Gastkommentar

Ich bin nicht allein. Es gibt noch andere, denen eine Nebensache sehr wichtig ist. Zumindest für drei Monate im Jahr. Aus einer Ich-melde-mich-mal-an-und-dann-schauen-wir mal-Laune wird schnell harte Realität. Zwei Wochen und neunundneunzig Euro später hat man die Gewissheit: Der Sommer ist vorbei noch bevor der Winter angefangen hat. Blut und  Wasser werden die Tartan-Bahnen dieser Republik entlang fließen, Schweiß wird auf den Land-Laufwettbewerbsstrecken der Sommer-Sonntage tropfen und Flüche werden durch einsame Laufwälder hallen. Und manche dürfen sogar schon den Asphalt der Tag-X-Strecke schmecken.

Der wilde Eber gehört zu den legendären Orten des Berlin-Marathons. Mein Gast durfte ihn gestern schon mal anlaufen. Ein verschobener Halbmarathon als Vorbereitungswettkampf für den Tag X war es, Platz acht in der Altersgruppe das sensationelle Ergebnis. Herr Ehrgeiz ist da. Herr Leistung und Herr Fleiß. Die drei haben den Herrn Psyche gezwungen, sich ebenfalls am Erfolg zu beteiligen. Zusammen bilden sie das Quartett „Schluss mit Lustig“.

Ja, ein Halbmarathon tut weh. Sehr weh. Er ist ein völlig anderes Rennen. Er ist genauso wenig die Hälfte eines Marathons, wie der Marathon das Doppelte eines Halbmarathons ist. Ein Halbmarathon ist ein Halbmarathon und ein Marathon ist ein Marathon. Oft gehört vor solchen Unterdistanzen ist der Schlachtruf: „Ach, nur ein Halbmarathon! Das schaffst du doch locker.“ Ja, genau. Natürlich schaffe ich das. Aber geht es ums Schaffen? Natürlich nicht. Es geht um Blut und Wasser. Es geht um alles. Es geht um das Tempo. Immer. Auch Usain ist platt, nachdem er Gold auf 100 Metern erlaufen hat. Und da sagt ja auch keiner: „Ach nur 100 Meter! Usi, alte Hütte, schaffste doch locker.“

Es geht immer darum, schon vorher zu wissen, was die Zielzeit ist, um den ersten Kilometer zu langsam laufen zu können. Im Gegensatz zu den Rennen bis 400 Meter, bei denen das Credo „Sofort-Voll-Stoff-bis ins Ziel“ ist, muss man ab 800 Meter-Läufen eine Rennstrategie haben. (Hier bitte ich alle Kurzstrecken-Profis um Nachsicht, die dramaturgische Verkürzung hat hier Vorrang).

Will also heißen, man muss seine Leistung genau kennen, um sofort das richtige Tempo zu laufen. Das ist natürlich etwas langweilig, denn je besser man auf den Punkt trainiert ist, desto genauer kennt man sein Ergebnis schon vor dem Lauf. Bei den Vorbereitungswettkämpfen kann man das noch ein bisschen üben oder man sagt sich einfach: Heute laufe ich genau 3:46 Minuten pro Kilometer durch, obwohl man eigentlich 3:44 schaffen würde. Mit Blut und Wasser.

Mein Gast hat gestern geübt. Als alter Besserwisser und gönnerhafter Pseudotrainer schrieb ich ihm noch das Allerweltsgeschwätz: „Lauf langsam los, Lauf zu langsam los. Alle schnellen Läufe werden zu langsam begonnen.“ Er hat mir den Gefallen getan und das Allerweltsgeschwätz ein weiteres Mal bestätigt. Der erste Kilometer 12 Sekunden langsamer als der Durchschnitt aller Kilometer. Das ist eine andere Welt. Kilometer eins hat mit dem Rennen nichts zu tun. Er bringt den Körper langsam auf Touren. Hier schau mal, das ganze Fett, unerschöpfliche Energie, das kannst du nehmen. Nimm das erstmal. Dann, wenn es schneller wird und schwerer, so ab Kilometer drei, dann kannst du auch mal ein paar Kohlenhydrate haben und so bei Kilometer 17 kriegste neben den Kohlenhydraten auch noch ein paar Eiweiße. Ach was, nimm dir einfach alles was du willst und brauchst.

Mein Gast hat gut geübt. Er ist jeden Kilometer im Durchschnitt sieben Sekunden schneller gelaufen als geplant. Das ist eine gewaltige Dimension. Die Geister, die ich rief. Hier bin ich Läufer, hier muss ich es sein. Er merkte natürlich, dass er zu schnell ist, aber nein, er wurde nicht langsamer. Und das ist dann doch eine Überraschung. Nicht das Blut und auch nicht das Wasser, nicht die Höllenqualen und nicht der Schweinehund, sondern die Fähigkeit, ein nicht für möglich gehaltenes Tempo doch durchzuhalten. Bis zum Ziel. Beim Wettkampf geht das. Und nur da. Deswegen. Lieber Gast. Glückwunsch zu dieser Leistung. Ich ziehe den Hut und bin froh, dass ich keinen Halbmarathon laufen muss.

Nebenbei habe ich gestern selbst einen Wettkampf provoziert. Eine Freundin fand keinen exakt passenden 10 Kilometer-Lauf, deswegen habe ich die ersten 46 Minuten meines LSD-Laufs (das „S“ heißt slow) zu schnell absolviert. Und auch die Freundin ist endlich mal so schnell gelaufen, dass heute ein leichtes Ziehen im Oberschenkel zu spüren ist. Ich muss mal ein bisschen langsamer laufen, sagte sie bei Kilometer sechs. Nein, das musst du nicht, wusste ich genau. Lauf, du Sau! 4:35 Minuten pro Kilometer sind 13 Sekunden schneller als das Soll. Das ist auch eine Dimension. Sie ist das Lächeln beim Zieleinlauf am Brandenburger Tor.

Meine Gäste haben gestern beide gesiegt. Zeitgleich mit dem olympischen Marathon in Rio. Ich bin stolz auf euch.

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