die beißend nach frischem Gummi riechende Bahn. Aber ich bin ganz sicher: Er denkt es so laut, dass ich es lesen kann. Also. Nicht jammern, sondern zünden. Dreieinhalb Minuten sind lang. Drei mal dreieinhalb Minuten sind fünfmal so lang. Wer das versteht, weiß, was Training bedeutet. Herr-lass-Abend-werden- und Warum-tu-ich-mir-das-an-Mittwoch in einem. Auf geht’s. Der Schlüssel für den Tag X.

Heute suchen mindestens 40.000 Menschen weltweit den Schlüssel. Ich taufe diesen Mittwoch, den vorletzten Mittwoch vor dem schnellsten Marathon der Welt, auf den Namen: Schlüssel-Mittwoch.

Early Bird

Wenn man früh durch Deutschland fliegen will, um ein programmintensives Familienfest miterleben zu dürfen, muss man als Läufer früh aufstehen. Also sehr früh. So früh, dass auch nach dem Training keine Dämmerung zu erkennen ist. Die Partygesellschaft denkt entweder, man sei völlig wahnsinnig (womit sie gegebenenfalls  gar nicht so daneben liegt) oder jubelt einem  zu und fragt: „How much did you do?“ Sitzen die doch tatsächlich 55 Minuten an der gleichen Stelle mitten auf dem Gehweg zwischen halb vier und halb fünf. Großstadt, ick liebe dir.

55 Minuten lockerer Dauerlauf mit fünf Steigerungen anschließend. Von drei Uhr dreißig bis vier Uhr dreißig. Morgens. Das ist auch mal ganz nett. Die Standardrunde im Dunklen. Wobei – dunkel ist anders. Selbst der tödlich gefährliche Tiergarten hat nachts recht ordentliche Lichtverschmutzung. So erschrecke ich mich auch nur selten. Nur wenn es mal wirklich dunkel ist und eines der 26.385 Karnickel im Unterholz raschelt. Ich kenne die Strecke im Schlaf und das kommt mir jetzt zugute. Eigentlich könnte ich auch schlafen während des Laufens. Schlafen mit einem Durchschnittspuls von 144. Das wäre mal was. Dann müsste man für das Training gar nicht so früh erwachen.

Jetzt sitze ich im Early Bird nach Süden und freue mich auf die Familie und den Testwettkampf im Ländle am Sonntag. Da kann ich ausschlafen. Bis sechs.

Er läuft

Seit drei Jahren baue ich nun an der Form. Ich entschloss ich mich, mal eine Frischzellenkur zu testen. Geboren vor etlichen Jahren, sich seither immer fortbewegend auch in unwegsamem Gelände und nie wirklich gepflegt, ist es an der Zeit gewesen. Natürlich, wir sind ja auch zum Laufen da. Und zum Arbeiten. Und zum Sich-Fortbewegen. Seit Jahrzehnten. Raus und los. Immer. Deswegen habe ich das Uhrwerk mal auseinandergenommen, die Einzelteile geprüft und repariert und setze sie nun langsam wieder zusammen. Das ist trotz des Alters ein ganz schön aufwändiges Unterfangen. Oder wegen des Alters?

Ja, so ab 45 geht es bergab mit der Leistung, es sei denn, man kann noch mehr trainieren, noch mehr Einzelsysteme tunen, noch mehr optimieren. Die Reize münden jedoch im Alter öfter in Muskelkater als in Leistungssteigerung und dann schreibt „Die Zeit“ auch noch, dass mindestens 50% des sportlichen Erfolgs genetisch vorbestimmt sind. Die anderen 50% werden von der 10.000 Stunden-Regel ausgemacht. 10 Jahre am Stück mindestens 19 Stunden Training in der Woche sind nötig, um an die Spitze zu kommen. Also gut. Ich gehe 10 Jahre nach Kenia trainieren. Dann wird das schon. Aber eben nur 50%. Der Rest muss mit Gendoping gemacht werden. Da ist man schon recht weit. Wenn ich dann aus Kenia zurückkomme, kriege ich ein paar Spritzen und laufe 1:49 auf den Marathon. Mit knapp 60. Schöne neue Welt.

Ob der alte Mann vom Anfang der Geschichte auch Gene hat, wage ich zu bezweifeln. Bei Maschinen kann man das Altern jedoch aufhalten, indem man beliebig Systeme austauscht, erneuert oder repariert. Da kann man auch mit der 1.000 Stunden-Regel viel bewirken. Da gibt es keine Dopingtests. Geboren 1965, im Jahr 2016 wieder fast wie neu. Seit drei Jahren werden die Gene gedopt. Jetzt läuft er. Wie am ersten Tag. Der Land Rover.

 

Militär

Was zum Teufel mache ich da? Wo steht der Befehl? Ich bin ja schließlich nicht umsonst beim Militär vergessen worden. Ich bin es nicht gewohnt, Befehle zu empfangen. Aber als was sonst ist der Trainingsplan im Moment bitte zu verstehen? Zehn mal 1000 Meter im 10-km-Tempo, dazwischen drei Minuten traben! Okay. 45 Minuten lockerer Dauerlauf, danach leichtes Krafttraining! Juti. 12 km Marathontempo, davor drei Kilometer einlaufen, danach 3 Kilometer auslaufen! Zu Befehl. 65 Minuten ruhiger Dauerlauf! Gern. 35 Kilometer langsamer Dauerlauf! Wird gemacht. 70 Minuten ruhiger Dauerlauf! Selbstverständlich. 15 mal 400 Meter in 80 Sekunden mit je 90 Sekunden Pause dazwischen! Äh, wann? In einem halben Jahr? Ach jetzt gleich. Okay.

Kein Bitte. Kein Danke.

Wo ist der Pausenbefehlshaber? Wer sagt: lass mal gut sein, du brauchst mal eine Pause? Dieser Kommandant hat gerade Urlaub. Also. Wir befinden uns 22 Tage vor dem Tag X. Da wird noch trainiert. Aber richtig. Kraftausdauer nach Tempo vor langem Lauf. Ja, wir leben im 21. Jahrhundert und wissen, dass Regeneration wichtig ist, genauso wie abwechslungsreiches Training. Die Abwechslung habe ich, die Regeneration hingegen regeneriert gerade. Die Belastungsintensität wird durch Verkürzung der Regenerationszeiten erhöht. Der Reizgenerator muss sich halt was einfallen lassen. Ein so ausbelasteter Körper lässt sich nicht so einfach hinterm Ofen hervorlocken. Da muss es schon mal etwas mehr Drama sein. Physiodrama. Belastung mit dem Holzhammer. Wenn eine Einheit allein nicht mehr reicht, muss die nächste halt schnell darauf folgen. Schneller als die Regenerationspolizei erlaubt. Belastung durch Intensitätsverdichung.

Das ist die Zeit, in der manche Körper die Notbremse und sich in Krankheit zurück ziehen. Also die andern Körper. Die ganz anderen. Ich habe seit 5 Tagen Muskelkater. Das reicht. Mal sehen, wie ich mich nach 35 Kilometern mit Muskelkater fühle. Die Notbremse als Damokles-Schwert. Sie baumelt bedrohlich locker. Noch hält die Plombe. Ich mach ja schon, Herr General.

50 Minuten

Sind 50 Minuten eine Einheit? Sind 50 Minuten ruhiger Dauerlauf Leer-Kilometer? Sind es Junk-Kilometer? Das sind die Fragen, die den Läuferhorizont bewegen.

50 Minuten sind 50 Minuten. Der Aktivitätsaufzeichner der Trainingsuhr wird danach auf etwa 80 Prozent der Gesamtaktivitätstagesanforderung stehen. Mit 50 Minuten ruhigem Dauerlauf habe ich also mein Aktivitätssoll noch nicht erreicht. Wenn man 50 Minuten Dauerlauf macht und ansonsten nur am Computer sitzt und „arbeitet“, hat man sich zu wenig bewegt. Die Auswertung des Tages wäre mit Inaktivitätswarnungen gespickt. „Die spinnt wohl, die Uhr!“, denkt jeder Mensch. 50 Minuten Dauerlauf sind zu wenig Aktivität?

Da beißt die Maus keinen Faden ab. Das ist zu wenig. Die Welt leidet an Bewegungsmangel. Die Vorstellung der Menschen von Bewegung ist degeneriert. 50 Minuten locker laufen am Tag erscheint den meisten schon viel. Aber es ist nicht viel. Sagt die Uhr. Aber eigentlich sagen das auch die Gene. Dort ist nämlich immer noch gespeichert, dass sich bewegt werden muss. Und zwar viel mehr als nur mal locker 50 Minuten Dauerlauf. „Mensch Kind, hör doch mal auf rumzuzappeln!“ Wer das noch nie gehört hat, ist mal richtig degeneriert. Kinder machen es richtig. Unnütze Kilometer durch den Garten rennen, am Tisch nur sitzen, wenn man unbedingt muss und ansonsten spielen und rumzappeln. Viel rumzappeln. Nicht bewegen gibt es nur im Schlaf. Goldrichtig ist das.

Erreichen wir durch die Verbreitung von Trainingscomputern, Smart-Watches und Aktivitätstrackern vielleicht eine Rückkehr zu mehr Bewegung?

Ich entschuldige mich heute bei meinen Genen, dass ich nur 50 Minuten dauerlaufe. 30 Minuten Krafttraining kommen jedoch dazu. Rumpfstabilität. Damit man beim Laufen ab Kilometer 30 nicht anfängt zu zappeln und zu viel Energie in das Abfedern des Zappelns fließt.

Gastkommentar

Ich bin nicht allein. Es gibt noch andere, denen eine Nebensache sehr wichtig ist. Zumindest für drei Monate im Jahr. Aus einer Ich-melde-mich-mal-an-und-dann-schauen-wir mal-Laune wird schnell harte Realität. Zwei Wochen und neunundneunzig Euro später hat man die Gewissheit: Der Sommer ist vorbei noch bevor der Winter angefangen hat. Blut und  Wasser werden die Tartan-Bahnen dieser Republik entlang fließen, Schweiß wird auf den Land-Laufwettbewerbsstrecken der Sommer-Sonntage tropfen und Flüche werden durch einsame Laufwälder hallen. Und manche dürfen sogar schon den Asphalt der Tag-X-Strecke schmecken.

Der wilde Eber gehört zu den legendären Orten des Berlin-Marathons. Mein Gast durfte ihn gestern schon mal anlaufen. Ein verschobener Halbmarathon als Vorbereitungswettkampf für den Tag X war es, Platz acht in der Altersgruppe das sensationelle Ergebnis. Herr Ehrgeiz ist da. Herr Leistung und Herr Fleiß. Die drei haben den Herrn Psyche gezwungen, sich ebenfalls am Erfolg zu beteiligen. Zusammen bilden sie das Quartett „Schluss mit Lustig“.

Ja, ein Halbmarathon tut weh. Sehr weh. Er ist ein völlig anderes Rennen. Er ist genauso wenig die Hälfte eines Marathons, wie der Marathon das Doppelte eines Halbmarathons ist. Ein Halbmarathon ist ein Halbmarathon und ein Marathon ist ein Marathon. Oft gehört vor solchen Unterdistanzen ist der Schlachtruf: „Ach, nur ein Halbmarathon! Das schaffst du doch locker.“ Ja, genau. Natürlich schaffe ich das. Aber geht es ums Schaffen? Natürlich nicht. Es geht um Blut und Wasser. Es geht um alles. Es geht um das Tempo. Immer. Auch Usain ist platt, nachdem er Gold auf 100 Metern erlaufen hat. Und da sagt ja auch keiner: „Ach nur 100 Meter! Usi, alte Hütte, schaffste doch locker.“

Es geht immer darum, schon vorher zu wissen, was die Zielzeit ist, um den ersten Kilometer zu langsam laufen zu können. Im Gegensatz zu den Rennen bis 400 Meter, bei denen das Credo „Sofort-Voll-Stoff-bis ins Ziel“ ist, muss man ab 800 Meter-Läufen eine Rennstrategie haben. (Hier bitte ich alle Kurzstrecken-Profis um Nachsicht, die dramaturgische Verkürzung hat hier Vorrang).

Will also heißen, man muss seine Leistung genau kennen, um sofort das richtige Tempo zu laufen. Das ist natürlich etwas langweilig, denn je besser man auf den Punkt trainiert ist, desto genauer kennt man sein Ergebnis schon vor dem Lauf. Bei den Vorbereitungswettkämpfen kann man das noch ein bisschen üben oder man sagt sich einfach: Heute laufe ich genau 3:46 Minuten pro Kilometer durch, obwohl man eigentlich 3:44 schaffen würde. Mit Blut und Wasser.

Mein Gast hat gestern geübt. Als alter Besserwisser und gönnerhafter Pseudotrainer schrieb ich ihm noch das Allerweltsgeschwätz: „Lauf langsam los, Lauf zu langsam los. Alle schnellen Läufe werden zu langsam begonnen.“ Er hat mir den Gefallen getan und das Allerweltsgeschwätz ein weiteres Mal bestätigt. Der erste Kilometer 12 Sekunden langsamer als der Durchschnitt aller Kilometer. Das ist eine andere Welt. Kilometer eins hat mit dem Rennen nichts zu tun. Er bringt den Körper langsam auf Touren. Hier schau mal, das ganze Fett, unerschöpfliche Energie, das kannst du nehmen. Nimm das erstmal. Dann, wenn es schneller wird und schwerer, so ab Kilometer drei, dann kannst du auch mal ein paar Kohlenhydrate haben und so bei Kilometer 17 kriegste neben den Kohlenhydraten auch noch ein paar Eiweiße. Ach was, nimm dir einfach alles was du willst und brauchst.

Mein Gast hat gut geübt. Er ist jeden Kilometer im Durchschnitt sieben Sekunden schneller gelaufen als geplant. Das ist eine gewaltige Dimension. Die Geister, die ich rief. Hier bin ich Läufer, hier muss ich es sein. Er merkte natürlich, dass er zu schnell ist, aber nein, er wurde nicht langsamer. Und das ist dann doch eine Überraschung. Nicht das Blut und auch nicht das Wasser, nicht die Höllenqualen und nicht der Schweinehund, sondern die Fähigkeit, ein nicht für möglich gehaltenes Tempo doch durchzuhalten. Bis zum Ziel. Beim Wettkampf geht das. Und nur da. Deswegen. Lieber Gast. Glückwunsch zu dieser Leistung. Ich ziehe den Hut und bin froh, dass ich keinen Halbmarathon laufen muss.

Nebenbei habe ich gestern selbst einen Wettkampf provoziert. Eine Freundin fand keinen exakt passenden 10 Kilometer-Lauf, deswegen habe ich die ersten 46 Minuten meines LSD-Laufs (das „S“ heißt slow) zu schnell absolviert. Und auch die Freundin ist endlich mal so schnell gelaufen, dass heute ein leichtes Ziehen im Oberschenkel zu spüren ist. Ich muss mal ein bisschen langsamer laufen, sagte sie bei Kilometer sechs. Nein, das musst du nicht, wusste ich genau. Lauf, du Sau! 4:35 Minuten pro Kilometer sind 13 Sekunden schneller als das Soll. Das ist auch eine Dimension. Sie ist das Lächeln beim Zieleinlauf am Brandenburger Tor.

Meine Gäste haben gestern beide gesiegt. Zeitgleich mit dem olympischen Marathon in Rio. Ich bin stolz auf euch.

Sehr belastet

Heute habe ich es endlich geschafft. Ich habe mich schon gefragt, wozu es diesen Anzeigebereich überhaupt gibt. Unterfordert, ausgeglichen, belastet und sehr belastet. Diese Zustandsbeschreibungen des Trainierenden hat sich der Hersteller der Pulsuhr ausgedacht. Schubladen, in die man sich legt, wenn man trainiert. Ich dachte bisher, dass die Schublade „sehr belastet“ nur für Idioten ist, die übertrainieren. Doch seit heute darf ich mich zum Kreis dieser Schubladenlieger zählen.

Sehr belastet! Mir wird auch noch angezeigt, wann ich die Schwelle zu „belastet“ erreiche und auch die zu „ausgeglichen“. Die Schwelle zu „belastet“ habe ich schon eine Stunde nach dem heutigen Training wieder unterschritten, die Grenze zu „ausgeglichen“ erreiche ich laut Prognose in der Nacht zum Sonntag gegen zwei Uhr dreißig. Wenn kein Training mehr dazwischen kommt. Kommt aber. Ich werde mich wohl am Sonntag im tief belasteten Bereich auf den LSD-Lauf machen. LSD heißt leider nicht „Lucy in the Sky with Diamonds“, sondern Long, Slow, Distance. Also langer, aber langsamer Lauf. Wie jeden Sonntag. Davor sollte man einigermaßen erholt sein. Werde ich aber nicht sein.

Ich glaube, das nennt man Belastungsphase. Ausbelastung. Oder einfach hartes Training mit vielen Kilometern. Vielen und schnellen und bösen Kilometern. Montag bis Freitag  80 km. 124 Kilometer werden es wohl am Sonntag sein. Aber es geht ja nicht um die Menge der Kilometer. Es geht um Quality-Training. Also abwechselnd schnell und langsam, Be- und Entlastung. Warum-tu-ich-mir-das-an-Dienstag mit 4 x 2.000 Metern in je sieben Minuten (7:15 das letzte, was angeblich sehr schlecht ist, weil die letzten Intervalle eher schneller als langsamer sein sollten. Ich schiebe das auf gescheitertes Mentaltraining. Die Beine hätten gekonnt, aber ich war schwach, so schwach. Das Fleisch war willig, der Kopf nicht.) Die beiden Fülltage mit je 19 und 17 km in „lockerem“ Tempo, also so knapp 4:30 min/km. Die so genannten Junk-Kilometer vor dem Herr-lass-Abend werden-Freitag, der mit zweimal sieben Kilometern im Wettkampftempo, also 3:55 Minuten pro Kilometer das Wochenende begrüßt. Der Zyklus der Belastung ist im Moment ganz schön lang. Die letzte Trainingseinheit in langsamem Tempo war der Sonntag. Und selbst der läutete diese vorwiegend schnelle Woche mit einer Endbeschleunigung ein. Km 28-30 mussten plötzlich im Wettkampftempo gelaufen werden. Ja, ich habe es verstanden. Der Marathon kommt und dafür muss man bereit sein. Dafür muss man sich quälen. Die große Quälzeit ist jetzt. Noch ganze drei Wochen.

Man muss sich belasten. Auch mal eine ganze Woche lang. Und dann noch eine. Und noch eine. Regeneration kommt auch wieder. Beim Tapering. Aber jetzt habe ich das Gefühl, immer einzuatmen und wenig, also kaum wahrnehmbar ausatmen zu können. Sehr belastend.

Langsam

Menschen laufen. Menschen sind schon immer gelaufen. Zumindest bis zum Beginn der Industrialisierung. Menschen laufen viel. Menschen laufen lang. Menschen laufen weit. Der Vergleich mit dem Steinzeitmenschen, der täglich unzählige Kilometer gelaufen ist, um sich und seine Familie zu ernähren, langweilt. Was aber nicht langweilt, ist die Fähigkeit des Menschen, das aus den Genen wieder abzurufen. Es ist kein Problem, 32 Kilometer am Stück zu laufen. Das geht eigentlich immer. Und eigentlich auch ziemlich einfach. Man muss sich nur ein bisschen daran gewöhnen. Also trainieren. Und je weniger man dafür trainiert hat, desto langsamer muss man laufen. Aber wenn man mal auf dem Level ist, dann geht das erstaunlich locker. Und erstaunlich schnell. Zwei Stunden und 40 Minuten braucht ein gut Trainierter dafür. Langsam und Locker ist das dann. Viel lockerer, als acht mal Tausend-Meter-Intervalle in atemberaubendem Tempo. Auch wenn man es öfter macht. Tempo-Intervalle sind immer wieder unerträglich und sollen es auch sein.

