Halskratzen

Eigentlich ist das ja nix Neues. Immer irgendwann im Marathontraining wird man kränklich. Also ich jedenfalls. Meistens um den Wettkampftag herum. Manchmal nach dem Wettkampf (scheißegal!), drei Wochen vorher (okay!), zwei Wochen vorher (na ja!) oder am Tag vorher (Katastrophe!). Ich weiß nicht, ob es eine Vorbereitungsphase gab ohne lästiges Infektchen. Und nein, ich meine keinen fiebrigen Infekt, der bedeutet zur rechten Zeit das sichere Aus, nein, ich meine den Männerschnupfen, die psychologische Entzündung der Nase, des Halses oder der Lungen.

Man erwacht nachts schwitzend, hat morgens ein Kratzen im Hals, fühlt sich schwach, so schwach, so erbärmlich schwach. War da nicht auch ein Husten? Und warum juckt die Nase innen? Und die Stirn ist auch schon ganz heiß vor lauter Aufregung. Nein vor Panik. Panikfieber. Ich werde sofort Antibiotika, Ibuprofen, Codein und Kortison nehmen. Es gibt nichts Schlimmeres in meiner Marathonwelt, als mich jetzt zu erkälten oder zu verletzen. Nichts, gar nichts. Und deswegen kratzt jetzt der Hals. Er will mir nur sagen, schau Kleiner, ich kratz doch nur ein bisschen. Das hält dich von gar nichts ab. Nicht vom Training, nicht vom Schlafen, nicht vom Wettbewerbserfolg. Ich will dir nur zeigen, dass ich noch da bin, dass du noch was merkst und dass ich dann nach dem Wettkampf aber wirklich etwas mehr Beachtung verdiene. In Vertretung des ganzen Körpers kratze ich an deiner Tür und sage: „Wir unterstützen dich noch bis genau Sonntag in einer Woche, dann sind wir dran.“

Das verstehe ich. Natürlich habe ich mir immer Mühe gegeben, den Hals und den Kopf und den Bauch und die Beine und alles mit möglichst wenig Gift zu belasten. Kein Alkohol, keine Zigarren, kein Zucker, nur gutes Essen, viel Ruhe. Aber das tägliche Training mit etwa 120 Kilometern pro Woche in teils ungesundem Tempo ist schon auch giftig. Ich verspreche es hoch und heilig. Nach dem 27. September gibt es viele Tage ohne Training. Dazwischen gibt es Tage, an denen ich einfach 60 Minuten locker jogge. Echt. Das mache ich. Indianerehrenwort. Und Fahrradfahren. Das ist doch auch nett für die Gelenke. Balsam für den geschundenen Körper. Und psssst: mir macht das auch manchmal viel mehr Spaß als Laufen … Also Deal. Hals kratz, ich habe verstanden.

Am Sonntag fiel mir wieder keine richtige Ausrede ein, warum ich 14 Sekunden zu langsam war. Jetzt habe ich sie gefunden: Ich wollte meinen Körper schonen. Und deswegen kratzt der Hals nur ein bisschen. Aber morgen lieber Hals, morgen müsste ich nochmal kurz. Es ist echt wichtig. So 10 Tage vorm Marathon. Da muss man nochmal richtig hart ran. 1,2,3,2,1 km in 3:30, 7:00, 10:30, 7:00, 3:30 min. Aua. Ich würde es doch auch lieber lassen, aber ich muss. Hab ein Erbarmen. Ich verspreche dir viele lauffreie Tage. Mein Schweinehund verbürgt sich dafür.

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