Mammut

Haruki Murakami beschreibt in seinem Buch „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ ein Loch, das er erlebt hat, nachdem er im Norden von Japan einen 100km-Lauf gemacht hat. Die Lust am Laufen ist völlig verschwunden. Der Sinn daran erschließt sich ihm nicht mehr.
Das Gefühl kennt man als Läufer. Man läuft ein Jahr lang, auch ein paar Jahre oder auch ein paar Jahrzehnte, dann kommen große Ziele in Form von Wettkämpfen. Auf diese hat man sich akkurat vorbereitet, man hat sie absolviert, ein Hochgefühl erlebt und schlafft danach ab. Körperlich und psychisch. Totale Regeneration. Und nicht nur das. Auch verschwindet die Präsenz des Laufens. Fast kommt die Aufgabe des Hobbys in den Möglichkeitsraum. Von 100 auf Null in drei Wochen.
Der Körper folgt der Psyche in beeindruckender Weise. Wenn man vor drei Wochen noch einen Laufindex von über 70 angezeigt bekam muss man jetzt froh sein, wenn die Uhr noch 60 hergibt. Um von 60 auf 70 zu kommen, braucht man ein halbes Jahr, um von 70 auf 60 zu kommen reichen zweieinhalb Wochen. Der Körper ist ein Wunder und ein Arschloch. Das muss man mal ganz klar benennen.
Welchen Grund gibt es, dass die Muskeln derart schnell degenerieren? Kann mir das mal einer erklären? Warum dauert es jahrelang, um Muskeln aufzubauen und nur tagelang um sie wieder abzubauen?
Wenn der Steinzeitmensch dem Mammut hinterherrennt und dann satt ist, kann er nicht mehr rennen. Er liegt in der Höhle rum und verdaut. Währenddessen bauen seine Muskeln ab und wenn er wieder Hunger hat, kann er keinen Mammuts mehr folgen. Ergibt das Sinn? Wenn man denkt, dass Teufelskreise für das Überleben wichtig sind, dann ja.
Im Großen und Ganzen setzt hier das Hochintensitätstraining an. Rumliegen und dann explosionsartig dem Mammut hinterherrennen. Unregelmäßig. Mammut kommt, Mensch rennt. Mammut kommt nicht, Mensch liegt.
Im Moment kommt kein Mammut. Deswegen liegt der Läufer. Auch seine Psyche liegt. Dunkel, kalt, nass. Laufen schwindet aus dem Bewusstsein. Das zuzulassen kann gut sein. Nur muss man den Absprung finden. Wir alle haben es zigfach bewiesen. Bäuchlein im März heißt nicht, dass im Herbst nicht das Mammut erlegt werden kann. Die Explosion muss kommen. Auch im Winter ab und zu. Sonst gibt man dem Teufel zu viel Spielraum beim Erbauen seines Kreises.
Noch habe ich etwas Mammut im Kühlschrank. Aber das wird bald alle sein. Und dann muss ich wieder hinterher. Hinter welchem auch immer.

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