Der Mensch ist also in der Lage unglaubliche Strecken zu Fuß zurückzulegen, aber eben nur in langsamem Tempo. Je länger die Strecke, desto langsamer muss man das Tempo wählen. Es gibt da so schlaue Formeln um seine Wettkampfzeit anhand eines Unterdistanz-Laufes zu berechnen. So ergeben sich zum Beispiel folgende Gleichungen:

00:17:10 auf 5 km = 00:35:50 auf 10 km = 01:19:00 auf den Halbmarathon und 02:45:00 auf den Marathon. Man sieht also, dass man nicht einfach die Zeit mit der Strecke multiplizieren kann. Der gesunde Menschenverstand sieht das natürlich auch ohne diese Zahlen. Der gewiefte Kilometerschwabe könnte natürlich jetzt sagen, ich suche mir einen Fünf-Kilometer-Trainingsplan heraus und trainiere damit für 17 Minuten auf 5 Kilometer. Das ist zweifelsohne recht flott. Der Trainingsplan wird mit erheblichen Tempoeinheiten daherkommen und einen Untrainierten schnell in seine Schranken verweisen. Aber er wird mit etwa 50 bis 60 Kilometern in der Woche sicherlich höchstens die Hälfte des Umfangs fordern, den ein Marathonplan für das Zeitäquivalent 2:45:00 fordert. Also lieber Herr Schwabe. Da wird die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Selbst wenn du es schaffst, im ausgerechneten Marathontempo die ersten Kilometer zu laufen, wird nach meiner Schätzung bei Kilometer 21 Schluss sein. Und zwar ganz Schluss. Für mindestens eine Woche. Kein Schritt ohne fürchterliche, erbarmungslose Schmerzen wird möglich sein. Das geht vorbei. Aber ein Zielerlebnis bleibt dir verwehrt. Und wenn die ganzen Finisher schon fröhlich umherhüpfen, gehst du noch rückwärts die Treppen runter und reißt die Geländer aus der Wand, die nicht für tonnenschwere Beine geschaffen sind, die sich nicht selbst tragen können, geschweige denn deinen Körper.

So, der Zeigefinger fährt ganz langsam wieder ein. Es will und muss gelaufen werden, will man die volle Distanz eines Marathons ohne Schaden überstehen. Umfang! Fleiß! Langsam! Gerade das „Langsam“ fällt mir immer schwer. Die langen Läufe müssen langsam sein, sonst trainiert man die falschen Systeme. Besonders gewiefte Renner, denen alles leicht fällt, laufen die lang(sam)en gern viel zu schnell. Ich nehme mich da als Letzten aus. Langsame Läufe werden in der Regel zu schnell gelaufen und die harten schnellen Intervalle meist zu langsam. Das ist ein so verbreitetes Phänomen, dass jeder Läufer, der das hier liest, sagen wird: „Ja, lieber Onkel Zeigefinger, du hast recht. Ich weiß es und will es nicht mehr hören und du bist ein Klugsch…!“ Okay. Ich sag nix mehr. Nie wieder. Langsam ist der Erfolg für den Marathon. Langsam loslaufen, Training langsam steigern, lange Läufe langsam laufen, langsame Zeiten vornehmen. Langsam dämmert es sogar mir. Nach 20 Jahren Lauferfahrung. Wird langsam Zeit.

Wettkampf

„Am Berg ist immer Wettkampf“, sagen die Radler. Sie meinen damit, dass man nicht einfach jemanden am Berg an sich vorbeifahren lässt. Radler sind eine eigene Spezies, sie legen sehr viel wert auf Etikette, oft sogar mehr darauf, als aufs Radfahren.

Sonntags gibt es im Verlauf des Trainingsplan Testwettkämpfe. Die liegen, wie ich schon erzählte, immer an Sonntagen, die mit Familienfesten oder sonstigen Veranstaltungen besetzt sind. Vergangenen Sonntag habe ich mir also wegen einer Hochzeit einen Wettkampf in Gaggenau gesucht, suchen müssen. Gaggenau kennt man vielleicht wegen Küchengeräten, ganz sicher nicht wegen Laufveranstaltungen. Das hat Vorteile. Der Teilnahmebetrag ist mit fünf Euro sehr gering. Und man kann sich kurz vor Start noch ohne Schlange schnell anmelden. Es hat auch Nachteile. Die Internetauftritte dieser Veranstaltungen verraten oft nicht so viel über die Veranstaltung. So wird man häufig während des Laufs noch überrascht. Gelegentlich ist der Streckenverlauf nicht eindeutig, das Höhenprofil scheint auch öfter nicht der Rede wert. Als ich also gestern bei Kilometer vier immer noch keinen fand, der mir Seil und Haken brachte, entschloss ich mich, weiter schnell zu gehen. Ungesichert. Das Tempo war einem 10000 Meter Lauf nicht angemessen. Der Wendepunkt kam bei, oh Wunder, Kilometer fünf. Von da an ging es, oh Wunder, bergab. Die gleiche Strecke zurück. Meine Muskeln waren aber inzwischen gut gefestigt, so dass sich das erhoffte Laufenlassen eher staksig zeigte. Wenigstens hatte ich drei der sechs aus der Führungsgruppe schon beim Klettern überholt. Runter muss es schnell gehen beim Bergsteigen, das lernt man schon als Kind. Deswegen ließ ich es laufen, so weit die Füße tragen. Kurz vor Einbruch des Läuferfeldes, erreichte ich das Ziel als niedrigster Podestler glücklich, gesund und unverletzt. 

Nach den fünf Kilometern zum Einlaufen, sollten es noch acht zum Auslaufen sein. Dazu nahm ich nochmals den Berg und entdeckte die wunderschöne Landschaft des Schwarzwaldes zum ersten Mal an diesem Tag. Am Berg ist nicht immer Wettkampf.

Umfang

120 km die Woche. Die, so sagt die Erfahrung und die Gewohnheit, sind nötig, wenn man sich so etwa zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten Zeit für die Marathondistanz nehmen will. Das ist recht viel. Etwa 17 km pro Tag. Asiatische Top-Athleten erledigen gelegentlich bis zu dreihundert Kilometer pro Woche. Das ist mehr als ein Marathon pro Tag. Allerdings aufgeteilt in zwei oder manchmal drei Einheiten pro Tag.

Nun gibt es auch Theorien, die den Umfang zumindest psychologisch zu reduzieren versuchen. Drei Einheiten pro Woche sollen reichen. Die aber sehr intensiv. Und dazwischen soll man Alternativsport, wie Schwimmen und Radfahren machen. Soll die Gelenke schonen und soll sogar funktionieren. Aber das muss mir erstmal jemand beweisen. Natürlich ist der Wunsch groß, mit weniger Aufwand das Gleiche zu erreichen. Aber das Alte hat ja schon immer ganz gut funktioniert und was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht. Doch nagt es an mir. Mache ich das mal? Ein großes Experiment mit ungewissem Ausgang. Trial and error. Irgendwann mal. Bestimmt.

So lange aber richte ich mich nach den konservativen Plänen und Laufe den  geforderten Umfang. Mit den ganzen Junk-Kilometern, wie sie die Verfechter der anderen Methode nennen. Mal ehrlich: diese so genannten Junk-Kilometer sind das Schönste an den Trainingsplänen. Statt immer auf die Uhr zu schauen und zu merken, dass man wieder zu langsam ist, schaut man sich die Umgebung an und nur mal kurz auf die Uhr, um zu sehen, dass man zu schnell ist. Zu schnell! Das ist Erholung. Bremsen. Langsamer laufen. Ruhig atmen. Locker machen. Entspannung der Psyche. Junk-Kilometer. Von wegen. Das ist quality-time. Run-life-balance. I like. 

Zipperlein

Woher kommen sie? Warum kommen sie immer dann, wenn man sie nicht will? Weil man an sie denkt, wenn man sie nicht will. Wenn man sie nicht nicht will denkt man nicht dran und dann kommen sie auch nicht. Also dann sollte ich einfach nicht dran denken. Oder besser gesagt ich sollte versuchen, sie nicht nicht zu wollen. Also Daumen hoch und durch. Lauf sie einfach weg, die Zipperlein. Eis sie weg. Roll sie weg und vergiss sie einfach.

Die Erfahrung sagt ja auch, dass es eigentlich immer psychologische Zipperlein mit somatischer Komponente sind. Also kann ich sie einfach wegdenken. Denk weg, du Sau.

Und das mach ich jetzt. Deswegen kann ich da nicht weiter drüber schreiben.

Drei

Da waren’s nochmal drei.

Der Berlin Marathon glänzt ja durch ein rigides Anmeldesystem. Es gibt eine Anmeldephase von ein paar Tagen ein paar Wochen nach dem Marathon. Da kann man sich als Laufwilliger für das nächste Jahr anmelden. Ein paar Wochen später erhält man dann Nachricht. Man kann sich normal anmelden oder als schneller Läufer oder man gehört zum Jubilee-Club. Schnelle Läufer müssen ziemlich schnell laufen oder schnell laufen und etwas älter sein, Jubilee-Club-Läufer haben den Berlin-Marathon mindestens 10 Mal beendet. Beide haben einen Startplatz sicher. Gehört man aber nicht zur Berlin-Marathon-Aristokratie, muss man sich normal anmelden und hoffen, dass man gelost wird oder nicht. Ja, manche hoffen, dass sie nicht gelost werden. Und für die war diese Bewerbungsphase nicht gut.

Ich habe eine gute Freundin, einen guten Freund und einen guten Bekannten. Die wollten es alle wissen. Komm lass uns mal bewerben, da werden eh höchstens 50% genommen. Und zack alle drei sind auf Anhieb drin. Die Geister, die sie riefen. Marathon! Das Geld wird ja sofort eingezogen, ein Rückzug ist somit unmöglich. Also: beworben – genommen – TRAINIEREN!

Für mich ist das blöd, weil zwei wesentliche Unterstützer an der Strecke ersetzt werden müssen. Für die ist das aufregend, weil sie neben dem Laufen im Gegensatz zu mir auch noch was anderes zu tun haben. Und jetzt, so circa zehneinhalb Wochen vor dem Tag X merken sie, dass das Laufen doch einen nicht unerheblichen Teil der „Freizeit“ einnimmt. Und zwar sowohl rein zeitlich durch die Trainingseinheiten selbst als auch gesundheitlich durch das Fieber, das einsetzt. Rennfieber. Kann ich jetzt schon was falsch machen? Muss ich alle Trainingseinheiten machen? Sollen die Intervalle wirklich so schnell gelaufen werden? Kann man den langen Lauf auch mal etwas abkürzen? Muss ich jetzt schon mit dem Carboloading anfangen? Ich sag’s euch! Das ist ein Vierteljahr Rennfieber. Fokus auf alle Banalitäten des Laufsports. Ich tue immer sehr erfahren und abgeklärt, aber unter uns: mir geht es mindestens genau so wie denen. Jedes Mal.

Man läuft halt so ein bisschen vor sich hin bis Anfang Juli. Läufste heut nicht, läufste morgen. Und dann startet völlig unerwartet (wie Weihnachten immer) der Trainingsplan so etwa 12 Wochen vor dem Marathon und schwupps: Fieber. Anfangs ist es noch leicht erhöhte Temperatur, aber ab der 4 Woche, spätestens vor dem ersten Testwettkampf erhebt sich das zu einem gesunden Fieber. Alle Nebenbeschäftigungen werden nur noch stoisch automatisiert absolviert. Das Herz und der Kopf sind bei der eigentlichen Aufgabe: Marathon. Lästige Familienfeiern, vornehmlich Sonntags und weit weg, noch vornehmlicher an Testwettkampftagen bringen einen an den Rand der Verzweiflung. Hochzeit des Cousins und 80ste Geburtstage werden nach kurzer Recherche, ob dort im Umkreis von 100 km Läufe sind, zähneknirschend zugesagt. Alles andere muss ausfallen. Aber wieso? „Dann läufste halt mal einen Tag nicht!“ Hallo? Schuss nicht gehört? Es geht um das Wichtigste der Welt: den Marathon! Dann läufste halt mal einen Tag nicht! Das ist in etwa so, als wenn man einem Koch sagen würde, dann lässte halt mal das Salz weg. Oder dem Frühling: dann lässte halt mal den Mai weg!

Ich freue mich auf den 25. September um 13 Uhr. Da sind alle drei im Ziel. Und ich auch.

So langsam …

… geht es wieder los.

Wir erinnern uns: Es geht um 165 Minuten. Und um knapp 24.000.000 Minuten. So lange lebe ich nämlich schon. Und das macht sich halt langsam bemerkbar. Nicht nur an meiner hinzukommenden Leseschwäche, von der ich immer noch erwarte, sich mit der angeborenen Fernsehschwäche zu neutralisieren. Die intellektuellen Fähigkeiten hatten auch schon mehr Gegenwind und last but not least unterliegen die ohnehin spärlich vorhandenen schnellzuckenden Muskelfasern einem Schwund, der spätestens am Brandenburger Tor in einen lagerglühenden Leerlauf münden wird. Hamsterrad on fire.

Er schreibt also wieder. Er sitzt vor dem leeren Bildschirm. Er weiß nicht, was er noch alles erzählen kann. Vom Laufen. Wovon redet er, wenn er vom Laufen redet?

Von Qualen. Vom Warum. Vom Zwang. Von Gewohnheit. Von Ersatzbefriedigung. Von Sucht. Von Askese.

Nicht vom Hochgefühl. Nicht vom Abschalten. Nicht vom Rhythmus. Nicht von freien Gedanken. Nicht vom Flow. Nicht von Genuss. Nicht von Leichtigkeit.

Ich habe mir eine neue Laufuhr angeschafft. Beim letzten Batteriewechsel vor zwei Jahren schrieb mir Polar schon, dass ich mir doch bitte eine neue Uhr kaufen solle, denn sie könnten weder eine Garantie für die ausgetauschte Batterie übernehmen, noch die Uhr überhaupt noch reparieren. Muss man aber auch nicht. Zehn Jahre hat sie einwandfrei funktioniert und tut es auch jetzt noch, nur liegt sie gerade tatenlos in der Schublade, um der neuen Uhr die Manege zu überlassen.

Ich kann jetzt immer am Computer und am berührungssensitiven Fernsprechapparat sehen, wo ich gelaufen bin. Wo und wann und wie schnell und mit welchem Puls. Ich kann sogar sehen, wie gut oder wie schlecht ich geschlafen habe und ich kann  sehen, wie viele Schritte ich gemacht habe. Das ist unglaublich toll und unglaublich unnötig. Und unglaublich überwacht. Fehlt eigentlich nur noch Reinhard Meys Balkencode am Schniedel.

Will also sagen: Hört auf zu lesen. Es kommt nix Neues. Nichtmal die Uhr hat viel Neues. Außer GPS und Schlafanalyse. Same procedure as every year. Der Läufer ist tot, es lebe der Läufer.

Laufen für andere

Nach dem Zieleinlauf am 27. September 2015, also ziemlich lange nach dem Zieleinlauf, habe ich den 3:00 Stunden Pacemaker getroffen und ihn gefragt, wie man das wird. Ein Pacemaker ist ein Tempomat. Man stellt ihn auf eine Pace ein und die hält er. Bis zum Ziel. Bei den großen Marathons haben die Veranstalter es eingerichtet, dass bei 3:00 Stunden, 3:15 Stunden, und so weiter bis vielleicht 4:30 Stunden Zielzeit Menschen laufen, die das schonmal gemacht haben und eigentlich mindestens eine halbe Stunde schneller als die vorzugebende Zeit laufen können sollten. Bei dem 3:00 Stunden Pacemaker ergibt sich da schon eine recht flotte Runde. Diese Pacemaker haben oft das Glück, den ganzen Lauf mit einem Ballon laufen zu dürfen, auf dem die Zeit steht, die sie eigentlich laufen sollten. So wird derjenige auch schnell entlarvt, der stark abweicht. Und das kommt wohl auch öfter vor. Gerade in Berlin taumeln da häufiger Ballons in Luft, die deutlich abweicht von dem, was draufsteht.

Zweifelsohne ist das eine große Leistung, einen Marathon in einer fest vorgegebenen Geschwindigkeit zu laufen, auf 100 Fragen von Mitläufern zu antworten und auch noch auf sich selbst zu achten. Ein Marathon ist kein Spaziergang, auch nicht, wenn man ihn 30 Minuten langsamer läuft, als man könnte. Viele Läufer verlassen sich auf den Pacemaker. Wenn man diese Aufgabe übernimmt, sollte man das nicht leichtfertig tun. Irgendwann ist immer das erste Mal, aber muss das bei einem so wichtigen Wettkampf wie einem Marathon sein?

Ich möchte das mal machen. Bei einem Marathon. Vor allem auch deshalb, weil man dann die Teilnahmegebühr spart. Und deswegen habe ich das am Wochenende mal geübt. Mitten auf dem Land gab es einen 15,3 km Lauf durch den Wald. Man hätte auch 27 km laufen können, aber das war mir viel zu weit. Ich laufe ja nur noch zum Spaß. Und ab Kilometer 8 hört der Spaß auf. Und die Freundin, deren Hase ich sein sollte, wollte auch nicht länger. Wir haben uns also geeinigt, dass sie läuft und ich alles für sie mache. Vor allem die Geschwindigkeit vorgeben und halten, aber auch ein Power-Gel bereithalten und Wasser reichen. Hasen werden die Privat-Pacemaker genannt. Also die, die nur für einen Tempo machen. Die kenianische Elite hat oft eine ganze Gruppe von Hasen, die alle zu festgelegten Kilometern aussteigen. In seltenen Fällen sind die Hasen so gut und auch so ehrgeizig, dass sie schonmal bis zum Ende laufen, in den seltensten Fällen sollen sie auch schon den eigentlichen Favoriten abgehängt haben.

Ich habe mich sehr verantwortlich gefühlt. Ich zeigte ihr die Spur auf der sie laufen sollte, gab Anweisungen zur Geschwindigkeit beim Bergauflauf, rannte zur Getränkestation zurück und wieder zu ihr vor, motivierte, peitschte und quasselte ohne Punkt und Komma. Ohne Reaktion. Das ist ja irgendwie klar. Meine Freundin lief ziemlich nah an ihrer Leistungsgrenze, da quasselt man nicht. Ich beachtete den Atem, ganz selten wurde er sehr schnell, da mussten wir das Tempo ein bisschen reduzieren. Gegen Ende hielt ich das Tempo und das kommt der Freundin dann vielleicht wie ein Anziehen des Tempos vor. War es aber nicht.

Ich habe in weiser Voraussicht und unter Berücksichtigung der notorischen Selbstunterschätzung bei Frauen ein etwa ziemlich genau um 10 Sekunden pro Kilometer höheres Tempo gewählt, was sich als goldrichtig herausstellte. 5:00 Minuten pro Kilometer waren es dann im Schnitt. Altersgruppendritte wurde sie und die Leistungsgrenze war in Sicht, aber keinesfalls erreicht. Bei drei Mal Training pro Woche und mehreren Kindern ist das eine hervorragende Leistung. Und wenn ich meinen Beitrag dazu geleistet habe, allein durch meine Präsenz verhindert zu haben, dass sie sich ihrem Schweinehund ergeben hat, freue ich mich.

Laufen für andere: eine schöne und befriedigende Alternative für fett werdende, ehemalige Ehrgeizlinge.

Er schreibt noch

Er läuft auch noch, aber auch selten. Regeneration im Jahreszyklus. Oktober ist Regenerationsmonat. Formabbau. Tut gut. Tut weh. All die schöne Arbeit für nix? Doch. Angeblich ist ein Formabbau wichtig für den dann wieder folgenden Formaufbau. Und es macht ja auch Spaß. Rumsitzen und essen. Nudelgerichte um 22 Uhr 30 in viel zu großer Portion verschlingen und noch einen Nachtisch dazu. Herrlicher Müßiggang. Psychologische Regeneration. Achso. Und Wein trinken. Und Bier mit Alkohol. Schmeckt irgendwie komisch. In meiner Welt hat Bier keinen Alkohol, es gibt aber auch welches mit Alkohol. Bei Wein stellt sich die Frage ja nicht. Entweder Wein oder Nicht-Wein. Wein ist besser. Sofern er nicht korkt.

