Die Farbe des Schweinehundes

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Heute war wieder so ein Tag. Der Schweinehund, das Schwein! Immer arbeitet er gegen mich. Er verhindert, dass ich am Ende des Wettkampfes nochmal alles raushole. Aua, das tut so weh, außerdem hat er mir den Berg vor die Nase gestellt und den Wind auch. Und dann führt er auch noch die Läufer neben mich, die entspannt noch eine gute Runde dranhängen. Im gleichen Tempo natürlich. In dem Tempo, das mich keuchend die letzten 400 Meter genießen lässt. Endlich vorbei. Kurze Erleichterung, Ablehnen der Medaille, alkoholfreies Bier, Wasser, Banane. Immer das gleiche Ritual. Der Blick auf die Uhr lässt mich fluchen. Es kommt die Phase der Erklärungen. Muskelfaserriss, Trainingspause, Radtour, Alter, Ernährung. Ach und natürlich der Schweinehund. Der Böse. Den muss man bekämpfen und vertreiben. Er darf einen nie wieder am Erreichen der persönlichen Bestzeit oder im heutigen Fall am Erreichen einer einigermaßen wenig unerträglichen Zeit hindern.

Da habe ich den Verantwortlichen. Er ist es und kein anderer. Er muss weg. Ein für alle mal. Aufgrund meiner Erfahrung als Hundehalter, müsste ich eigentlich wissen, dass der nicht so einfach geht. Er gehorcht leider nicht. Schlecht erzogen. Gewohnheitsrecht. Penetranz. Was mache ich nur mit ihm?

Ein guter Freund kam, wie die Jungfrau zum Kind, zu einem Buch über Mentaltraining im Sport. Das ist natürlich ein alter Hut, für mich allerdings ein Hut, den ich bisher immer schön auf der Ablage liegen ließ. Mentaltraining und Leistungssport. Pah. Man muss laufen, bis man Blut schmeckt, mit Kraft, manchmal Gewalt und eben immer genau so schnell, wie man trainiert hat. Der Geist hat gefälligst zu ruhen, bis man fertig ist.

Stell dir doch mal vor, der Schweinehund wäre dein Partner.

Ja der, der mir Berge, Wind, schnellere Läufer und Kilometerschilder mit weit weniger drauf als erwartet vor die Nase stellt. Das ist mein Partner, genau.

Und dann stell ihn dir mal in einer anderen Farbe vor.

Rosa oder was? Ein rosa Schweinehund, der fies grinst und sich tierisch freut, wenn er mir wieder was Teuflisches servieren kann. Super Idee. Sehr partnerschaftlich. Und wahnsinnig farbig.

Ein wolfsgraues, sabberndes, krummes, hüftdysplastisches, schlurfendes Wesen mit schielendem Blick, der leider trotzdem genauso schnell ist wie ich. Ein unansehnliches Biest, das man nicht von den Hacken schütteln kann und das sich teilweise in den Waden festbeißt. Ein wirklich bunter Partner.

Das ist doch Esoterik. Hier geht es um Leistung, die durch Schweiß und Blut erarbeitet ist. Blumig bunte Gedanken kann man sich woanders machen. In der Badewanne, beim Picknick am See oder im Kino.

Vielleicht probiere ich es aber doch mal. Der Blick auf das oben beschriebene Biest ist ja nicht gerade schön. Und – Nachtigall ick hör dir trappsen – der ist ja gar nicht wirklich da. Also ist er ja auch irgendwie esoterisch, zumindest ätherisch. Dann sollte ich ihn mir vielleicht doch langsam mal etwas umbauen. Er muss ja nicht gleich ein Partner werden. Aber ich kann ihn mir ja zumindest mal etwas schöner denken. Beige. Klarer Blick. Graziler Gang. Nicht an den Hacken. Nicht in der Wade. Stupsend.

Aber mit hängender Zunge! Das muss schon sein.

Das ist doch gleich viel besser. Ich freue mich schon fast darauf, ihn bald wieder zu sehen. Ich habe ihm noch gar keinen Namen gegeben, fällt mir ein. Ich nenne ihn ab sofort: Placebo.

 

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