Endlich Zweifünfundvierzig

Zum genau fünften Mal kämpfe ich an der magischen Zweifünfundvierzig. Das sind 165 Minuten. Minuten, die die Welt bedeuten. Für mich. 165 Minuten von denen jede ziemlich genau 256 Meter enthalten sollte. Es geht um eine Geschwindigkeit von 256 Metern pro Minute oder von 15,34 Kilometern pro Stunde. Nein, nicht auf dem Elektrofahrrad auch nicht auf dem Rennrad, sondern auf den Beinen. Es geht ums Laufen und zwar um die Königsdisziplin Marathonlauf.

Dieses Jahr werde ich meinen zehnten Marathon laufen. Den zehnten in Berlin. Meine Bestzeit liegt bei 2:47:56, aber das ist schon 4 Jahre her. Ich trainiere im Sommer und lasse es im Winter mehr oder weniger schleifen. Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb ich die Zeit nicht erreiche. Das Essen schmeckt zu gut, der Wein auch und nicht laufen macht einfach zu viel Spaß.

Ich will nicht von der Offenbarung berichten, zu der ich durch das Laufen gekommen bin. Auch kenne ich kein Runner’s High oder andere Hochgefühle. Das Laufen macht mich gesund und schlank, das Essen schmeckt besser und wenn man einen Lauf in der gewünschten Zeit geschafft hat, was selten genug passiert, freut man sich. Aber nein, ich brenne nicht darauf, loszulaufen und schon gar nicht darauf, acht mal tausend Meter in 3:30 mit 3 min Pause dazwischen bei 25 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 85% allein in einem Stadion zu laufen, um dessen Benutzungserlaubnis man beim Platzwart kämpfen muss.

Warum dann diese Lauferei? Ich weiß es nicht. Es geht um Leistung, darum, es trotz 45 Jahren auf dem Buckel nochmals zu bringen. Alter tut weh, beim Laufen und auch sonst. Je älter man wird, desto mehr muss man trainieren, desto länger dauert die Regeneration und desto langsamer wird man. Das ist fürchterlich. Also lass es doch! Nein, ich lasse es nicht. Dieses Jahr werde ich es schaffen. 2:45:59 ist okay, 2:46:00 nicht.

Ich trainiere also jahrelang für zwei oder drei Minuten. Zwei oder drei Minuten trennen völlige Enttäuschung von himmelhochjauchzendem Glück. Das ist – nüchtern betrachtet – ein bisschen gaga. Jeder Bestzeitenjäger wird mich dennoch voll und ganz verstehen. Huch, da hab ich es ja geschrieben: himmelhochjauchzendes Glück. Ist es also das, was mich antreibt? Die Sehnsucht nach diesem Glück, das selbstgesteckte Ziel erreicht zu haben? Das Gefühl, ja, ich hab’s geschafft?

Oder ist es das Gefühl, dass die Freunde mitgehen, zuschauen, anfeuern, mitleiden, mitfiebern? Es ist ein tolles Gefühl, unter den Anfeuerungsrufen der eine Million Zuschauer zu laufen. Da ruft immer mal wieder einer meinen Namen, weil er auf der Startnummer steht. Und es ist zweifelsohne toll, den Kilometer 42 unter dem Brandenburger Tor zu passieren. Aber davor gibt es einfach so viel Leid und Schmerz und Wut und Zweifel und Hinschmeißenwollen. Wiegt es das Gefühl am Kilometer 42-Schild auf? Vielleicht.

Die ganze Strecke ist penibel durchgeplant, etwa 60g Kohlenhydrate pro Stunde in Form von Gels muss ich aufnehmen. Die werden mir aufgelöst in zur Hälfte gefüllten Plastikfläschchen gereicht, immer an genau ausgemachten Stellen, in Laufrichtung rechts. Nicht zu voll darf es da sein und keinesfalls in der Nähe von den allgemeinen Verpflegungspunkten. Rennlogistik nennt man das. Man ist abhängig von der Zuverlässigkeit der Darreicher und zutiefst dankbar, dass man sich auf sie verlassen kann.

Ich berichte vom Ziel der Ziele, dem Marathon-Wettkampf. Und ich berichte von den knapp 100 Prozent der Vor-Marathon-Wettkampf-Zeit, dem Training und den „untergeordneten“ Trainings- und Testwettkämpfen. Alles vor dem 27. September ist unwichtig und gleichzeitig unabdingbar für den Erfolg am 27. September 2015. Alles, wirklich alles ordnet sich diesem Datum und der Vorbereitung darauf unter. Es lastet ein ungeheurer Druck auf genau diesem Termin. Werde ich krank, verletze ich mich oder passiert sonst etwas, ist es gelaufen. Aus und vorbei, alles umsonst.

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