Also. Dann regeneriere ich mal wieder. Ich muss mir ja auch ein bisschen einen Roten Faden ausdenken, der das Weiterschreiben rechtfertigt.

Komme gleich wieder.

Darum-tu-ich-mir-das-an-Dienstag

Die Dienstage sind die bösen Tage eines Läuferlebens. Ich nenne sie ja gern Warum-tu-ich-mir-das-an-Dienstage. Heute ist ein ganz anderer Dienstag. Nur ein Buchstabe ist anders, der bedeutet aber alles. Aus W mach D. Aus Warum wird Darum. Und das ist was.

Warum läuft ein Läufer (außer am Dienstag nach dem Marathon)? Einer, der kein Runner’s High kennt, einer, der oft lieber Fahrrad fährt, einer der gern fertig mit dem Laufen ist und einer, der lieber kocht und Wein trinkt? Einer, der Zigarren raucht und auch sonst den faulen Genüssen zugetan ist? Darum.

Wegen eines Dienstags, wie heute. Alles tut weh. Waden, Oberschenkel, ja sogar die Rückenmuskulatur. Das Treppengehen in die Hinunter-Richtung sollte man unterlassen. Ein Treppenlift wäre von Vorteil und man versteht etwas besser, warum eigentlich alles behindertengerecht sein sollte.

Gestern bin ich noch ein bisschen in ein Loch gefallen. Vielleicht ist der Laktat- kombiniert mit dem Alkoholabbau etwas zu viel für den Körper am Montag. Heute scheint er jedoch ganz fidel bei den Aufräumarbeiten der ungesunden Überanstrengungsreste zu sein. Die Vorstellung einer Großbaustelle mit allerhand schwerem Gerät, Staub und Lärm passt ganz gut zu dem Gefühl in den Beinmuskeln.

Es ist heute der Dienstag, an dem man ein 364stes Mal die Ergebnisliste anschaut und prüft, ob sich vielleicht nicht doch ein Fehler eingeschlichen hat, vor allem bei den 527 Läufern, die die Frechheit besaßen, vor einem im Ziel zu sein. Oder ob die Bilder endlich hochgeladen sind, die einen mit Wasserzeichen versehen, aber dennoch gut erkennbar schmerzverzerrt zeigen.

Es ist auch der Wunden-lecken-Dienstag. Man hat wieder Zeit und auch die Fähigkeit zu spüren, was alles kaputt ist im Körper und wie wichtig die Regeneration ist. Auch die Lungen zum Beispiel. Da wurde am Sonntag zwischen 9:00 und 11:47 Uhr so unglaublich viel Luftvolumen umgesetzt. Kaltes Luftvolumen. Acht Grad waren es beim Start oder so. Und das spürt man heute und morgen und übermorgen und gestern. Ein deutliches Brennen ist vernehmbar. Nachbrennen. Ein Zeichen dafür, dass erstmal nicht so viel Volumen umgesetzt werden sollte.

Trotzdem oder vielleicht genau deswegen: Darum. Vielleicht ist das am schwersten Erreichbare das, das den höchsten Genuss verspricht? Vielleicht. Aber jetzt mal ehrlich. Es macht auch irgendwie Spaß, das Laufen auf die verrückte Ebene zu stellen, die Arbeit daran hervorzukehren und das Absurde zu pointieren. Man nennt das manchmal auch Kokettieren. Also ja, Laufen macht schon Spaß. Auch wenn es oft am meisten danach Spaß macht. Nach dem Laufen. Aber ohne Laufen gäbe es ja kein Nach-dem-Laufen. Also.

Und: Dann gibt es so einen Wettkampf wie am Sonntag. Ideales Wetter, ideale Form, ideale Zeiteinteilung, ideales Gefühl. An 10 Stellen stehen die Freunde und versorgen einen mit Kohlenhydraten und Liebe. Die Wasserstationen kann man links liegen lassen. Oder rechts. Und es läuft. Es läuft und läuft und läuft. Kilometer 5, 10, 15, 17, 20, 24, 29, 33 … vergehen wie im Flug. Ich frage mich, wann es denn endlich schwer wird. Irgendwie unwirklich. Schon beim Start hatte ich das Gefühl, dass es heute gut wird. Einmal kurz austreten bei Kilometer drei. 30 Sekunden Pause. Die ersten 5 Kilometer in 4:01 Minuten pro Kilometer. Perfekt. Ein langsamer Anfang garantiert einen schnellen Lauf. Danke Niere.

Bei Kilometer 36 Komma fünf steht noch eine sehr gute Freundin, die sich trotz rasender Kopfschmerzen auf den Weg gemacht hat. Das ist unglaublich toll, wenngleich auch unabdingbar. Gerade der Kilometer 36 Komma fünf ist ein Schlüsselkilometer. Hier wird es immer schwer. Immer. Auch vorgestern. Hier braucht man Liebe und Kohlenhydrate. Ich reiße ihr die Flasche aus der Hand. Sie weiß vielleicht gar nicht, wie dankbar ich ihr bin.

Das mindestens 98ste Schild mit „Umdrehen ist jetzt auch doof!“ habe ich passiert. Bei Kilometer 36 Komma fünf glaube ich es zum ersten Mal. Weiter trotz Aua. Das Aua ist nicht so schlimm, wie es sein kann. Und es kann sehr sehr sehr schlimm sein. Man kann zwischen Kilometer 35 und 42 gut 10 Minuten verlieren oder mehr. Und das ist eine echt bittere Pille, die man schlucken muss. Sie bleibt mir dieses Mal erspart.

Bei Kilometer 39 stehen die gleichen wie bei Kilometer 10. Die konnten gemütlich abkürzen. Ich nicht. Dort brauche ich vor allem Liebe. Weniger Kohlenhydrate. Leipziger Straße. Todesstraße. Jetzt tut wirklich alles weh, die Beine gehen nicht mehr von alleine, man muss jeden Schritt erzwingen. „Halt die Schnauze! Du läufst jetzt und zwar mit dem Kopf!“ erwidert mir die Kilometer-39-Beauftragte auf mein Gejammer, dass das ja immer die gleiche Scheiße sei hier. Etwas Richtigeres konnte sie in dieser Situation nicht sagen. Was gehen mich meine Beine an? Der Wettkampf wird im Kopf gewonnen. Ich laufe also mit dem Kopf. Es kommt der Kilometer 40. Von hier sind es noch fünf Stadionrunden. Ich keuche und stöhne und huste. „Come on, you can do it!“ brüllen mich zwei Läufer, die ich überhole an. Ich huste nochmals sehr laut. „Yes! Go! Gooo!“ schreien sie. Kilometer 41 kommt in Sicht. Vorbei. Dann kommt die Sicht aufs Brandenburger Tor. Kerzengerade geht es jetzt Richtung Ziel.

„Bitte sprinten Sie nicht auf dem letzten Kilometer“ teilen einem die Lautsprecher im Startbereich mit. Genau. Das werde ich jetzt befolgen. Nicht sprinten. Ist klar. Ich drücke drauf ohne Rücksicht auf Verluste, so, als ob es kein Morgen gäbe. Es fühlt sich an, wie bei dem Audi 80 Diesel von meinem Schulfreund, der auf der A8 Richtung Karlsruhe kurz nach Pforzheim am Berg einen Laster zu überholen versucht. Das Bodenblech stellt sich als hauchdünne Membran gegen den Schlag der Schwanzflosse eines Buckelwals. 100%.

Manche Hochleistungssportler trainieren 100%-Intervalle. Die dauern dann etwa 3 Sekunden. Mehr geht nicht. Der Körper ist darauf bedacht, noch Reserven mobilisieren zu können. Aber nur im äußersten Notfall. Dieser äußerste Notfall ist nach dem Brandenburger Tor eingetreten. 195 Meter äußerster Notfall. Es ist mir vollkommen egal, wie verzerrt ich auf den Bildern aussehe. Hier zählt nur noch eins: Das Ziel möchte ich jetzt von der anderen Seite sehen. Gewalt. Pure, rohe Gewalt tu ich meinem Körper an. Wahrscheinlich kommen 85% der Schmerzen heute von den letzten 195 Metern des Marathons.

Haben die das Ziel verlegt? Ich bin in meinem Leben noch nie so lange 195 Meter gerannt. Es hört und hört nicht auf. Da ist doch das Ziel! Aber es dauert noch. Endlose Schritte. Der äußerste Notfall zieht sich. Doch irgendwann ist auch der äußerste der äußersten Notfälle vorbei. Die erbarmungslos laufende Uhr ist genau über mir, die Zeitmessmatte quittiert meine Ankunft mit einem schrillen Piep. Aus. Vorbei. Ich kann es kaum fassen. Bestzeit. Auf meiner Uhr stehen noch 3 Sekunden mehr als es tatsächlich sind. Ein Geschenk.

Ich taumle etwas im Ziel. Ich reiße mich schnell zusammen, denn die ganzen Aufpasser sind drauf getrimmt, Kollabierende rechtzeitig zu erkennen. Ich will nicht angesprochen werden. Die Hände verdecken mein Gesicht. Unaufhaltsam drängeln sich die Tränen am Ausgang. Ich lasse sie raus. Was für ein kleiner Moment für die Menschheit, was für ein großer für mich.

Darum tu ich mir das an.

Der Morgen

Geschlafen? Gefühlt nicht. Warum? Aufgeregt. Warum? Keine Ahnung. Lampenfieber. Wie vor einem Konzert. Das Nicht-Schlafen ist immer so. Hätte ja auch mal anders sein können. Der Herzschlag ist beschleunigt, wirre Sachen gehen einem im Dämmermodus durch den Kopf. Die Feierleute kommen um 5 Uhr nach Hause und trampeln besoffen die Treppen hoch. 5:30 Uhr. Porridge mit Banane, Joghurt und Honig runterwürgen, Tee, Kaffee. 6 Uhr muss alles drin sein. Verdauen.

Nicht zu viel trinken, nicht zu wenig. Duschen erübrigt sich heute, es kommt kein warmes Wasser. Ob ich wohl das Glück einer warmen Badewanne nach dem Lauf haben werde? Es ist Sonntag. Und zum Haus kommen keine Handwerker, da ich direkt an der Strecke wohne. Innerhalb des Zirkels. Also Eisbad. Ist gut für die Regeneration.

6 Grad draußen sind leider etwas frisch. Mit viel Glück steigt die Temperatur auf 15 Grad im Ziel. Zu kalt. Aber es regnet nicht und es ist windstill. Vielleicht sogar ideales Wetter. Später. Um 9 ist es wesentlich zu kalt. Alte Kleidung drüber und für einen guten Zweck wegwerfen. Im Startblock B, 10 Sekunden vor dem Startschuss. Die ersten 3 Kilometer frieren und bloß nicht zu schnell. 4 Minuten pro Kilometer die ersten 15 km, dann 10 km in 3:53, dann 17 km in 3:57. Ergibt 2:47 Stunden. Das ist der Plan. Ich werde davon abweichen.

Ein Freund läuft ja auch. Er hat in 12 Wochen 15 Kilo abgenommen und wird 3:30 oder drunter laufen. Das ist echt eine Leistung. Gleichzeitig erinnert es mich auch an die Zeit der noch großen Sprünge. Von 3:16 Stunden auf 2:54 Stunden in einem Jahr. Jetzt seit 4 Jahren Stagnation bei um die 2:50. Alter, Leistungsgrenze und Faulheit. So ist das.

Und jetzt:

LAUF DU SAU!

Der Tag davor

Dingdong. Hat es geklingelt? Wer besucht mich den jetzt? Ist es der Bürgermeister? Der Polizeipräsident oder der Rennleiter des SCC? Eine kleine persönliche Entschuldigung wäre schon angebracht. Schließlich hat man mir vor einem knappen Jahr zwei Teilnehmerbeiträge á 100 Euro abgebucht und dann als Strafe noch fünf Euro einbehalten, weil ich mich angeblich doppelt angemeldet hätte. Und dann noch das Startblockdesaster. Also Herr Milde, Sie sind willkommen. Einen Schluck Wasser habe ich für Sie. Kostenlos!

Werbung! Ach so. Srrrrrr. Es klingelt, summt und wummert. In meinem Kopf. Bitte keine Werbung. Heute nicht. Eigentlich nie. Ich bin Marathonläufer. Ich brauche keine Werbung und heute schonmal gar nicht. Ich habe die letzten Vorbereitungen für das Helfermahl morgen abgeschlossen und hänge so rum. Die Zutaten für die Mailänder Minestrone habe ich im Übrigen auch ohne Werbung gefunden. Ich liege eher so rum. Beine hoch. Ruhe. Mit 75 Herzschlägen pro Minute. Entspannung pur. Ja, so eine Läuferpumpe ist schon herzig. Normalerweise habe ich einen Ruhepuls von etwa 35. Nachts. Lange nach der REM-Phase. Nach der Renn-Phase morgen werde ich bis zum Abend kaum unter 100 kommen.

Auch vor dem Start im Startblock (B!) werde ich stehend etwa 110 haben. Einhundertzehn! Im Stehen. Wie soll das dann erst im Rennen werden? Deswegen lasse ich morgen den Brustgurt zu Hause. Der Puls ist mir morgen egal. Er darf machen, was er will. Er hat frei. Er darf bis 190 hochgehen. Ist mir alles recht. Die Uhr zeigt null an. Tod eines Handlungsrasenden. Ich laufe nur nach Zeit. Mache ich doch eh. Macht man doch eh. Die Pulsbereiche, die für Amateursportler bestimmt werden, sind unwichtig. Es geht beim Marathon um die Zeit, nicht um die Herzfrequenz. Klar ist es interessant, danach die Durchschnittsherzfrequenz des Laufes zu wissen. Aber das, was wirklich interessiert, ist die Zeit. Ich gebe also die Pulskontrolle ab und achte nur auf die Zeit.

Und die wird leider langsamer als 2:45 sein. Auch da beißt die Maus keinen Faden ab. Ich schaffe die Geschwindigkeit nicht. Zu alt, zu faul und zu untalentiert. So ist es. Aber ich habe trotzdem Spaß und freue mich, wenn ich vielleicht eine neue Bestzeit laufe. 2:47:55 zum Beispiel. Ich möchte einfach nicht einbrechen, mich nicht allzu sehr quälen müssen (hahaha) und das Tempo einigermaßen aufrecht halten können.

Dazu sind alle Helferlein postiert. Die Kilometer fünf, neuneinhalb, vierzehneinhalb, siebzehn, neunzehneinhalb, vierundzwanzigeinhalb, neunundzwanzigeinhalb, dreiunddreißig, sechsunddreißigeinhalb und neununddreißigeinhalb markieren die Punkte, an denen es Fresschen gibt. Kohlenhydratgel mit Wasser, 250ml Gesamtvolumen. Alle sind da, Alle sind von der Wichtigkeit überzeugt. Alle unterstützen mich und nehmen meinen Wahnsinn ernst. Das rührt mich und ich empfinde große Dankbarkeit. Mal echt jetzt! Tolle Freunde habe ich da.

Ich habe so viel Suppe für meine Freunde, dass ich sogar Herrn Milde vom SCC eine Minestrone ausgeben könnte. Kostenlos. Auch einen Brownie darf er haben. Mit Zucker. Der erste Zucker nach 12 Wochen für mich. Na ja. Vielleicht der fünfte. Aber nicht mehr. Ehrlich. Und Wein gibt es morgen Nachmittag. Alkohol ist der Regenerationskiller Nummer eins. Also zuerst Wein. Fett ist der Regenerationskiller Nummer zwei. Also dann Butter, Käse, Schmalz und Salami. Und zum Abschluss sieben Brownies. Mindestens. Butter, Weißmehl, Zucker. Regenerationskiller Nummer drei bis achtundvierzig. Regeneration fällt morgen aus. Und übermorgen auch. Ich will so richtig schweren Muskelkater haben. Dienstags geht man alle Treppen rückwärts runter. Ich will sie auf allen vieren und rückwärts gehen müssen. Mittwoch auch noch.

Jetzt muss ich es aber irgendwie schaffen, bis morgen zu ruhen, heute Nacht zu schlafen und morgen nicht zu verschlafen. Und natürlich habe ich alle verfügbaren Zweifel. Habe ich wirklich richtig trainiert? Die Intervalle waren doch alle viel zu langsam, die langen Läufe alle zu schnell, die Kraftausdauerläufe auch zu langsam. Eigentlich war alles falsch. Trotzdem laufe ich mal mit morgen. Vielleicht klappt es ja doch. Vielleicht komme ich an. In Block-H-Zeit. 5 Stunden 21 Minuten und 59 Sekunden. Juhu. Marathon geschafft. 15 Uhr zu Hause. Dann kann ich die Suppe gerade noch rechtzeitig aufwärmen.

Oh mein Gott. Dieses Gequatsche. Schlimmer als das nervöse Startblock-Gequassel. Gestern habe ich sogar vom Fahrrad einen Läufer angeschrien, heute sei Ruhetag. Ich fand mich dabei sogar witzig. Er mich verständlicherweise nicht. Herr lass Abend werden. Morgen Abend.

Block H

Es ist Marathonmesse. Damit fängt das ganze Spektakel an. Ab da gibt es kein Zurück mehr. Bist du einmal im Flughafen Tempelhof, lässt dich keiner mehr frei. Gefangen und verhaftet. Der Marathon ist unausweichlich.

Dort bekomme ich gegen Vorlage des Ausweises und meiner Teilnahmebestätigung ein Bändchen ums Handgelenk und meine Startnummer ausgehändigt. Die Startnummer ist etwas besonderes, denn da steht neben meinem Namen auch der Startblock drauf. Der Startblock richtet sich danach, wie schnell ich laufe. Unter 2:40 h ist Block A, 2:40 bis 2:50 ist Block B, 2:50 bis 3:00 ist Block C, usw. Es sind also nicht nur Vorschusslorbeeren, sondern es ist eine Frage der Ehre. Und da hört der Spaß auf. Jeder Mitläufer schaut als erstes auf den Startblock und dann erst auf die Beine des Konkurrenten.

Mit großer Spannung in der Erwartung eines Kommentares, wie: „Det isn Schnella!“ oder „Na dann viel Schbass bis halb zwölf.“ stehe ich im Gedränge und warte geduldig mit Genugtuung. Der Held wartet auf seine Lorbeeren. Dann kommt der große Moment, ich trete an einen freigewordenen Platz heran. Es ist einer von etwa 40. Mein Ausweis und meine digitale Teilnahmebestätigung präsentiere ich stolz, doch mit der nötigen Portion vornehmer Zurückhaltung. Ein tiefer Atemzug und batsch! Eine größerer Ohrfeige habe ich in meinem Leben noch nicht erhalten. Von Ohrfeige zu sprechen trifft den Nagel jedoch mitnichten auf den Kopf. Es ist eine Vernichtung. Ich habe mich zur Teilnahme als schneller Läufer qualifiziert und wurde nicht etwa gelost, neeeiiin. Ich bin hier der Zampano, der Läufer vor dem Herrn, der gestörteste von allen. Und ich habe Ehre verdient.

Doch es kommt, wie es schlimmer nicht kommen kann. Mein berührungssensitives Taschentelefon wird digital abgetastet und batsch. Batsch, batsch, batsch! Name richtig, Geburtstag richtig (leider!) und Startblock H. Haha! Ein Witz, denke ich. Doch die ernste Miene der Tresendame verrät nichts Gutes. Nach einem so guten Witz so ernst zu bleiben, das schafft ja nichtmal Kurt Krömer. Wo ist die versteckte Kamera? Kurt Felix muss jeden Moment vorbeikommen, da ich bin ganz sicher. Oder Reinhold Messner. Oder Martin Winterkorn.

Doch es bleibt unspektakulär. Es kommt keine Hilfe. Ich stehe da mit meinem H und muss mich auf den Weg machen, es selbst zu richten. Nur so als Zwischeninformation: Startblock H ist der für alle, die keine Zeit angeben, weil sie zum ersten Mal Marathon laufen und alle die, die langsamer als 4:15 laufen. Es ist der Startblock vor dem Besenwagen, es ist der Startblock dessen Startschuss später fällt, die ersten Läufer aus diesem Block überqueren etwa 20 Minuten nach der Elite die Startlinie. Es ist ein Startblock, der seine Berechtigung hat und die Menschen in diesem Startblock sind auch toll. Aber es ist nicht mein Startblock!

H. Wutschnaubend gehe ich zu dem winzigen Schreibtischchen, das mir gezeigt wurde und baue mich auf. Der ältere Herr ist sichtlich überfordert mit dem Ansturm von etwa sieben Läufern und Skatern. „Ja, haben Sie denn einen Nachweis über ihre Zeit?“, fragt er mich. Einen Nachweis? Ich bin qualifiziert. Ich bin schnell. Ich bin bereit für Startblock A! Ich, ich, ich. Sieht man das denn nicht? Kennt mich hier niemand? Wer außer mir hört hier den Schuss nicht? „Ich kann Ihnen D geben“, sagt er großzügig. Langsam komme ich in den anaeroben Bereich. Um ihn nicht sofort aus seinem Stuhl zu ziehen und anzuschreien, gebe ich mich mit einer C zufrieden und mache mich auf den Weg zum Help Desk.

Dort entschuldigt man sich und klebt mir bereitwillig das B auf, nachdem ich meine Qualifikation nachgewiesen habe. Okay. Dann ist ja gut. Dann gehe ich jetzt mal Schuhe und Socken kaufen. Meine Kohlenhydrate heute Abend habe ich mir allerdings mehr als verdient.

H. wird zu B. Achso! Das sind meine Initialen! Ein Zeichen! Nachtigall, ick hör dir trapsen. Was für eine Ehre. Dass ich das nicht gemerkt habe.

Ich liebe meine Kollegen

Wirklich. Aus vollem Herzen. Toll, dass sie da sind und mir Arbeit abnehmen. Und sie haben ja auch Verständnis für mich und meine Lauferei. Manchmal tun sie sogar so, als ob sie tatsächlich daran interessiert wären. Ich habe dann das Gefühl, ernst genommen zu werden und das brauche ich jetzt mehr denn je. Toll, dass sie da sind und mich ernst nehmen und mir Freiraum für den Tag der Tage geben. Danke. Danke. Danke.

ABER! Es ist Erkältungszeit. Und jede laufende Nase und jede explosive Luftentladung macht mich völlig wahnsinnig. Können die mit den Erkältungen bitte nicht noch 6 Tage warten? Und können sie bitte so lange nicht mit mir reden, ja am besten mich nichtmal ansehen? Geht das bitte, ja? Nicht an mir vorbeigehen, nicht atmen und nicht berühren. Am besten krank melden. Sofort. Ich mach alles allein. Wann führen wir hier endlich den asiatischen Mundschutz ein? Das ist mal eine der wenigen guten Eigenschaften des Asiaten. Er hat genug Rücksicht, um sich bei ansteckenden Krankheiten zu isolieren. Mit einem Mundschutz aus Zellstoff.

Ein Schnupfen kann sich ja nur ausbreiten, wenn alle sich frank und frei ausniesen und aushusten. Ich nenne das Körperverletzung. Der nächste, der in meiner Nähe niest, wird angezeigt. Versuchter Totschlag. Ja. Nein. Das ist keine Übertreibung. Nachher bekomme ich eine Herzmuskelentzündung, kippe bei Kilometer 34 um und habe einen Herzstillstand. Und was bin ich dann? Tot. Reanimation innerhalb von 60 Sekunden müsste sein. Bei dem erhöhten Stoffwechsel und Sauerstoffbedarf des Hirns. 60 Sekunden. Und dann muss erst noch einer kommen, der das auch suffizient kann. Kein ehrenamtlicher Rettungssanitäter, der das vielleicht schon einmal an so einer Plastikpuppe geübt hat. Vor 23 Jahren. Nein. Das muss schon ein verdammt fitter Reanimateur sein. Und kommt der nicht in 60 Sekunden bin ich tot. Totgeschlagen von dem rücksichtslosen Nieser.

Also bin ich für das Einführen der Mundschutzpflicht in Deutschland. Dann gibt es auch keine toten Punkte mehr und keine Einbrüche. Das sag ich euch. Das können wir von den Asiaten lernen. Haruki Murakami ist ein großer Läufer. Er ist sogar schon 100 km gelaufen. Und nebenher schreibt er Bücher. Das könnte er nicht, wenn er ständig angeniest würde. Das gute asiatische Benehmen hat hier rein funktionale Gründe. Der Kranke hat die Pflicht, die anderen vor sich zu schützen. Er hat die Pflicht, seine tödlichen Bakterien nicht zu verstreuen. Er hat die Pflicht, sich zu isolieren. Und er nimmt diese Pflicht mit Respekt vor den anderen wahr. Es ist seine gesellschaftliche Pflicht, die Keime für sich zu behalten und sowohl die volkswirtschaftliche Leistung als auch die kulturgeschichtliche Entwicklung der Menschheit nicht zu gefährden.

Hatschi.

Der letzte Sonntag

Waren die Sonntage immer geprägt vom langen Lauf oder von Wettkämpfen, so ist dieser letzte Sontag vor dem Sonntag der Sonntage, vor dem Lauf der Läufe, ein Sonntag, wie er im Bilderbuch steht. Fünfundvierzig Minuten locker. Locker heißt zügig, aber locker und fünfundvierzig Minuten heißt, dass es schneller vorbei ist, als man glauben möchte. 10 Komma 3 Kilometer und fertig. Zack nach Hause. Kurz und schmerzlos.

Aber da gibt es doch noch ein paar Sachen zu berichten. Je näher man an den Tag der Tage herankommt, desto mehr Läufer grinsen einen an, nicken verständnisvoll oder zeigen einem durch irgendwelche Gesten, dass sie einen bemerken. Aber bemerken sie einen wirklich? Bemerke ich die Läufer wirklich? Oder sehe ich mehr oder weniger in allen begegnenden Läufern mich selbst? Nicke ich mir selbst zu und zeige verständnisvoll, dass ich es jetzt fast geschafft habe? Klopfe mir auf die Schulter und sage: „Mann echt? 1300 Kilometer im letzten Vierteljahr? Sauber!“ Der Läufer braucht nur sich selbst. Es gibt nicht wie im Volleyball einen, der angreift und einen, der stellt und einen, der annimmt. Jeder Läufer muss alles machen. Laufen. Schnell und allein. Deswegen glaube ich auch nicht, dass die Läufer sich plötzlich bemerken, wenn es so auf den Tag der Tage zugeht. Sie sehen sich nur plötzlich selbst und hören ihr Tapptapp, sehen ihre Wettkampfkleidung, die sie testen und sind vor lauter Aufregung ganz aufmerksam zu sich selbst. Und freundlich. Zu sich selbst.

Es ist ähnlich wie das Vor-Rennen-Nervositäts-Geplappere im Startbereich.Wir sitzen in einem Boot. Also ich sitze im Boot und die anderen im gleichen. Nicht im selben. Wir machen alle das gleiche. Das exakt gleiche. Und deswegen muss man sich vielleicht auch abgrenzen und nicht wirklich Kontakt zum anderen aufnehmen. Und natürlich sind die anderen auch alles böse Konkurrenten um den Sieg. Also werde ich weiterhin freundlich zu mir sein, mir zunicken und und mich auf das Startblock-Geplapper freuen.

Die letzten Meter

Ich habe den Hals besänftigt. Auch die Lungen haben Verständnis. Das Panikfieber tritt nur noch selten auf. Alles scheint gut. Mein großer Dank geht hier an meinen Körper. Er hat es nicht leicht mit mir. Er muss immer funktionieren. Und wehe ein Hals sagt mal was mit kratziger Stimme. Schon droht das ganze System zu kippen. Aber es kippt dieses Mal nicht. Bisher. Danke.

Ich bin seit Donnerstag in der Taperingphase. Der Mittwoch war nochmals sehr aua. Sehr sehr aua. Sogar mit Muskelkater. Sehr leichtem. Hatte ich nach dem 10.000 Meter Lauf durch den Tierpark nicht, obwohl ich da länger am Stück schneller gelaufen bin. Manchmal ist es schon komisch. Aber diese Pyramidenläufe oder wie das heißt sind auch echt fies. Erst einen Kilometer, dann zwei und dann drei und dann wieder zurück. Man freut sich also nicht nach jedem Intervall, dass es jetzt eins weniger ist, sondern hat Angst vor dem nächsten, weil es härter ist. Vermutlich soll da nochmal kurz gezeigt werden, dass so ein Marathon kein Spaziergang ist. Okay. Ich habe es verstanden.

Am Donnerstag war Ruhetag. Moment. Was heißt das jetzt? Seit 12 Wochen trainiere ich jeden Tag. Und jetzt soll ich einen Tag aussetzen? Das geht doch nicht. Da werde ich sofort fett und alle Muskeln bauen sich ab. Echt jetzt? Gar nix machen? Nix machen, sagt der Trainer. Tapern ist das schwierigste. Na ja, so schwierig war es jetzt ehrlich geschrieben nicht. Halt einfach alles wie sonst, nur nicht laufen. Das geht schon mal. Musst du dich halt zwingen. Ruhetag. Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine. Donnerstag ist Johannespassionstag. Mittwoch war Darum-tu-ich-mir-das-an-Mittwoch. Genau darum. Um Ruhetage genießen zu können, trotz Passion.

Am Freitag war der endgültig letzte lange Lauf. 22 Kilometer langsam. Wirklich langsam. Schön war’s. Aber aus der Hüfte habe ich auch den nicht geschüttelt. Irgendwas ist immer anstrengend. Die Sehnsucht nach dem schwerelosen Dahingleiten bleibt unerfüllt. Vielleicht am Donnerstag nach dem Marathon, wenn der schlimmste Muskelkater weg ist und ich mich aufs Mountainbike setze und es bergab rollen lasse. Vielleicht gleite ich dann fast schwerelos dahin bis mich der nächste Anstieg aus meinem Traum reißt. Sport ist anstrengend, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Halskratzen

Eigentlich ist das ja nix Neues. Immer irgendwann im Marathontraining wird man kränklich. Also ich jedenfalls. Meistens um den Wettkampftag herum. Manchmal nach dem Wettkampf (scheißegal!), drei Wochen vorher (okay!), zwei Wochen vorher (na ja!) oder am Tag vorher (Katastrophe!). Ich weiß nicht, ob es eine Vorbereitungsphase gab ohne lästiges Infektchen. Und nein, ich meine keinen fiebrigen Infekt, der bedeutet zur rechten Zeit das sichere Aus, nein, ich meine den Männerschnupfen, die psychologische Entzündung der Nase, des Halses oder der Lungen.

Man erwacht nachts schwitzend, hat morgens ein Kratzen im Hals, fühlt sich schwach, so schwach, so erbärmlich schwach. War da nicht auch ein Husten? Und warum juckt die Nase innen? Und die Stirn ist auch schon ganz heiß vor lauter Aufregung. Nein vor Panik. Panikfieber. Ich werde sofort Antibiotika, Ibuprofen, Codein und Kortison nehmen. Es gibt nichts Schlimmeres in meiner Marathonwelt, als mich jetzt zu erkälten oder zu verletzen. Nichts, gar nichts. Und deswegen kratzt jetzt der Hals. Er will mir nur sagen, schau Kleiner, ich kratz doch nur ein bisschen. Das hält dich von gar nichts ab. Nicht vom Training, nicht vom Schlafen, nicht vom Wettbewerbserfolg. Ich will dir nur zeigen, dass ich noch da bin, dass du noch was merkst und dass ich dann nach dem Wettkampf aber wirklich etwas mehr Beachtung verdiene. In Vertretung des ganzen Körpers kratze ich an deiner Tür und sage: „Wir unterstützen dich noch bis genau Sonntag in einer Woche, dann sind wir dran.“

Das verstehe ich. Natürlich habe ich mir immer Mühe gegeben, den Hals und den Kopf und den Bauch und die Beine und alles mit möglichst wenig Gift zu belasten. Kein Alkohol, keine Zigarren, kein Zucker, nur gutes Essen, viel Ruhe. Aber das tägliche Training mit etwa 120 Kilometern pro Woche in teils ungesundem Tempo ist schon auch giftig. Ich verspreche es hoch und heilig. Nach dem 27. September gibt es viele Tage ohne Training. Dazwischen gibt es Tage, an denen ich einfach 60 Minuten locker jogge. Echt. Das mache ich. Indianerehrenwort. Und Fahrradfahren. Das ist doch auch nett für die Gelenke. Balsam für den geschundenen Körper. Und psssst: mir macht das auch manchmal viel mehr Spaß als Laufen … Also Deal. Hals kratz, ich habe verstanden.

Am Sonntag fiel mir wieder keine richtige Ausrede ein, warum ich 14 Sekunden zu langsam war. Jetzt habe ich sie gefunden: Ich wollte meinen Körper schonen. Und deswegen kratzt der Hals nur ein bisschen. Aber morgen lieber Hals, morgen müsste ich nochmal kurz. Es ist echt wichtig. So 10 Tage vorm Marathon. Da muss man nochmal richtig hart ran. 1,2,3,2,1 km in 3:30, 7:00, 10:30, 7:00, 3:30 min. Aua. Ich würde es doch auch lieber lassen, aber ich muss. Hab ein Erbarmen. Ich verspreche dir viele lauffreie Tage. Mein Schweinehund verbürgt sich dafür.

Heute war ein guter Tag

Und zwar deswegen, weil beim Sohn meines guten Freundes keine Leukämiezellen mehr nachweisbar sind. Bei solchen Nachrichten wird mir immer ganz schnell klar, was für einen unwichtigen Affentanz ich da veranstalte. Intervalle: Aua, Kraftausdauer: Lass Abend werden, LSD: Geh rum, Wettkampf: Geh rum, aber in der befohlenen Zeit. Das ist es. Nicht mehr. Egoistisches, narzisstisches Erfolgsgejage. Niemanden interessiert’s und das zu Recht.

Kleine Kinder kriegen tödliche Krankheiten, Familien müssen Lebensveränderungen durchstehen und trotzdem das gewohnte Leben weiterführen, dem Bruder des Kranken und ihnen selbst zuliebe. Das ist ein Kraftakt, den man nur erahnen kann als Unbeteiligter. Ich ziehe meinen Hut und beende für heute. Aus Respekt vor allen wichtigen Sachen, die auch der kleine Sohn glücklicherweise erleben darf.

Oder doch lieber Tennis?

Warum ist man eigentlich aufgeregt vor Lauf-Wettkämpfen. Eigentlich sind es doch Wettkämpfe gegen die Uhr. Also gegen eine emotionslose Sache. Gegen die gravitative Zeitdilatation. Ohne persönliche Gegner, es sei denn, man läuft ganz vorne mit. Beim Tennis ist das ganz anders. Da steht einem ein Gegner vor der Nase. Auch wenn man nicht ganz vorne mitspielt. Der reagiert auf einen, der motiviert oder demotiviert einen durch fiese Bälle, die man einfach beim besten Willen nicht erreicht. Der agiert so, dass man auch psychisch zermürbt. Ein echter Gegner, ein Feind. Und man ist danach unterlegen. Oder überlegen. Es ist ein Krieg, bei dem es einen Gewinner und einen Verlierer gibt. Einen, der schlechter war und einen der besser war, sonst niemanden.

Bei einer Laufveranstaltung, meist fälschlicherweise Wettkampf genannt, ist das anders. Das Gros der Läufer und Läuferinnen (ja, es gibt seit Kurzem sogar Frauen, die laufen) nehmen meist 99% Läufer-Frohnaturen und -Frohnaturinnen teil, die mal so einen Lauf schaffen wollen. Die Spaß am gemeinsamen Laufen haben und es als Veranstaltung sehen. Als Sonntagsbeschäftigung, als Familienausflug. Die sind trotzdem aufgeregt. Die Stimmung ist einfach so. Man steht am Start und wartet auf den Startschuss. Das ist aufregend. So aufregend, dass wildfremde Menschen unnötiges Zeug miteinander reden. Plötzlich und unvermittelt. Vor-Start-Aufregungs-Small-Talk. Unerträglich.

Ich distanziere mich eindeutig davon. Nie unterhalte ich mich deswegen beim Start. NIE. Nur wenn ich aufgeregt bin. Also immer. Das geht beim Tennis nicht. Mit wem soll man sich denn vor dem Spiel unterhalten? Mit der Gegnerin? Kein Small-Talk-Ventil beim Tennis. Überdruck bleibt. Und das Ergebnis ist immer eindeutig. Entweder du hast gewonnen oder verloren.

Beim Laufen hat man immer 1000 Möglichkeiten, eine Niederlage in einen Sieg zu verwandeln. Die vielen Höhenmeter machten es unmöglich, die Pace zu halten. Der Wind hat alles erschwert. Das Training steckte einem noch in den Knochen. Man hat schlecht geschlafen. Einen Männer-Schnupfen musste man auskurieren. Hitze. Regen. Und so weiter. Und Sieger ist man eh fast nie. Insofern alles wurscht.

Das ist der Unterschied zum direkten Gegner beim Tennis. Tennis ist also ehrlicher. Direkter. Eine Aufregung ist gerechtfertigter. Jemand spielt heute ein Tennisturnier. Ich fiebere mit und verstehe die Aufregung viel besser, als meine eigene vor der morgigen Laufveranstaltung. Mir werden nämlich 100 Ausreden einfallen, warum ich nicht 36 Minuten auf zehn Kilometer geschafft haben werde.

25 Kilometer sehr langsam

Seeeeeehr langsam. Soso. Also gehen oder was? Sehr langsam heißt vielleicht so etwas wie 5:10 Minuten pro Kilometer. Also schnell gehen. Die Distanzen werden jetzt schon kürzer. Jetzt kommt nur noch ein 22 Kilometer-Läufchen, der Rest ist noch kürzer aber leider oft auch schneller. 25 Kilometer hört sich für mich in dem Stadium der fortgeschrittenen Laufzwangsstörung eher wenig an. Zumal da ja noch das „seeeeeeehr langsam“ daneben steht.

Das Wetter ist super. Herbstlich. Sonnig. Kühl. Verwelkte Blätter liegen rum. Ein Zeichen dafür, dass der Tag der Tage mit riesigen Schritten näher kommt. Da kommt so ein Geh-Läufchen gerade recht. Kontemplation. Wirklich. Entspanntes Schnellgehen. Ohne Anstrengung. Und natürlich auch ohne Runners High. Das gibt es nämlich wirklich nicht. Denn wann wenn nicht jetzt? Nach einer Stunde und 45 Minuten langsamem Laufen, Spazierlaufen könnte man es auch nennen, müsste doch das ominöse Runners High auftreten. Tritt es aber nicht. Also gibt es das nicht. Das Runners High gibt es genauso wenig wie Nessi. Aber alle fahren trotzdem nach Schottland, um zu gucken. Und alle laufen trotzdem, um zu gucken.

Es macht trotzdem Spaß, so langsam vor sich hin zu joggen, bei so schönem Wetter. Ganz ohne schlechtes Gewissen, denn im Plan steht ja: sehr langsam. Spazierjoggen. Herrlich. Kann mich mal bitte jemand überholen? Tut keiner. Gibt keinen. Alle arbeiten oder was? Ja ist das denn hier keine Arbeit? Von Donnerstag bis Mittwoch einschließlich habe ich gut 130 Kilometer im Laufschritt absolviert. Ja, ich habe auch noch was anderes zu tun. Also? Kann mich bitte mal jemand überholen?

Na dann halt am Sonntag, wenn ich mich über 10.000 Meter quälen muss. Da überholen sie mich dann alle. Super. So machen wir weiter. Runners High. Gott hab dich seelig.

Nur noch einmal: Warum-tu-ich-mir-das-an.

15 mal 400 Meter in 82 Sekunden vergangenen Dienstag. Ach Gottchen. War das schnell rum. Um dem Teufel ein Schnippchen zu schlagen habe ich sogar das letzte in 77 Sekunden gemacht. Zack durch und fertig. Auslaufen. Aaaah.

Meine Wärterin war nicht da, aber die beiden Vertreter, von denen der eine so tut, als sei er der Bürgermeister der gesamten Sport-Kleinstadt, waren auch sehr hilfsbereit. Allerdings sind es Männer. Mit Bauch. Und die lassen sich gern davon überzeugen, dass sie mir nicht aufzuschließen brauchen. „Ich kann klettern, kein Problem.“ „Also jut“, brummen sie. Meine Wärterin quittierte das gleiche Angebot von mir mit einem gellenden Aufschrei: „Dit is ja noch jefäalicha, ne ne. Ick schließ uff.“ Das nenne ich mal Umsorgung der Sportler. Weibliche Empathie. Sie weiß, dass diese Warum-tu-ich-mir-das-an-Dienstage schon gefährlich genug sind. Da soll ich nicht auch noch mein Leben riskieren, indem ich über das massive Metallgitter steigen muss. Nachher falle ich noch beim Hinabspringen in des Teufels Dreizack.

Ich frage mich, warum sie nicht mehr da ist, meine Wärterin. Entlassen wegen zu viel Fürsorge? Zu freundlich? Zu aktiv? Oder war sie vielleicht nur Ferienvertretung für die Herren, die im Wohnwagen an der Adria ihren Urlaub genossen? Kommenden Mittwoch werde ich ein letztes Mal vor dem Marathon dort sein. Vielleicht sehe ich sie dann und kann mich mal bedanken. Falls nicht, werde ich ihr meinen Dank ausrichten lassen. Von den Männern. Mit Bauch. Oder notfalls vom Teufel.

Apropos Bauch. Ich habe, glaube ich, keinen mehr. Das ist wohl auch so ein Kriterium für zügige Läufer. Man sieht das auch, wenn sie nicht laufen. Mit Bauch und sei es auch nur ein Bäuchlein, schafft man keine 3 Stunden auf 42 Kilometer. Das ist mal so eine These, die ich in den Raum stelle. Ab 2:59 Stunden auf die Marathondistanz sieht man keine Bäuchlein  mehr. Das hat meines Erachtens damit zu tun, dass man so viel trainieren muss, dass die Bäuchlein keine Chance haben. Und das will was heißen. Denn Bäuchlein sind stark. Sie übernehmen die Herrschaft in einem Wimpernschlag. Gläschen Rotwein zu herrlicher Pasta gegen 21 Uhr und zack, die Herrschaft der Bäuchlein kehrt zurück. Macht ja nix. Nur 3 Stunden schafft man dann halt nicht mehr. Muss man auch nicht. Erst im Herbst wieder.

Mahlzeit.

Laufen ist toll

9,5 Grad, eisiger Wind und Regen. Okay, meistens ist er schwach der Regen. Aber eben nur meistens. Ansonsten haben wir alles, was das Laufen so richtig toll macht. Temperaturen unter 10 Grad, Wind, der natürlich von vorn kommt, egal, in welche Richtung man läuft, und Regen. Das gute an Wind und Regen ist, dass man sich nicht sorgen muss, falls der Regen aus Wolken aufhören sollte. Läuft man unter Bäumen, regnet es auch weiter, wenn die Wolken kurz pausieren. Beste Vorraussetzungen für einen Drei-Stunden-Lauf. Austrocknen werde ich nicht und überhitzen auch nicht. Auch sorgt die Luftnässe für weniger Staub. Meine Lungen freuen sich.

Ich liebe diese Zweikämpfe morgens, dessen Sieger mir bekannt ist. Es hat so etwas Genugtuendes, einen Sieger zu kennen, bevor er in den Zweikampf geht. Der Sieger heißt: ich. Ich gewinne gegen den Schweinehund. Immer. Das große Ziel vor Augen, lasse ich dem Schweinehund keine Chance. Nie. Ist aber auch nicht schwer. Bei so verlockenden Bedingungen. Was gäbe es schöneres, als jetzt 35 Kilometer zu laufen? Da hat der Schweinehund von Anfang an verloren. Er kann gar nicht gewinnen. Armer Schweinehund.

Wie ein begossener Pudel trottet er hinter mir her. Triefendes Fell, trübe, geschwollene Augen, träger Gang, jede Pinkelpause nutzend, um den Rückzug anzutreten. Doch das verlängert nur seinen Weg. Frisch auf, frohen Mutes springe ich von dannen, der Schweinehund muss hinterher. Ein fröhliches Liedlein auf den Lippen (regnete es nicht, könnte ich pfeifen) schlage ich dem trägen Hund Kilometer um Kilometer ein hämisches Schnippchen. Wüsste ich es nicht besser, sähe ich ihn seine dritte Zehe in den Himmel recken. Links und rechts. Und eigentlich auch hinten und vorne.

Kilometer 12 heißt, ein Drittel geschafft, Kilometer 17,5 heißt die Hälfte und so weiter. Ach was. Schon so weit? Schade. Es macht doch solchen Spaß, den erbärmlichen Verlierer so vorzuführen. Die Gala-Runde um den verlassenen See ist verwunschen schön. Der Verlierer trottet und trottet. Der Regen aus den Wolken hört tatsächlich für einen kurzen Moment auf, die Bäume übernehmen jedoch zuverlässig. Die Halbmarathondistanz wird durch einen kurzen Sonnenstrahl gefeiert. Die Temperatur klettert sofort auf fast 14 Grad. Kann es schöner sein? Trott, trott, trott. Ich werde den Verlierer nicht los.

Emsig und gehorsam baue ich auch heute wieder eine kleine Endbeschleunigung ein. Gegen den Wind und die Kälte. Der einzige Nachteil ist, dass es dann schneller vorbei ist. Tempoverschärfung im Nirvana. Ruhig äsende Rehe stehen unglaublich lang in meinem Weg. Ich kann sie fast berühren, bevor sie explosionsartig flüchten. Der Wind kommt von vorn. Immer. Die Zeit vergeht. Immer. Kurz mal noch Wettkampftempo testen. Aua, ist das schnell. Das lassen wir lieber. Denn die Uhr zeigt schon 34, 9 Kilometer und der Sieger ist schon fast wieder zu Hause. Dicht gefolgt vom triefenden Felltier.

Gern wäre ich mal so ein fröhlich leichter Sieger. Das trotzige, triefende, geschwollene, fluchende, trottende, sabbernde Faultier zu sein, ist aber viel einfacher und gleichzeitig im Ziel bin ich trotzdem.

Die Gesandten des Teufels

Was soll man machen? So ist das Leben. Kann man nichts ändern. Ha, wenn’s Wetter so ist …

„War es schlimm?“, fragte mich heute jemand. Nein, es war wunderschön, ich wüsste gar nicht, was ich ohne diese Aufgabe täte, sagte ich. Der Kenner sieht die Ironielampe leuchten. Zehnmal 1.000 Meter in 3:28 waren vorgestern. Gestern waren 45 min flott mit anschließendem Krafttraining, heute 12 Kilometer im Marathontempo, morgen 65 Minuten ruhig, am Sonntag 35 Kilometer LSD. Das sind die Gesandten des Teufels. Sie wollen, dass es mir schlecht geht. Sie wollen, dass ich die Hölle kennenlerne, sie locken mich ins Fegefeuer. 95 Kilometer in fünf Tagen. Mit Muskelkater in die Tempoeinheit und mit Muskelfeuer in den 35 Kilometerlauf, den längsten des Trainingsplans.

Fegefeuer in den Muskeln, Hölle im Kopf, Teufel an den Hacken. So geht es durch den Tiergarten. Entlang am Landwehrkanal und der Spree. Ich reiße mich zusammen, nicht sofort ein kühlendes Bad zu nehmen. Das Fegefeuer ist zu heiß und die Hölle im Kopf kotzt mich an. Was mache ich hier? Was soll das? Stoppen, sitzen schreit es überall aus mir raus. 3:55 min pro Kilometer ist schnell, das weiß ich. Mit Muskelkater kommt es mir noch schneller vor. Gutes Training tut nicht weh. Ja. Stimmt. Der rechte kleine Finger tut nicht weh.

Als Trick schiele ich nur aufs Tempo. Ich weiß in der Zwischenzeit, an welcher Stelle die 12 Kilometer vorbei sind und betrachte deswegen lieber nicht die Entfernung. Es ist leichter für mich, zu wissen, bis wohin ich noch rennen muss als wie lange. Ah! Heureka. Deswegen ist der Marathon auch so ein Kindergeburtstag. Ich muss zum Brandenburger Tor und kann es dann ausrollen lassen. Das weiß ich schon jetzt. Super. Und weshalb trainiere ich dann? Weshalb begebe ich mich in die Hände der Teufelsgesandten? Habe Fegefeuer und Hölle dabei?

Keine Ahnung. Herr-lass-Abend-werden-Freitag. Der Teufel kann es kaum erwarten, mich am Abgrund zu sehen, kotzend in der Hölle, schmelzend und zitternd, mit qualvollem Gesicht. Doch der Herr hat ein Erbarmen. Er lässt es auch heute Abend werden. Und ich fange an, dran zu glauben, dass man Muskelkater doch weglaufen kann.

In Gesellschaft

Mit Strafe meinte ich eigentlich die harte Einheit nach den zwei lockeren Dauerlauftagen. Oder die harte Einheit nach dieser harten Einheit. Oder die harte Einheit nach dieser und den zwei anderen harten Einheiten. Also kurz gesprochen hartes Training nach hartem Training mit zwischengeschobenem Erholungstraining. Das, was einen Plan zum Plan macht, was die Leistung verbessert und verhindert, dass es irgendwann nicht mehr wehtut. Gutes Training tut nicht weh, sagen manche. Übersetzt heißt das: gutes Training ermöglicht trotz Schmerzen eine Leistungssteigerung. Also kurz vorm Übertraining aufhören. Denn Übertraining ist sehr böse. Sehr sehr böse. Man hat Schmerzen beim Training, ist ständig erschöpft, gequält, schlecht gelaunt und hat eigentlich gar keine Lust mehr. Und zum Dank wird man auch noch schlechter. Also ein circulus vitiosus. Übersetzt heißt das wiederum, man verwandelt sich in den Schweinehund. Dann sind es also Zwei gegen keinen mehr.

Doch zurück zur Strafe. Mein Stadion war zwar offen, doch in etwa so bewacht wie die JVA Moabit, Europas größter Strafgerichtshof mit Untersuchungsgefängnis in einem. Und da muss ich mich schon fragen, was ich verbrochen habe. Okay, zwei Tage habe ich die Beine gelockert mit jeweils 14 Kilometern in ruhigem Tempo. Aber ich habe doch extra eine Endbeschleunigung zusätzlich eingebaut. Am Sonntag. Beim langen Lauf. Nach nur 32 Kilometern. Extra, in Antizipation der drohenden Machtübernahme des Schweinehundes. Zwei Tage ruhiger Dauerlauf münden trotzdem in ein Straflager.

„Justiz“ steht bedrohlich auf der Uniform des kräftigen Vorarbeiters. Doch „Justiz“ steht nicht nur dort. „Justiz“ steht auch auf den Sportuniformen der etwa 30 jungen und sportwilligen Menschen. So schlimm also. Das Stadion ist mein Gefängnis. Was für eine herrliche Metapher. Ich spreche meine Wächter an und frage, ob ich nach Erfüllung meiner Pflicht wieder raus darf. „Klar, wir nehmen aber die Zeit!“ Und davon hängt dann ab, ob ich in Freiheit entlassen werde.

Zehn mal 1000 Meter in 3:28 mit je drei Minuten Trabpause dazwischen. Erstaunlich, wie gut die Drohkulisse wirkt. Ich habe gar keine Gelegenheit, mir zu überlegen, ob das vielleicht ein bisschen anstrengend ist oder ob ich vielleicht lieber Kaffee trinken gehen möchte. Ich laufe einfach. Nicht ganz freiwillig, aber ich laufe. Und erfülle den Plan und werde in Freiheit entlassen. Danke, liebe Justiz.

Die Ruhe vor dem Sturm

Zwei Tage mit je 70 Minuten ruhigem Dauerlauf. Das ist wie Baden in 29 Grad warmem Wasser, Massiertwerden und Bekochtwerden zusammen. Urlaub. Entspannung. Laufen um des Spaßes willen. Aah. Ooh. Sommerfrische. Herrlich. Man könnte es so richtig genießen. So richtig. Wenn da nicht die menschliche Planung im Rahmen des Plans wäre. Das Schielen auf die darauf folgende Strafe macht das genussvolle Dösen zunichte.

Kann ich denn nicht einfach mal in den Tag hineinleben und schauen, was das Plänchen heute so mit mir vorhat? Aufwachen und entspannt oder gar gespannt das Türchen öffnen? Wie als kleiner Bub, der die Adventskalenderreihenfolge akribisch beachtet und jeden Tag aufs Neue ekstatische Freudenstürme erlebt? Das wäre was.

In erwachsener Zeit muss man sein Leben irgendwie koordinieren und dazu gehört ein Lebensplan. Mein Lebensplan besteht zur Zeit hauptsächlich aus dem Trainingsplan. Und da muss ich die Türchen schon ein paar Tage vorher öffnen. Zehn mal 1000 Meter in 3:30 ist hinter so einer Tür, 12 km im Marathontempo und 35 Kilometer LSD. Und noch einige andere Türchen erwarten mich, hinter denen der Mann mit dem Hammer steht. Der Mann, dem man lieber nur im Training begegnet.

Noch vier Wochen sind es bis zum Lauf der Läufe und die ganz harten Einheiten kommen jetzt. Da führt kein Weg dran vorbei. Toll. Ganz großes Kino. Aua im Sixpack. Gewitter, das zurück kommt mit doppelter Kraft. Hau drauf. Bis man Blut schmeckt. Warum tu ich mir das an? Da kräht doch kein Hahn danach. Der wurde nämlich vom Mann mit dem Hammer erschlagen.

Still ist’s in den letzten Wochen. Stille Nacht. Stiller Tag. Stiller Kampf. Allein. Nur erzählen kann man’s. Manche interessiert’s, viele schütteln den Kopf, die meisten interessiert es nicht. Ehrlich gesagt ist es auch nicht interessant. Außer für mich.

Schaffe ich es dieses Mal? Macht mir die Bequemlichkeit wieder einen Strich durch die Rechnung? Schlägt das Alter endlich richtig zu? Habe ich plötzlich keine Lust mehr und beende den Lauf bei Kilometer 23? Werde ich krank? Verletze ich mich? Übertrainiere ich? Bin ich zu früh topfit und baue wieder ab?

Ich bin gespannt, was hinter dem Türchen am 27. September wartet.

Nur 32 Kilometer?

Es gibt Tage, da fragt man sich so etwas. Heute war so einer. Der Trainingsplan, den ich strengstens befolge, hat mir heute einen lockeren Lauf geschenkt. Zumindest für einen Sonntag. Nur 32 Kilometer langsamer Dauerlauf. Das war doch die vergangenen Sonntage auch so. Nur mit noch ein paar Steigerungen oder 3 Kilometern im Marathontempo am Schluss oder so. Oder mit Sturz. Heute war nichts verheerendes eingeplant und auch nichts ungeplantes passierte. So leicht können 32 Kilometer sein.

Locker flockig dahingejoggt und zack vorbei. Zwei Stunden und 33 Minuten, nur ein Regenguss und sonst nix? Langweilig. Tolle Landschaft da aufm Land. Und wer nutzt das? Ich. Sonst habe ich außer ein paar wenigen Vorgärtnern niemanden getroffen. In Berlin macht man sich immer Sorgen, ob man auch ausreichend aufs Klo gegangen ist vorher. Aufm Land ist das sowas von kein Problem, aber sowas von. Musste gehste. Supi. Nur müssen musste ich auch nicht heute. Also musste ich mir was einfallen lassen für den Zero Happening Run (ZHR).

Endbeschleunigung ist immer gut. Kann nie schaden. Also die letzten 6 Kilometer draufdrücken. 4:30 – 4:20. Tat auch nicht richtig weh. Nur gut. Plan übererfüllt. Dann kann ich bei den Intervallen wieder untererfüllen.

Laufen macht man allein

Neidischen Blickes schaue ich oft Pärchen hinterher, die gemeinsam laufen. Das sieht so freundlich, liebe- und ruhevoll aus. Ja gut, ich habe das auch schonmal gemacht. Aber das ist dann eher eine gemeinsame Unternehmung als ernsthaftes Training. Und wir sind ja hier nicht zum Spaß. Es wird ernsthaft trainiert, die Leistung verbessert und nur notfalls mal regeneriert.

So und da kommt der Ball ins Spiel. Genauso wenig wie es zwei gleiche Menschen gibt, gibt es zwei gleiche Leistungsstadien. Jemanden zu finden, der genau gleich trainieren kann und will, ist fast unmöglich. Es geht beim Tempo um Sekunden pro Kilometer. 4:35 min/km ist etwas ganz anderes als 4:50 min/km. Da werden ganz andere Systeme trainiert. 4:35 km/min ist bei mir schon flotter Dauerlauf, noch gut im aeroben Bereich aber schon nah am Kraftausdauertraining, während 4:50 min/km noch ruhiger Dauerlauf ist. Im Extremfall käme ich im 4:35er Tempo etwa 60 Kilometer weit im 4:50er Tempo sicherlich 90. Im Extremfall machen also 15 Sekunden 30 Kilometer aus.

Ja, und dann gibt es noch die Tagesform. Manchmal fühlt man sich bei 4:35 min/km gerade mal aus dem Regenerationsbereich rausgerutscht, mal keucht man im gleichen Tempo wie ein Alien, der auf Sigourney Weaver trifft. Und dann, ja dann soll man sich noch auf jemand anderen einstellen? In trauter Zweisamkeit fröhlich parlierend nebeneinander her trainieren? Mit jemandem, der gerade zufällig in der beschissensten Form seines Lebens ist, ansonsten aber gelegentlich mal große Marathons gewinnt oder mit jemandem, der eigentlich nur bis 5 km läuft, weil alles andere Mord ist, aber gerade von einer Tarantel gestochen wurde? Oder mit der Freundin, die heimlich trainiert hat, weil sie es einem mal so richtig zeigen will? Das ist alles so wahrscheinlich, wie ein Fünfer im Lotto. Insofern läuft man am besten allein. Zumindest dann, wenn man trainieren will.

Man schreibt auch allein drüber. Das Drüberschreiben ist also wie eine Tasse Kaffee in Dresden in die Elbe zu gießen und zu erwarten, dass in Hamburg jemand sagt: „Wow, da hat in Dresden aber jemand eine interessante Mischung reingekippt.

Der Fall

32 Kilometer sollen es sein. Mit ein paar Steigerungen am Schluss. Ja fragt mich denn auch mal jemand? Will ich jedem Sonntag den Sinn durch eine mörderische Laufrunde geben oder geht’s auch mal anders? Aufstehen, duschen, zwei Stunden frühstücken oder so?

Das wäre außerordentlich sinnvoll. Da ist die Wahrscheinlichkeit, dass man über eine Wurzel stolpert und auf den einzigen vierzig Metern mit Publikum derart auf die Fresse fliegt, dass einem neben einem aufgerissenen Knie noch eine lädierte Schulter und eine sehr schmerzende Hand bleibt, viel geringer. Man säße einfach nur beim Cappuccino und Croissant und überlegte, welcher See es zum Baden sein soll, anstatt mehrere dieser zum Baden sehr geeigneten laufend zu umrunden. Gut, beim Weg dorthin könnte man auch fallen, aber eher nicht im 4:45er Tempo. Wusch zack. So schnell kann man liegen. Wurzel wusch zack.

Kann auch anders ausgehen. Ich durfte aufstehen. Und weiterlaufen. So ein Hubschrauberflug hätte auch was. Vor allem müsste ich dann nicht morgen schon wieder laufen. Mit schmerzender Knie-Hand-Schulter. Wusch zack flapflap. Ich liebe Hubschrauber. Aber so im Nachhinein betrachtet ist es schon besser, die 32 Kilometer voll gemacht zu haben. Laufend.

Am Abend des Herrn tut dem zarten Läuferchen alles ein bisschen weh. Aber er darf weitermachen. Laufen bis der Arzt kommt. Also der, der sowieso da ist am 27. September. Der, den ich nicht brauche und hoffentlich auch niemand anderes.

Mit blutendem Knie sollen es dann noch fünf Steigerungen sein. Der ambitionierte Läufer fragt nicht sondern befolgt. Das ist Ehrensache. Aber auch irgendwie Hormonsache. Ab Kilometer 26 merkt man nicht mehr so viel. Bei Kilometer 41 haben mir mal zwei sehr gute Freunde quasi ins Gesicht gebrüllt. Nix. Gar nix. Auch im Nachhinein nix. Alles genauestens intellektuell rekonstruiert. Nix. Gar nix. Der nebenstehende Fremde meinte nur: „Der merkt nüschd mea!“ Selten so recht gehabt. Wür ick sajn.

Der Herr segne den Freitag

Jetzt ist es soweit. Das Wettkampftempo geht. Drei Minuten und fünfundfünfzig Sekunden pro Kilometer.

Das sei flottes Marschtempo beim Militär. Mit Gepäck. Sagt Manfred. Der muss es wissen. Der war beim Militär. Gut fünfzehn Kilometer pro Stunde mit dreißig Kilo Gepäck. Das möchte ich sehen. Ich trainiere wie ein Berserker. Seit Monaten. Einhundertzwanzig Kilometer pro Woche. Und der Zeitsoldat rennt das nach dem Frühstück. Bis zum Mittagessen.

Ach so. Da war ja noch die Distanz. Zweiundvierzig Komma eins neun fünf mal drei Minuten und fünfundfünfzig Sekunden am Stück. Ohne Gepäck zwar aber auch ohne Pause. Dafür auch nach dem Frühstück und vor dem Mittagessen. So soll das sein. Am siebenundzwanzigsten September. Ohne Stiefel. Aber mit Schuhen. Soll ja Leute geben, die das ohne Schuhe machen. Ich zieh lieber welche an.

Heute waren es zweimal sieben Kilometer á drei Minuten und fünfundfünfzig Sekunden. Das ist hart. Aber es ging. Mit nur ein bisschen Atemnot. Ganz langsam steigt die Zuversicht, dass es doch möglich sein kann, zweiundvierzig Komma eins neun fünf mal drei Minuten und fünfundfünfzig Sekunden pro Kilometer am Stück zu laufen. Ist ja auch erst das zehnte Mal, dass ich das versuche.

Zehn mal und immer die gleichen Anfängergedanken. Gehen die auch mal weg? Bei Kindern sagt man, dass sie nur einmal auf die heiße Herdplatte fassen müssen und es dann für ihr Leben gelernt haben. Herdplatte gleich Aua. So einfach. Training gleich Marathon. Könnte so einfach sein. Ist es auch. Ist es nicht. Richtig trainiert, nicht krank, nicht verletzt, Styroporrollen traktiert, AOK-Übungen gemacht, Kasperletheater alias Koordinationsübungen absolviert, gesund gegessen, Wettkampfgewicht angehungert, kein Alkohol, viel und gut geschlafen und alles ist klar? Ne ne. So isses einfach nicht.

Da ist ja noch das Wetter. Der Körper. Die Psyche. Alles Gegenspieler. Potenziell. Ich trainiere auch, um die mit ins Boot zu holen. Also den Körper und den Geist. Das Wetter ist eh immer gut in Berlin. Mens sana in corpore sano. Dann klappt’s auch mit dem Wettkampf.

Herr, es ist wieder Abend.

Die Runde wird immer kürzer

Ein Zeichen für: „Ich bin voll druff!“ ist, dass die Runden immer kürzer werden. Das liegt nicht daran, dass die Erde im Sommer austrocknet und schrumpft. Und das passiert schnell mit den Sandböden hier. In Berlin wird ja alles auf Sand gebaut. Also am Sand liegt es nicht. Ich laufe vermutlich schneller. Das ist wenigstens mal ein Erfolgserlebnis. Fett und faul bei minus 13 Grad Anfang Februar im Schneematsch, wenn man sich doch mal aufgerafft hat, zu laufen, nimmt die Runde mit allen Mikroabkürzungen 70 Minuten in Anspruch. Voll druff läuft man sie ohne Abkürzungen locker in 65 Minuten. Manchmal noch schneller, so dass noch ein kleiner Appendix im Park notwendig ist. Dort, wo das Gras vertrocknet ist, der Müll von den Raben verstreut und das restliche Grillfleisch von den Ratten verputzt wurde.

Ich frage mich dann immer, ob die 3 Minuten wirklich wichtig sind. Also beim Wettkampf nachher sind 3 Minuten ja Welten, aber hier so strebermäßig das Zeitpensum vollzumachen erscheint mir manchmal auch etwas albern. Fühlt sich halt gut an, den Plan erfüllt zu haben. Ich könnte auch wie in der DDR einfach 40 Minuten laufen und dann die rote Fahne hissen, aber wir sind ja hier jenseits des antikapitalistischen Schutzwalls. Mit einer roten Fahne gewinnt man keinen marktwirtschaftlichen Marathon. Da kommt raus, was man reinsteckt. Nicht mehr und nicht weniger. Also lauf, Du Sau und seien es nur 3 Minuten.

Es ist ja sicherlich auch etwas Psychologie in dem Ganzen. Habe ich davon eigentlich schonmal geschrieben? Wenn man schon beim Training dem Laissez-faire Einlass gewährt, wie sieht es denn dann im Wettbewerb aus? Die historische Mission der Läuferklasse besteht also darin, durch Trainingsfleiß den Schweinehund im Kopf zu töten oder zumindest zu lähmen. Das heißt: Planerfüllung nicht der Planerfüllung wegen, sondern des Schweinehundes wegen. Canis causa. Es heißt ja auch nicht Lauf, du Schwein oder gar lauf, du Hund.

Herr lass Abend werden.

Er will laufen

Ja, soll er doch, antwortet der Wärterkollege meiner Lieblingswärterin und tut so, als ob er ihr Chef wäre. „Er will laufen“. Ja woher weiß die denn das? Und stimmt das überhaupt? Er wird laufen, aber will er das auch? Eher nein. Wir erinnern uns: es ist Warum-tu-ich-mir-das-an-Dienstag. Also hat der Wärterkollege, der so tut, als ob er Chef wäre, recht. Er soll laufen.

Und zwar 4 x 2000 Meter in je etwas über 7 Minuten mit 3 Minuten Pause dazwischen. Die Beine sind schwer von dem langen Sonntag und der verheerenden Endbeschleunigung. Das Training soll und muss hart sein, aber das? Mit Muskelkater in den harten Warum-tu-ich-mir-das-an-Dienstag? Intervalle mit Beinweh? Das ist es. Super. So machen wir weiter.

„Er will laufen.“ Neulich habe ich sie gefragt, ob sie Kaffee oder Tee trinkt. Bei ihrem Zigarettenkonsum hätte ich eher auf halbsüßen Rotkäppchen-Sekt schließen können. Aber den kann ich nicht kaufen. Ich werde ihr wenn überhaupt, mal eine Flaschengärung mitbringen. Tee oder Kaffee hat sie aber derart brüsk abgelehnt, dass ich vermute, die Compliance im Unternehmen Sportplatz ist ein unumstößliches Regelwerk. Ein Uli Höneß der Bayern. Ein Warren Buffet des Finanzmarktes. Ein World Marathon Major der Laufveranstaltungen.

Ich ackere mich also fleißig durch meinen Trainingsplan, morgen und übermorgen ist nur lockeres Laufen, bevor mich am Freitag wieder der Abend des Herrn erwartet. Herr-lass-Abend-werden-Freitag. Aber bis dahin genieße ich die Lass-mal-gut-sein-Tage und überlege mir, ob ich meiner Wärterin doch lieber Kaffee mitbringen soll.

Endbeschleunigung – Hommage an Herbert

Klimax. Crescendo. Aua.

Hier muss ich mal dem großen Guru Herbert Steffny, den ich zutiefst verehre, etwas Latein-Nachhilfe geben. Crecendo-Lauf nennt er lange Läufe, die gegen Ende hin immer schneller werden. Nun weiß man doch, dass crescere eher wachsen heißt. Natürlich kann man wohlwollend erkennen, das crescere auch zunehmen (bloß nicht!), immer größer werden (gern!), sich mehren (bloß nicht!), steigen (wenn’s sein muss!), sich steigern (gern!) heißt. Doch warum um alles in der Welt bedient man sich nicht des Wortes „schneller werden“? Es gibt ein Fremdwort genau dafür. Auch als Musiker weiß man das. Und die sind sogar oft unsportlich. Accelere ergibt als Partizip Präsens Aktiv accelerans oder halt musikalisch italienisch: Accelerando. Es sind also Accelerando-Läufe, Herr Steffny, mein verehrter Lauf-Gott. Schon 1986 liefst du 2:11:17 beim Chicago-Marathon. Das ist unglaublich für einen Weißen zu der Zeit. Das ist richtig ernstzunehmende Weltspitze. Elite ohne Wenn und Aber. Sehr lange gab es keine Deutschen mehr, die überhaupt die 2:20 knacken konnten. Also. Es ist mir eine Ehre, dein Latein-Lehrer zu sein. Und das, obwohl mir mein nicht verehrter Lateinlehrer damals sicher zu Recht sagte, ich sei unfähig.

Accelerando. Schlechte Musiker wie ich beschleunigen immer dann, wenn es technisch anspruchslos ist oder paradoxerweise dann, wenn sie es auch im langsamen Tempo überhaupt nicht hinkriegen. Als Läufer muss man beschleunigen, wenn es am schwersten ist. Zumindest im Training. Um einen Reiz zu setzen. Um das Härteste des Harten zu trainieren. Um dann, wenn es nicht mehr geht, noch mehr geben zu können. Gegen den Willen sowieso, aber eigentlich auch gegen die Leistungsfähigkeit. Akku leer, Kohlenhydrate weg, Motivation zerstört. Alles aus. Vorbei. Aber nochmal richtig Gas geben.

27 Kilometer in der Hitze, mit nüchternem Magen, ohne zu trinken. Und dann 3 Kilometer im Wettkampftempo. Das ist der Deal. Alles schreit nach Aufhören. Hinlegen. Schlafen. Baden in kühlem Trinkwasser und nebenher eine Glucose-Infusion. Massage. Und vor allem: nicht mehr bewegen! In der Ruhe liegt die Kraft. Es geht eh nicht mehr.

Dass es doch noch geht soll hier bewiesen werden. Quod erat demonstrandum. Wie in Mahlers Auferstehungssinfonie. Über ein unglaublich langes bombastisch instrumentalisiertes Meisterstück hangelt man sich als Interpret oder Genießer, um am Schluss ein furioses Finale der Maximalitäten zu erfahren. Alle der gefühlt 438 Instrumente einschließlich Orgel auf allen Registern, Chor und was weiß ich noch alles donnern einem die Tränen in die Augen und ließen einen den Nachhall noch etwa 89 Sekunden genießen. Wäre da nicht der vorzeitige Klatscherguss.

Am Ende eher schneller. Dann wenn nix mehr geht, noch mehr geben. Das ist die Idee. Auferstehung. Darum geht es also. Lieber Herbert. Vielleicht hast du doch recht, wenn du es Crescendo nennst. Accelerando klingt hier wirklich zu banal. Schneller werden. Tss! Wir sollen den kleinen Tod trainieren. Das ist ja wohl das Mindeste!

Das Wettkampftempo ist zu schnell

Ich frage mich immer, warum ich so ein fürchterlich schnelles Wettkampftempo gewählt habe. Es bestünde doch theoretisch die Möglichkeit, etwas langsamer zu laufen und trotzdem noch zu gewinnen. Gegen mich. Aber nein. Ich wähle etwa 15 km/h. Sieht gut aus. Ist man schneller im Ziel. Muss man nicht so lang auf der Strecke bleiben.  Zack und durch. So ist das am besten.

Doch fällt mir bei den sogenannten Kraftausdauereinheiten, bei denen man lernen soll, dieses Tempo über einen längeren Zeitraum durchzuhalten, auf, dass auch die kürzeren Zeiträume ganz schön lang sind. Wie um alles in der Welt soll ich jemals 42 Kilometer lang dieses Tempo durchhalten, wenn es schon auf 10 Kilometer kaum machbar ist?

Dienstage sind die Warum-tu-ich-mir-das-an-Tage, Freitage sind Herr-lass-Abend-werden-Tage. Einlaufen, Rauszögern, Dehnen, was kein Mensch mehr macht, seit mit Styropor wieder Geld verdient wird und dann los. Der erste Kilometer geht immer. Locker, etwas schneller, loofd. Supi. Doch nach drei Kilometern im geplanten Wettkampftempo kommt fürchterlich erdrückend die Erkenntnis, dass das auf 42 Kilometer keinesfalls zu schaffen ist. Platt nach 3 Kilometern. Psychoplatt. Das kann ja gar nichts werden. Viel zu anstrengend alles. Viel zu schnell und viel zu lang.

Doch oh Wunder. Was geschieht bei Kilometer vier? Der Kopf wälzt mal andere als die Hilfe-ich-will-kein-Läufer-mehr-sein-Gedanken. Fast schon aus Pflichtgefühl senke ich den Blick auf die Distanzanzeige und sehe, dass wie aus dem Nichts schon sechs Kilometer absolviert sind. Unglaublich, was Nicht-Konzentration alles bewirken kann. Denk an was anderes und es läuft wie von selbst. Na ja. Leider konnte ich es nicht verhindern, mit meinem Blick auf die Uhr auch die Geschwindigkeitsanzeige zu sehen. Die Gedanken sind frei, das Tempo auch. Es schwankt. Am liebsten in die Richtung langsam. Kraftausdauer. Ausdauer hab ich. Ausdauer, mich abzulenken. Fehlt nur die Kraft, trotzdem das Tempo zu halten.

Also Gas geben. Geht ja auch schneller vorbei, wenn man schneller läuft. Die Entfernung ist sprunghaft auf 8,5 Kilometer angestiegen, das Tempo nur etwa 10 Sekunden pro Kilometer zu langsam und das Ende naht. 10 Kilometer im geplanten Wettkampftempo. Erfahren und wissend erzähle ich allen Lauffreunden, die anfangen oder wieder anfangen zu laufen: „Das ist völlig normal!“ Wettkampftempo ist hart. Am Wettkampftag geht man völlig ausgeruht an den Start, ist euphorisiert und läuft das Tempo fast automatisch über die mehr als vierfache Distanz. Im Training ist das was ganz anderes. Oft hat man die Warum-tu-ich-mir-das-an-Dienstage und zwei „Regenerations“-Trainingstage mit je etwa 15 Kilometern in den Beinen und muss dann Wettkampf spielen. Das ist hart. Zigmal schon erlebt. Am Wettkampftag geht es plötzlich. Nicht leicht, aber es geht. Was du kaum über 10 Kilometer im Training schaffst, schaffst du plötzlich über die Wettkampfdistanz.

Trotzdem frage ich mich freitags immer und immer wieder das Gleiche. Wie soll das auf 42 Kilometer gehen? Irgendwann werde ich es mich nicht mehr fragen. Versprochen. Herr, lass Abend werden.

Erholung war letzte Woche

Man denkt immer, so, fast geschafft. Jeder lange Lauf, der vorbei ist, bringt einen ein Stück näher an den Marathon, jedes Intervalltraining, das vorbei ist, macht es einem ein bisschen leichter und jede Tempoausdauereineit gibt einem die Souveränität bei Kilometer 36. Sind ja nur noch 7 Wochen. Das muss doch schon allmählich ins Tapering übergehen. Also mal bisschen runter vom Gas. Das Leben genießen.

Doch jeder gute Trainingsplan lässt einem wenig Zeit zum Durchatmen. Das muss so. Der Körper soll ja nicht abschlaffen, auch nicht nur den Status erhalten. Nein, er soll sich aufbauen. Stärker werden, schneller und härter.

Also muss man ihn fordern. Raus aus der Komfortzone. Es soll wehtun, sonst baut er ab, der schlaue Hund. Deswegen lässt die nächste harte Einheit auch nie lang auf sich warten. Und sie soll im Normalfall auch härter als die vorangegangenen sein. Intervalltraining oder Dienstag. Gleichbedeutend. Horror. Warum-tu-ich-mir-das-an-Tag. 3 Kilometer einlaufen. So langsam wie möglich, um den Horror hinauszuzögern. Dehnen, was keiner mehr macht, seit es  Nudelhölzer aus Styropor gibt. Wärterin bezirzen. Sich bekreuzigen: das machen Italiener beim Studium der Sicherheitskarte im Flugzeug. Und los geht’s.  8 x 1000m in je 3:25 sollen es sein. Es werden gut 100 Sekunden mehr auf alle gerechnet. Man soll nicht weniger Intervalle machen als im Plan stehen, im Notfall lieber „etwas Tempo rausnehmen“. Ich entscheide mich für den Notfall.

Sind auch erst 36 Stunden her, dass ich meinen langen Lauf beendet habe. Fehlen 8 Stunden Regeneration. Da darf ich das. Beim letzten geb ich nochmal Gas. Eigentlich hab ich also noch Kraft. War es doch wieder nur der Schweinehund.

Langlauf zu Hause

Ist ja schon schön so in Italien. Sonne, Panini und charmante Alimentari-Betreiberinnen. Man würde das alles auch ganz ohne Laufen genießen können. Also ich wäre sicher auch ohne Trainingsplanbegleitung froh geworden. Kaffeechen hier, Weißweinchen dort, Marzipantörtchen noch und Eis obendrauf. Dann mit dem Mietwagen zum Strand und baden. Geht. Kann man machen. Geht aber auch anders. Mit ohne Mietwagen und mit Schrottrad vom Vermieter und 200 Höhenmetern zwischen Strand oder Supermarkt und Feriendomizil. 200 Höhenmeter auf zwei Kilometern. Das ist eine Durchschnittssteigung von 10%. Es geht auch regelmäßig wieder etwas bergab, so dass die Steigungen dann umso kräftiger ausfallen.

Abends gibt es etwas weniger Wein. Eine halbe Flasche reicht auch, um die Einheiten etwas schwerer werden zu lassen. Alles in allem kann man Urlaub und Marathontraining schon vereinen. Wenn man ein bisschen trickst. Es sollte schon die Regenerationswoche sein und den langen Lauf vom Sonntag schiebt man auf zu Hause. Berliner Luft schnuppern, aber erst noch etwas Neapolitanische. Denn die Berliner Luft ist zu spät. Eine Stunde. Alles hätte so schön sein können. Der Vermieter fährt einen zum ersten Zug. Der geht um 8 Uhr 13 und ist vier Minuten früher in Neapel. Dort wehrt man sich gegen Taxifahrer und nimmt den Bus, der auch relativ rechtzeitig am Flughafen eintrifft. Und dann das: der Deutsche ist empört. Berliner Luft lässt sich Zeit. Deutsche Pünktlichkeit? Von wegen.

Das gibt mir genau eine Stunde weniger Regenerationszeit. Das lasse ich nicht mit mir machen. Ich werde mich beschweren. Meilen einklagen. Meilen, die ich hoffentlich weniger laufen muss am 27. September. Die läuft dann die Berliner Luft für mich. Mit Düsenantrieb. So machen wir das.

32 Kilometer Langlauf. Langlangsamlauf. Geht so schön einfach ohne 27% Steigung. Ehe ich mich versehe, ist es vorbei. Na gut, zwischen Kilometer 27 und 32 wurde es ein bisschen schwerer. Waren ja auch Steigungen dabei. Also so kleine Rampen eher. Trotzdem. Achtzehn Uhr dreißig ist Feierabend. Morgens Marina, abends Berliner Park, die Frisur sitzt, die Muskeln schmerzen. 12 Stunden Zeit zum Regenerieren. Dann geht’s weiter. Normal. Morgens. Pünktlich in der Berliner Luft.

Urlaubsvertretung

„Vielen Dank für Ihre Nachricht, ich bin im Urlaub und laufe dort.“ Trainingspläne haben einen Nachteil: sie gewähren mir keinen tarifbedingten Urlaub. Rücksichtslos oktroyieren sie mir tägliches Training. Aber das zyklische Training beinhaltet auch Regenerationswochen. 3 Wochen immer mehr und dann ein Woche Erholungstraining. Also lege man den Urlaub in die Regenerationswoche. 60 Minuten ruhiger Dauerlauf, 55 Minuten zügiger Dauerlauf, 55 min ruhiger Dauerlauf und – fast vergessen – viermal 2.000 m im 10.000 Meter Tempo. Das etwas andere Bergfest in der Mitte des Urlaubs.

Ich suche mir also ein Stadion mit Tartanbahn und los geht’s. In Süditalien. Gibt besser zu findende Sachen dort. Zum Beispiel Kiesstrände, unsäglich steile Straßen, Bars mit Meerblick und Prosecco für einen Euro. Aber Stadien mit genormten 400 Meter Bahnen suche ich vergeblich. Also muss was anderes her. Ich mache aus der Not eine Tugend und entscheide mich für Bergauf-Intervalle nach Zeit. Viermal sieben Minuten die Passstraße hoch rennen bei 30 Grad und 85 Prozent Luftfeuchtigkeit. Es ist Anfang August, 200 Kilometer südlich von Neapel.

Nach allen vier der sieben Minuten Einheiten jogge ich wieder für drei Minuten runter. Das Tempo bergauf ist etwa das eines sehr ruhigen Regenerationslaufs in der Ebene, der Puls lässt ein schnelleres Tempo vermuten. 180 Schläge pro Minute und mehr zeigen mir, dass bergauf doch recht anstrengend sein kann. Oben angekommen bin ich noch mitten im letzten Intervall und muss noch mit glutroter Birne und keuchend an den vor Entspannung und Ruhe strotzenden, Prosecco-trinkenden Männern der Dorfbar vorbeirasen.

Entweder sie denken sich ihren Teil oder die Unterhaltung über das Dorffest am Vorabend ist wesentlich wichtiger und ich erliege wieder der Vermutung, das, was ich tue, sei von Interesse für andere. Das Verlassen des Dorfes und des letzten Intervalls wurde mit einem letzten knackigen Anstieg gekrönt. Irgendwie sparen die Italiener an Kurven und lassen die Straße lieber einfach geradeaus den Berg hoch verlaufen.

Die Arbeitseinheit des Urlaubs ist vorbei, ich trabe aus und erlebe einen dieser Momente, in denen mir irgendjemand zeigen will, warum ich das alles mache. Kaiserwetter, leicht abschüssige Straße ohne Verkehr und Blick aufs Meer. Vergessen ist das Bergaufgekeuche, das Aufhörenwollen, der Zwang des rücksichtslosen Trainingsplanes. Es ist purer Genuss. Runner’s High. Aber nur, weil ich hoch oben laufe. Oben über dem Meer und oben auf der Genugtuung, selbst im Urlaub das große Ziel nicht aus den Augen verloren zu haben.

Wettkampftest

Wettkämpfe kann man nur bedingt simulieren, muss es aber manchmal. Zum Beispiel, wenn es im Umkreis von 200 Kilometern keinen gibt oder man in den Urlaub gehen muss oder beides.

Es ist ja nicht so, dass man da viel Spielraum hätte. Vorbereitungswettkämpfe finden immer an fixen Tagen im Trainingsplan statt. Sie dienen dazu, unter Wettkampfbedingungen zu testen, wie schnell man ist und ob man im Ernstfall alles richtig macht.

Im Wettkampf läuft man anders als ohne Wettkampf. Es ist ja auch wirklich furchtbar, wenn einen der Mitkämpfer überholt. Deswegen ist man da ganz anders motiviert und holt mehr aus sich heraus. Wettkampf ist eben Wettkampf und das wissen die gescheiten Leute, die so einen Trainingsplan schreiben. Im Wettkampf hat der Schweinehund kaum eine Chance.

Aber der Schweinehund wittert seine Chance, wenn man den Wettkampf selbst macht. Allein gegen ihn und die Uhr. Aber weit gefehlt, Herr Schweinehund. Meine Disziplin ist unbesiegbar. Ich laufe gnadenlos. 5 Kilometer langsam ein, dann den 10 Kilometer-Wettkampf und dann noch 9 Kilometer aus. Macht 24. Das alles schon am Abend des Samstags allein, statt irgendwo in Hintervorderhausen unter den Schreien der fanatischen Fans.

Ich muss ja in den Urlaub, deswegen schon am Samstagabend. Die Einheiten davor habe ich intelligent auf zwei pro Tag aufheteilt. Auch am Morgen des Samstags bin ich 4 Kilometer gejoggt mit Steigerungen. Macht 28.
Der Wettkampf selbst läuft wie von selbst. Der Schweinehund läuft auch wie von selbst mit. 25 Runden im schon für das Regionalligaspiel am Sonntag vorbereiteten Fußballstadion. Fehlen nur meine fanatischen Fans. Und die Wärterin. Ich muss leider über das Tor klettern. Ich werde mich bei ihr beschweren. Samstag halb acht schon Feierabend.

Den Start rauszuzögern ist immer eine gute Entscheidung. In der Abendsonne noch etwas dehnen, was kein Mensch mehr macht, aber es schenkt mir Zeit. Die weiße Querlinie, die ich gleich 26 Mal überqueren muss, weicht nicht, sondern bleibt beharrlich, ja fast bedrohlich ruhig. Auch das Stadion mit seinen Werbetafeln und noch nicht endgültig platzierten Mannschaftsbänken zeigt keinerlei Mitleid mit mir.

Los geht’s. Der Schweinehund rät mir, statt des 10.000m Tempos lieber das Halbmarathontempo zu wählen, was ich befolge. Nach 37 Minuten und 29 Sekunden ist der Spuk vorbei. Ich feiere meine Disziplin und drücke die Enttäuschung über das zu langsame Tempo beharrlich weg. Muss mir erst mal einer nachmachen, 25 Runden mutterseelenallein überhaupt und dann noch in diesem Tempo zu laufen. Toll. Dass ich 2,5 Minuten zu langsam bin, ist doch egal. Beim Marathon sind das 10 Minuten. Also 2:55. Ziel verfehlt. Aber sowas von.
Die restlichen 8 Kilometer genieße ich. Auch den Schwindel nehme ich gern in Kauf. War wohl ein bisschen wenig Flüssigkeit vorher. Jetzt ist Urlaub und Regenerationswoche. Toll, wie das zusammenpasst.

Tapering heißt Zuspitzen

Das systematische Training beinhaltet viele Phasen. Das habe ich schon gelernt. Eine durchaus angenehme Phase ist das sogenannte Tapering. Man trainiert wenig und langsam, gespickt mit gelegentlichen Steigerungen. Das macht man aber nicht aus Faulheit oder aus Unlust. Es soll nutzen. Prosit. Und zwar dem Wettkampf. Es ist ein Balanceakt. Ich darf keinesfalls abschlaffen, muss mich aber maximal erholen. Mein Körper ist ja sehr schlau. Wenn er nicht gezwungen wird, mit rotem Kopf viel zu schnell auf Gummibahnen Runden zu drehen, fährt er seine Bereitschaft fürs schnelle Bewegen schlagartig zurück. Der Rennwagen kommt in die Garage, wenn er nicht gefahren wird. Dort ist es kühl und dunkel. Ausruhen. Entspannen. Aktivität zurückfahren.

Die Muskeln, die sonst zitternd und zum Explodieren bereit sind, werden weich, erschlaffen und haben noch die Spritzigkeit eines lauwarmen Apfelmuses. Energie wird gespart für den nächsten Jagdeinsatz. Aber wenn dann das Mammut plötzlich vorbeirennt, muss ich den Modus erst wieder beenden und das Apfelmus in zähes Rindfleisch verwandeln. Und das braucht Zeit wenn ich so im Dunklen in der Höhle im Energiesparmodus vor mich hindämmere. Deswegen haben die Sportwissenschaftler das Tapering erfunden.

Diese Wissenschaftler dachten sich also folgendes: Das Auto kommt zwar in die Garage, wir öffnen aber zwei Mal am Tag das Tor, starten den Motor und geben drei bis sechs Mal Vollgas. Im Leerlauf. Dann schnell wieder aus und Tor zu. Täten sie das nicht, vergäße das Auto, dass es zum Fahren da ist, denken sie. Trotzdem bleibt der Tank mehr oder weniger voll. Ich renne also mal 55 Minuten, mal 40 Minuten, vor dem Tag der Tage sogar mal nur 20 Minuten. Aber selten gar nicht. Und gegen Ende dieser schnuckeligen Einheiten gebe ich drei bis sechs Mal Vollgas. Steigerungen heißt das. 100 Meter ungefähr. Langsam steigern bis die Drehzahl den roten Bereich erreicht, dann runter vom Gas und ausrollen lassen. Gehen. Puls runter. Nochmal.

Das kann man auch machen, wenn andere Leute dabei sind, ich mache es lieber allein. Ich denke mir immer, dass die Leute sonst denken, ich wolle vor ihnen angeben und sobald ich vorbei bin, höre ich auf mit dem Rasen, weil ich nicht mehr kann. Das ist wahrscheinlich die Hybris des Alleinläufers. Er denkt immer, die anderen würde es interessieren, was er macht. Vergleiche Koordinationsübungen.

Aber es ist doch noch gar nicht der 27. September 2015 denkt sich der aufmerksame Leser. Recht hat er. Es gibt in jedem ernstzunehmenden Trainingsplan Test-Wettkämpfe, auf die auch getapered wird. Zwischengarage sozusagen. Ausruhen im Training. Man kann nicht immer mehr, immer schneller und immer härter. Ruhephasen gehören dazu wie der Mai zum Frühling. Lässt man sie aus, geht das Auto kaputt und kann dann nicht mehr schnell fahren. So einfach ist das. Zum Glück.

Schnell – langsam – schnell

Morsezeichen? Sonatenhauptsatzform? SOS? Also immer, wenn ich das sehe, wird mir schwarz vor dem inneren Auge, wenn ich es mache auch gelegentlich vor dem äußeren. Es geht um Intervalle. Intervalltraining. Um genau zu sein ist es eher so: langsam – schnell – langsam – schnell – langsam – schnell –langsam – schnell … – langsam – fertig. Das beste daran ist: fertig! Alles davor ist meist grausam. Außer das erste Langsam. Das zögere ich nach bewährter Manier gern so weit wie möglich hinaus.

Es geht beim Intervalltraining darum, Geschwindigkeit zu trainieren, Bewegungsabläufe zu optimieren, die anaerobe Schwelle nach oben zu setzen, den Puls zu verlangsamen und zu leiden. Man könnte meinen, 12 mal 400 Meter schafft man. Vor allem, wenn man immer eine Minute Pause dazwischen hat. Das Blöde ist nur, ich muss diese 400 Meter ganz schön schnell rennen. Und wenn man schonmal versucht hat, einen 400 Meter Läufer zu interviewen, hat man sicherlich gemerkt, dass man da mal besser 4 bis 5 Minuten nach dem Zieleinlauf wartet. Zumindest, wenn man Antworten haben möchte.

Dadurch, dass man da so schnell läuft, verbraucht man mehr Sauerstoff als man einatmen kann. Man zwingt die Muskeln also mit zu wenig Sauerstoff auszukommen. Ich merke das an sehr schneller Atmung, brennenden Muskeln und schnell langsamer werdendem Tempo. Diese extreme Muskelbelastung kann man nur 400 m durchhalten danach ist es vorbei. Dann hat der Körper einen Milchsäureüberschuss, der abgeatmet werden muss und eine Sauerstoffschuld, die nachgeatmet werden muss. Deshalb ist es ratsam, mit 400 Meter Läufern erst nach einer gewissen Zeit zu reden.

Marathonläufer können direkt im Ziel fröhlich parlieren. Das ist komisch. Aber leicht zu erklären. 400 Meter läuft man anaerob, einen Marathon tunlichst ausschließlich im aeroben Bereich. Es sei denn, man will bei KM 3 eh aussteigen, dann kann man am Anfang natürlich Gas geben wie ein 400 Meter Läufer. Macht sicher was her, 500 Meter mit den Top-Athleten mitzulaufen und dann keuchend aufzugeben. Das werde ich irgendwann mal probieren. Ich erzähle dann, wie es war.

Der erste Kilometer beim Marathon ist ja wirklich extrem wichtig. Man muss da sein Tempo finden. Nein, man muss sein Tempo haben, von der Startlinie an. Und zwar am besten auf die Sekunde genau. 3 Minuten 55 Sekunden pro Kilometer. Nicht 3:56 und auch nicht 3:54. Es ist erstaunlich, dass man dazu eigentlich in der Lage ist. Man ist auch mit zuverlässiger Regelmäßigkeit nicht dazu in der Lage. Vor allem bei dem Lauf der Läufe versagt oft die Vernunft, die Disziplin und das Wissen. 3:45 den ersten Kilometer. Super. Schon 10 Sekunden gewonnen. Weiter so. Bei dieser Pace ist allerdings bei Kilometer 21 Schluss.

Der erste Kilometer kann alles kaputt machen. Muss es aber nicht. Ich hatte schon 3:35 am ersten Kilometerschild und habe trotzdem nach der Besinnung die restlichen 41, 196 Kilometer in einer vernünftigen Zeit absolviert. Aber das kann auch sehr schief gehen. Deshalb trainiere ich Tempo und das Hochstellen der anaeroben Schwelle. Denn je höher diese Schwelle ist, desto schneller kann ich den Marathon laufen.

Intervalle. Das sind die bis zu zweimal pro Woche auftretenden Terroreinheiten. 12 mal 400 Meter, 8 mal 1.000 Meter, 5 mal 2.000 Meter, 35 mal 200 Meter, 3 mal 5.000 Meter und so weiter. Intervalle macht man auf der Laufbahn. Auf der mit dem roten Gummibelag und den Linien drauf. Die sind manchmal offen, meistens jedoch zu und mit einem Wärter oder einer Wärterin angereichert. Mit diesen sollte man sich gutstellen. Natürlich könnte ich rüberklettern, aber einmal entdeckt und vertrieben wäre es das für immer. Ich gehe zum Wärter hin, erkläre meine Not und frage. Zumeist klappt das, es sei denn, es sind Bundesjugend- oder Fußballspiele.

Ein Päckchen Kaffee oder zwei stützen die langjährige Freundschaft. Das respektvolle Befolgen der gelegentlichen Verweigerung aus fadenscheinigen Gründen ohne Diskussion ebenfalls. Die Beziehungen zwischen Wärter und Sportler sind zarte Pflänzchen, die bei nachlässiger Pflege schnell verwelken. Bei unverwelkter Liebe öffnet sich zumeist das Tor wie von Geisterhand und macht den Weg frei für den Gladiator. Unter Geschrei der fanatischen Fans begibt er sich gut aufgewärmt auf die Bahn, stellt seine Uhr auf null und rennt los.

Das erste Intervall und … geht doch! Dann die sogenannte Trabpause. Wohlverdient und viel zu kurz. Je kürzer die Intervalle, desto kürzer auch die wohlverdienten Pausen. Bei 400 Metern etwa eine Minute, bei 2.000 Metern vielleicht so 4 bis 6 Minuten, bei 5.000 Metern 10 Minuten. Je länger die Intervalle, desto langsamer das Tempo und desto länger die Pausen. 12 mal 400 Meter in 80 Sekunden mit je einer Minute Trabpause dazwischen sind also härter, als 3 mal 5.000 Meter im Marathontempo mit 10 Minuten dazwischen.

Blutgeschmack im Mund hatte ich, als ich angefangen habe, zwanghaft zu trainieren. Mit zunehmendem Alter und gewonnener Erfahrung lies das irgendwann nach. Dieses Gefühl, zu ersticken blieb bis heute. Anaerob, also ohne Luft. Es gibt Verrückte, die eine Atembehinderungsmaske aufsetzen, um zu laufen. Sie simulieren also Sauerstoffmangel oder Höhentraining unter Inkaufnahme von Erstickungsgefühlen. Mir reicht es, wenn ich beim elften von zwölf 400 Meter Intervallen bei 29 Grad und 85% Luftfeuchtigkeit bin und selbst mit größtem Willen das Tempo nicht recht halten kann.

Ich frage mich, warum meine kreischenden Fans auf der Tribüne plötzlich alle verschwunden sind. Vermutlich wollten sie das Gekeuche nicht weiter mitanhören. Oder ging ihnen mein glutrotes Gesicht auf die Nerven? Oder haben sie den Schwindel bemerkt, dass ich gegen Ende der Intervalle immer langsamer werde? Wie dem auch sei. Auch diese Terroreinheit ist irgendwann vorbei. Es bleibt die Erleichterung, die Hoffnung auf keinen Muskelkater und die Freude über einen Ruhepuls von 42. Aber erst in 48 Stunden wieder.

Laufen lernt man durchs Laufen

Technik wie in Wirklichkeit war früher das Größte für mich. Lego mit Zahnrädern, Achsen, Rädern, Flaschenzügen, Hebeln und so. Alles, was sich bewegt oder gar fortbewegt hat. Es war schwierig zu bauen, aber wenn es erstmal fertig war, stand ich vor einem Wunderwerk und traute mich kaum, damit zu spielen. Technik fasziniert mich bis heute. Außer beim Laufen.

Laufen lernt man durchs Laufen. Das sagen die sehr alten Hasen und haben damit wie immer recht. Zum Teil. Natürlich ist Laufen das Ursprünglichste des Menschen überhaupt. Genetisch implantiert, durch Evolution perfektioniert und das Selbstverständlichste überhaupt. Wären da nur nicht die Sekunden, die zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt entscheiden. 2:45:59 ist okay, 2:46:00 nicht, um es nochmals auf den Doppelpunkt zu bringen.

Schnell wird man durch viel Laufen, durch schnell Laufen und durch gut Laufen. Gut Laufen lernt man durch Technik- und Koordinationstraining, durch Stabilitäts- und Krafttraining lernt man lange gut zu laufen. Technik zeigt sich also in der Wirklichkeit durch Schnelligkeit. Wie beim Lego. Ist ein Zahnrad falsch gesetzt dreht es sich schwer, langsam oder im schlimmsten Fall falsch rum. Dieser Extremfall kommt selbst bei schlechter Lauftechnik allerdings selten vor.

Wie setzt man aber alle Rädchen in der Tempomaschine richtig zusammen? Man hüpft zum Beispiel wie ein 12-jähriges Mädchen, das sich gerade unsterblich in den Klassenclown verliebt hat. 60 Sekunden, keine Sekunde länger und vor allem möglichst unbeobachtet. Es fällt in einer Großstadt nicht immer leicht, 60 Sekunden Hüpferlauf zu machen, ohne gesehen zu werden. Wenn es dann doch passiert muss man mit äußerst ernster Miene dauernd auf die Laufuhr starren und so tun, als sei dies absolut ernste Wissenschaft. Der Hundehalter hat oft Verständnis dafür, sein Begleiter tänzelt meist etwas nervös umher. Okay, diese 60 Sekunden sind geschafft, aber es folgen noch mehr Übungen.

Anfersen geht so: Man läuft mehr oder weniger auf der Stelle und haut sich bei jedem Schritt mit der Ferse in den Hintern. Weitere 60 Sekunden Unbeobachtetheit sind hier von Vorteil. Für die nächsten und letzten 60 Sekunden muss ich dann noch die Oberschenkel bei jedem Schritt in die Waagrechte heben und ebenfalls kaum vom Fleck kommen. Diese Übung sieht noch einigermaßen athletisch aus, so dass man sie für bevölkerungsreiche Abschnitte wählen kann.

Den Kasper könnte ich noch in zahlreichen anderen Übungen zur Perfektion bringen, mir ist es aber ehrlich gesagt meistens sehr recht, wieder in den normalen Laufschritt übergehen zu können.

Das ist also Technik in Wirklichkeit. Koordination. Die Fachleute versprechen mir, dadurch Geschwindigkeit zu gewinnen. Aber mindestens zweimal pro Woche muss man das Programm schon machen. Ins Training eingestreut. Das ist eins von vielen Elementen des Trainings. Manchmal muss ich konzentriert überlegen, ob ich nicht ein Elemnt ganz vergessen habe.

Als Marathonläufer, der deutlich unter 3 Stunden laufen will, muss ich Technik, Koordination, Kraft, Stabilität und Psyche trainieren. Und das alles neben den 120 Kilometern reinem Lauftraining. Das alles für den einen Lauf. Den Lauf der Läufe. Den, der in 165 min vorbei sein soll. Das ist dann wie bei meinem Lego-Auto mit Getriebe und sich bewegenden Kolben. 2 Wochen zusammengebaut, 3 Minuten gefahren und dann in einem Wutanfall an die Wand geworfen.

Nach dem Marathon ist vor dem Marathon.

LSD an der Isar

29 Kilometer erscheinen auf den ersten Blick betrachtet vielleicht viel. Im Marathontraining ist es erst der Anfang. So als fleißig Trainierender hat man manchmal das Problem, Reisen und Training unter einen Hut zu bringen. Die Taufe der Nichte muss also mit 29 Kilometern LSD in Einklang gebracht werden. Das geht meistens gut. Auch wenn es fast immer zusätzlichen Stress bedeutet, in unbekanntem Terrain 29 km zu finden. Flüsse sind da oft eine gute Wahl, denn wo es flussaufwärts geht, geht es auch wieder flussabwärts. Der Abwechslung wegen auch gern am anderen Ufer. Allerdings bin ich als Nicht-Triathlet auf Brücken angewiesen. Die gibt es aber nicht wie Sand am Meer sondern eben wie Brücken am Fluss und können die geplante Strecke deutlich verlängern.

Die Verlängerung der Strecke blieb gestern aus, die reichen Isarstädter bauen genug Brücken. Außerdem war ich da schonmal unterwegs. Schön dort und alle sind so freundlich. Ordentlich angezogen. Gewaschen. Duftend. Ich frage mich, ob sie vor und nach der sportlichen Betätigung duschen. Bei Frauen scheint es auch üblich zu sein, sich vor dem Sport zu schminken. In München. Vielleicht hat meine Wahrnehmung aber auch mit dem LSD auf nüchternen Magen zu tun.

Also. Früh aufstehen, drei Gläschen Wasser und los. Bloß keine Kohlenhydrate. Am Abend vorher noch schön Fettkruste vom zarten Schweinsbraten genascht, viel zu viel Zucker nachmittags und auch leider vom guten Wein nicht gelassen. Auch bin ich vorwiegend rumgestanden. Nachts konnte nicht das ganze Zellwasser zurückgepresst werden. Das macht sich in zunächst etwas schwerfälligen Schritten bemerkbar. Das ist aber noch gar nichts im Vergleich zu der Schwerfälligkeit am Ende, wenn ich zu 100% „auf Fett“ laufen werde. So bis Kilometer 14 geht alles wie von selbst. Die Psyche läuft mal wieder mit, dieses Mal ist es so, dass ich mich ja auf 28 Kilometer eingestellt habe, deswegen ist bei 14 Bergfest und da suggeriert mir mein Hirn: „Hälfte vorbei, das geht doch.“

Warum nur keine Kohlenhydrate? Bis Kilometer 14 habe ich noch reichlich in den Speichern. Leber und Muskeln speichern ja welche. Doch nach so einer Stunde ungefähr verlangsamen sich meine Schritte oder zumindest fühlt es sich so an. Es bedarf viel mehr Anstrengung, das Tempo aufrecht zu erhalten. Doch glücklicherweise gibt es Richtung Münchner Innenstadt einiges zur Ablenkung. Einen Zoo, geschminkte Powerwalkerinnen  und durchaus pittoreske Flussimpressionen. Nur nicht dem Aua zu viel Aufmerksamkeit schenken. LSD ist super. Man soll ja auch langsam laufen. Es kann also eigentlich auch gar nicht weh tun. Es soll nicht weh tun. Man soll also psychisch optimiert dahingleiten. Die Droge LSD lässt einen schweben.

Die Uhr zeigt mir den Umdrehpunkt, jetzt ist es schon ein Halbmarathon. Geht. Vor allem glücklicherweise aufs Ende zu. Das Wetter ist sensationell, wie der Münchner sagt. Sonnig, kühl und windstill. Ja, Wind kann schon sehr nerven. Als Ersatz für Wind geht es jetzt flussaufwärts. Ganz leicht nur. Flussaufwärts in München ist anders als flussaufwärts in Bern. Dennoch schleichend und deswegen umso bösartiger. Die Kilometer 21 bis 28 sind schlagartig drogenbefreit. Die Realität holt mich ein. Ich will Marmeladebrötchen. Aus Weißmehl. Oder am besten erstmal einen Löffel Zucker oder zwei. Esslöffel. Der Mensch ist doch so gut konstruiert, warum macht man es sich absichtlich schwer? Statt Trinkgürtel mit Batterien von Wasser-Shots könnte ich doch ein paar Tütchen Zucker mitgenommen haben. Aber ich habe ja nichtmal Wasser-Shots dabei.

Es geht darum, ohne Kohlenhydrate zu laufen und auch Wasser ist Luxus, den ich mir nur im Wettkampf gönne. Aber zurück zu den Kohlenhydraten. LSD kann man nüchtern laufen. Ich zwinge meinen Körper, endlich zu lernen, Fett zur Enrgiegewinnung zu nehmen. Kohlenhydrate kann jeder. Fett ist fast unendlich vorhanden, die Verbrennung desselben erfordert halt etwas mehr Mühe. Also streng dich an! Verbrenn Fett, du Körper! Je besser man trainiert ist, desto früher fängt der Körper damit an, Fett als Treibstoff zu nehmen. Er hat gelernt, zu sparen. Manche kluge Menschen sagen, indem man dem Körper zusätzlich durch Nüchternläufe zusetzt, zwänge man ihn auch, den teuersten Treibstoff Eiweiß zu nutzen, der dann dem Immunsystem fehle. Ich denke, bei langsamem Tempo ist das Risiko nicht so groß. Und das Tempo ist zwangsläufig langsam.

Der letzte Anstieg aus dem Isartal ans Isarhochufer ist so steil, dass selbst mit Vollgas nur noch 6:30 min/km möglich ist. Die Atmung ist schnell wenn der Körper Fett verbrennt. Der Kilometer 29 ist ein schleppender Kampf. Es ist flach aber der Kopf und die Beine wollen nur noch am Frühstückstisch sitzen und essen. Es sind nun wirklich auch die letzten Glykogenspeicher im letzten Winkel des sich dahinschleppenden Organismus weg. Wie Vakuumbeutel warten sie auf die explosive Wiederfüllung durch schnell verwertbare Kohlenhydrate. Auch die Größe der Glykogenspeicher kann man trainieren. Angeblich.

Mir ist das egal. Vorbei. Duschen. ESSEN. Schon nach wenigen Minuten Nicht-Laufen ist alles wieder gut. LSD sei Dank. Long – Slow – Distance.

Kräftige Ausdauer

Kraftausdauer heißt der magische Begriff dafür, hohe Geschwindigkeit über einen langen Zeitraum aufrecht erhalten zu können. Und 42,195 Kilometer gelten gemeinhin als langer Zeitraum. Natürlich ist der Zeitraum bei höherem Tempo kleiner, deswegen ackert man Kilometer um Kilometer im geplanten Wettkampftempo oder auch mal in etwas schneller als Wettkampftempo und oft auch etwas langsamer, aber immer wesentlich kürzer.

Das Gute an diesen Einheiten ist, dass sie nicht so schnell wie Intervalle sind. Das Schlechte, dass sie meist länger dauern. Eine Kraftausdauereinheit sieht also so aus, dass man sich wie immer in langsamem Tempo einläuft. Ich laufe da lieber noch etwas langsamer, um die Tempoverschärfung so weit wie möglich hinauszuzögern. Man soll sich ja auch gut und langsam aufwärmen, den Bewegungsapparat und den Kreislauf auf die bevorstehende Belastung vorbereiten. Ich nehme das sehr ernst und lasse dem Körper und vor allem dem Geist nach den drei Kilometern im Schneckentempo dann gern noch etwas Zeit, um sich schlussendlich perfekt vorbereitet, mit vor Freude zuckenden Muskeln und frischem Geist in die Schnelligkeit zu werfen. Doch halt! War da nicht noch ein leichter Schmerz in der linken Wade? Ja, genau. Die Wade muss noch genauestens betrachtet werden. Ein bisschen dehnen … Das macht zwar kein Mensch mehr – aus gutem Grund, doch dazu später – vielleicht noch etwas hüpfen und ups, die Straße. Ganz da hinten kommt ja ein Auto. Das muss ich vorbei lassen. Ich kann ja nicht einfach in den Tod rennen. Größte Vorsicht ist geboten beim Überqueren der Straße. Wir erinnern uns, eine Verletzung kann das Aus bedeuten. Also warte ich lieber die 30 Sekunden auf das Auto, das kurz vorher links abbiegt und mir damit deutlich macht, dass es jetzt wirklich los gehen muss mit der Kraftausdauer.

Die tödliche Gefahr abgewendet stürze ich mich in die Geschwindigkeit. Meine Pulsuhr reagiert beim Anzeigen der Geschwindigkeit immer etwas träge. Das ist gut, denn so sehe ich immer einen weichgezeichneten Geschwindigkeitsdurchschnitt. Doch natürlich sollte irgendwann die gewünschte Geschwindigkeit einigermaßen konstant angezeigt werden. Und das kommt mir meist viel zu spät vor. Und wenn ich sie dann erreicht zu haben scheine, kommt sie mir viel zu schnell vor. Habe ich das Ding richtig kalibriert? Es kann doch nicht sein, dass ich nach 3 Minuten Tempo schon in Pulsbereichen bin, die ich tunlichst beim Marathon gar nicht erreichen sollte. Ah, da fällt es mir wieder ein. Ich habe mich ja selbst überlistet und die Uhr beim Kalibrieren etwas nachgestellt. Sie zeigt also einen Hauch weniger an als ich wirklich laufe. Aber so viel weniger? 15 Sekunden pro Kilometer? Nein, sie muss sich von alleine nochmals weiter zurück kalibriert haben. Oder vielleicht ist die Batterie langsam leer. Oder geht es bergauf? Berlin ist ja bekannt für seine legendären Höhenmeter. Man denke nur an den Prenzlauer Berg oder gar den Kreuzberg. Bei den ganzen Gedanken geht die Geschwindigkeit noch etwas runter und der Puls noch etwas rauf. Ich habe bereits die schnelle Atmung, die mich darauf hinweist, dass ich am anaeroben Bereich kratze. Die Kraftausdauer soll aber im aeroben Bereich gelaufen werden, sonst wären es ja harte Tempointervalle, die heute aber gar nicht dran sind.

Nach weiteren Minuten schaue ich auf die Uhr und merke, dass sich an den Parametern nicht viel geändert hat, auch an der Zeit und der Strecke nicht allzu viel. Irgendwann habe ich mir vorgenommen, das Tempo einrasten zu lassen und erst so spät wie möglich, also am besten 250 Meter nach Erreichen der Sollstrecke oder Sollzeit wieder auf die Uhr zu schauen. Aus psychologischen Gründen. Doch das klappt nicht. Okay, dann machen wir es anders: ich schätze immer die schon absolvierte Strecke oder Zeit, runde großzügig ab, schaue drauf und freue mich, dass es schon mehr ist, als gedacht. Das geht ganz gut. Mit dieser Methode überschätze ich mich meist nur leicht. Die dritte Methode ist, Herbert Steffny mental zu folgen. Der sagt, diese Einheiten sollen locker flott gerannt werden. Ich denke also an was ganz anderes und renne nebenher locker flott.

Es ist wie so oft. Oder eigentlich wie immer. Irgendwann ist es vorbei. 12 km im geplanten Marathontempo hört sich so an als ob es ja leicht zu schaffen sein müsste. Ist es eigentlich ja auch. Nur schlägt einem der Kopf da ein Schnippchen. Ich bin ja nur im Training, es ist ja noch nicht ernst, also kann ich ja etwas abschlaffen und außerdem ist das ganze Training ja so wahnsinnig anstrengend, es kann ja nicht immer gut laufen. Schlecht geschlafen habe ich auch und das Glas Wein am Vorabend haut auch rein. Und: Das Intervalltraining vom Dienstag sitzt mir noch in den Knochen. Klar, dass einem da der Freitag wehtut.

Vor allem trainiere ich also meine Psyche. Kraftausdauer heißt: Lang schnell laufen zu können ohne Pause. Es heißt auch, dem Schweinehund zu widerstehen. Der Körper kann das, es tut halt weh und deswegen meint der Schweinehund, er habe Oberwasser. Also Augen auf und durch. Augen auf die Bäume, die Mädels, das Wasser, die Gebäude, die Tiere nur nicht zu oft auf die Uhr. Das ist meist enttäuschend.

Aaaaaaaah.

70 Minuten Jogging. Was heißt das für den ambitionierten Marathonläufer? 14 km. Erholung. Kein glutrotes Gesicht. Kein Blutgeschmack im Mund. Ruhige Atmung. Lockeres Laufen. Keine Anstrengung. Schnell vorbei. Keine Schmerzen.

Als systematisch Trainierender gibt es verschiedene Elemente im Trainigsplan. Schnell, lang, zügig, locker, ruhig, langsam und Kombinationen aus allen. 70 Minuten Jogging heißt: Regeneration und Erhaltung. Egal, welche Trainingsphilosophie man verfolgt muss man für bestimmte Zielzeiten (um Zweifünfundvierzig geht es hier) bestimmte Umfänge laufen. In meinem Fall sind das im Schnitt 120 Kilometer pro Woche bei täglichem Training. Ich muss schon froh sein, dass nur einmal pro Tag reicht.

Die Elemente schnell, lang, zügig, locker, ruhig, langsam und Kombinationen aus allen werden sinnvoll kombiniert. So folgt auf hartes Training, dazu gehört schnell und auch lang, immer Regeneration. Irgendwie logisch, doch oft missachtet. Eines der am schwierigsten zu lernenden Dinge im systematischen Training ist für mich das langsame Laufen. Abgesehen davon, dass mich, auch wenn ich langsam laufe, nicht allzu viele andere Läufer überholen, muss ich mich, wenn es trotzdem mal jemand tut, nach wie vor zusammenreißen. Teilweise spreche ich dann mit mir und beruhige mich. Das hilft. Im Rennradsport sagt man: am Berg ist immer Wettkampf. Läufer sind da entspannter, ich tu dann inzwischen einfach so, als ob ich eine Regenerationseinheit absolviere.

Langsam ist wichtig, gerade im Marathontraining. Das ist schwer zu begreifen für mich. Viele reden vom Training der Fettverbrennung, die wichtig ist, wenn die Kohlenhydrate verbraucht sind. Das stimmt sicherlich. Aber die Power- und sonstigen Gels verhelfen einem ja zur Substitution der Kohlenhydrate im Wettkampf. Also ist es doch eher für die Regeneration, die psychische Entspannung, das Sammeln von Kilometern?

Das Problem ist, so als Laie hat man keinen Trainer, der einem das genau erklärt und keine Zeit, alles auszuprobieren. Ich kann nicht sagen: so, diesen Marathon laufe ich mal mit vorwiegend schnellen Trainingseinheiten und verzichte auf die vielen langen Läufe und schau mal, was passiert. Aber warum eigentlich nicht? Ich habe ja nichts zu verlieren im Gegensatz zu Profis, die von ihrer Leistung abhängig sind. Das ist dann der gaga-Faktor, der dem ambitionierten Laien vorgaukelt, das Erreichen der persönlichen Bestzeit sei wichtig und man dürfe auf keinen Fall etwas im Training verbocken. Also vertrau auf die, die es besser wissen und befolge den Plan.

Endlich Zweifünfundvierzig

Zum genau fünften Mal kämpfe ich an der magischen Zweifünfundvierzig. Das sind 165 Minuten. Minuten, die die Welt bedeuten. Für mich. 165 Minuten von denen jede ziemlich genau 256 Meter enthalten sollte. Es geht um eine Geschwindigkeit von 256 Metern pro Minute oder von 15,34 Kilometern pro Stunde. Nein, nicht auf dem Elektrofahrrad auch nicht auf dem Rennrad, sondern auf den Beinen. Es geht ums Laufen und zwar um die Königsdisziplin Marathonlauf.

Dieses Jahr werde ich meinen zehnten Marathon laufen. Den zehnten in Berlin. Meine Bestzeit liegt bei 2:47:56, aber das ist schon 4 Jahre her. Ich trainiere im Sommer und lasse es im Winter mehr oder weniger schleifen. Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb ich die Zeit nicht erreiche. Das Essen schmeckt zu gut, der Wein auch und nicht laufen macht einfach zu viel Spaß.

Ich will nicht von der Offenbarung berichten, zu der ich durch das Laufen gekommen bin. Auch kenne ich kein Runner’s High oder andere Hochgefühle. Das Laufen macht mich gesund und schlank, das Essen schmeckt besser und wenn man einen Lauf in der gewünschten Zeit geschafft hat, was selten genug passiert, freut man sich. Aber nein, ich brenne nicht darauf, loszulaufen und schon gar nicht darauf, acht mal tausend Meter in 3:30 mit 3 min Pause dazwischen bei 25 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 85% allein in einem Stadion zu laufen, um dessen Benutzungserlaubnis man beim Platzwart kämpfen muss.

Warum dann diese Lauferei? Ich weiß es nicht. Es geht um Leistung, darum, es trotz 45 Jahren auf dem Buckel nochmals zu bringen. Alter tut weh, beim Laufen und auch sonst. Je älter man wird, desto mehr muss man trainieren, desto länger dauert die Regeneration und desto langsamer wird man. Das ist fürchterlich. Also lass es doch! Nein, ich lasse es nicht. Dieses Jahr werde ich es schaffen. 2:45:59 ist okay, 2:46:00 nicht.

Ich trainiere also jahrelang für zwei oder drei Minuten. Zwei oder drei Minuten trennen völlige Enttäuschung von himmelhochjauchzendem Glück. Das ist – nüchtern betrachtet – ein bisschen gaga. Jeder Bestzeitenjäger wird mich dennoch voll und ganz verstehen. Huch, da hab ich es ja geschrieben: himmelhochjauchzendes Glück. Ist es also das, was mich antreibt? Die Sehnsucht nach diesem Glück, das selbstgesteckte Ziel erreicht zu haben? Das Gefühl, ja, ich hab’s geschafft?

Oder ist es das Gefühl, dass die Freunde mitgehen, zuschauen, anfeuern, mitleiden, mitfiebern? Es ist ein tolles Gefühl, unter den Anfeuerungsrufen der eine Million Zuschauer zu laufen. Da ruft immer mal wieder einer meinen Namen, weil er auf der Startnummer steht. Und es ist zweifelsohne toll, den Kilometer 42 unter dem Brandenburger Tor zu passieren. Aber davor gibt es einfach so viel Leid und Schmerz und Wut und Zweifel und Hinschmeißenwollen. Wiegt es das Gefühl am Kilometer 42-Schild auf? Vielleicht.

Die ganze Strecke ist penibel durchgeplant, etwa 60g Kohlenhydrate pro Stunde in Form von Gels muss ich aufnehmen. Die werden mir aufgelöst in zur Hälfte gefüllten Plastikfläschchen gereicht, immer an genau ausgemachten Stellen, in Laufrichtung rechts. Nicht zu voll darf es da sein und keinesfalls in der Nähe von den allgemeinen Verpflegungspunkten. Rennlogistik nennt man das. Man ist abhängig von der Zuverlässigkeit der Darreicher und zutiefst dankbar, dass man sich auf sie verlassen kann.

Ich berichte vom Ziel der Ziele, dem Marathon-Wettkampf. Und ich berichte von den knapp 100 Prozent der Vor-Marathon-Wettkampf-Zeit, dem Training und den „untergeordneten“ Trainings- und Testwettkämpfen. Alles vor dem 27. September ist unwichtig und gleichzeitig unabdingbar für den Erfolg am 27. September 2015. Alles, wirklich alles ordnet sich diesem Datum und der Vorbereitung darauf unter. Es lastet ein ungeheurer Druck auf genau diesem Termin. Werde ich krank, verletze ich mich oder passiert sonst etwas, ist es gelaufen. Aus und vorbei, alles umsonst.