Schnell – langsam – schnell

Morsezeichen? Sonatenhauptsatzform? SOS? Also immer, wenn ich das sehe, wird mir schwarz vor dem inneren Auge, wenn ich es mache auch gelegentlich vor dem äußeren. Es geht um Intervalle. Intervalltraining. Um genau zu sein ist es eher so: langsam – schnell – langsam – schnell – langsam – schnell –langsam – schnell … – langsam – fertig. Das beste daran ist: fertig! Alles davor ist meist grausam. Außer das erste Langsam. Das zögere ich nach bewährter Manier gern so weit wie möglich hinaus.

Es geht beim Intervalltraining darum, Geschwindigkeit zu trainieren, Bewegungsabläufe zu optimieren, die anaerobe Schwelle nach oben zu setzen, den Puls zu verlangsamen und zu leiden. Man könnte meinen, 12 mal 400 Meter schafft man. Vor allem, wenn man immer eine Minute Pause dazwischen hat. Das Blöde ist nur, ich muss diese 400 Meter ganz schön schnell rennen. Und wenn man schonmal versucht hat, einen 400 Meter Läufer zu interviewen, hat man sicherlich gemerkt, dass man da mal besser 4 bis 5 Minuten nach dem Zieleinlauf wartet. Zumindest, wenn man Antworten haben möchte.

Dadurch, dass man da so schnell läuft, verbraucht man mehr Sauerstoff als man einatmen kann. Man zwingt die Muskeln also mit zu wenig Sauerstoff auszukommen. Ich merke das an sehr schneller Atmung, brennenden Muskeln und schnell langsamer werdendem Tempo. Diese extreme Muskelbelastung kann man nur 400 m durchhalten danach ist es vorbei. Dann hat der Körper einen Milchsäureüberschuss, der abgeatmet werden muss und eine Sauerstoffschuld, die nachgeatmet werden muss. Deshalb ist es ratsam, mit 400 Meter Läufern erst nach einer gewissen Zeit zu reden.

Marathonläufer können direkt im Ziel fröhlich parlieren. Das ist komisch. Aber leicht zu erklären. 400 Meter läuft man anaerob, einen Marathon tunlichst ausschließlich im aeroben Bereich. Es sei denn, man will bei KM 3 eh aussteigen, dann kann man am Anfang natürlich Gas geben wie ein 400 Meter Läufer. Macht sicher was her, 500 Meter mit den Top-Athleten mitzulaufen und dann keuchend aufzugeben. Das werde ich irgendwann mal probieren. Ich erzähle dann, wie es war.

Der erste Kilometer beim Marathon ist ja wirklich extrem wichtig. Man muss da sein Tempo finden. Nein, man muss sein Tempo haben, von der Startlinie an. Und zwar am besten auf die Sekunde genau. 3 Minuten 55 Sekunden pro Kilometer. Nicht 3:56 und auch nicht 3:54. Es ist erstaunlich, dass man dazu eigentlich in der Lage ist. Man ist auch mit zuverlässiger Regelmäßigkeit nicht dazu in der Lage. Vor allem bei dem Lauf der Läufe versagt oft die Vernunft, die Disziplin und das Wissen. 3:45 den ersten Kilometer. Super. Schon 10 Sekunden gewonnen. Weiter so. Bei dieser Pace ist allerdings bei Kilometer 21 Schluss.

Der erste Kilometer kann alles kaputt machen. Muss es aber nicht. Ich hatte schon 3:35 am ersten Kilometerschild und habe trotzdem nach der Besinnung die restlichen 41, 196 Kilometer in einer vernünftigen Zeit absolviert. Aber das kann auch sehr schief gehen. Deshalb trainiere ich Tempo und das Hochstellen der anaeroben Schwelle. Denn je höher diese Schwelle ist, desto schneller kann ich den Marathon laufen.

Intervalle. Das sind die bis zu zweimal pro Woche auftretenden Terroreinheiten. 12 mal 400 Meter, 8 mal 1.000 Meter, 5 mal 2.000 Meter, 35 mal 200 Meter, 3 mal 5.000 Meter und so weiter. Intervalle macht man auf der Laufbahn. Auf der mit dem roten Gummibelag und den Linien drauf. Die sind manchmal offen, meistens jedoch zu und mit einem Wärter oder einer Wärterin angereichert. Mit diesen sollte man sich gutstellen. Natürlich könnte ich rüberklettern, aber einmal entdeckt und vertrieben wäre es das für immer. Ich gehe zum Wärter hin, erkläre meine Not und frage. Zumeist klappt das, es sei denn, es sind Bundesjugend- oder Fußballspiele.

Ein Päckchen Kaffee oder zwei stützen die langjährige Freundschaft. Das respektvolle Befolgen der gelegentlichen Verweigerung aus fadenscheinigen Gründen ohne Diskussion ebenfalls. Die Beziehungen zwischen Wärter und Sportler sind zarte Pflänzchen, die bei nachlässiger Pflege schnell verwelken. Bei unverwelkter Liebe öffnet sich zumeist das Tor wie von Geisterhand und macht den Weg frei für den Gladiator. Unter Geschrei der fanatischen Fans begibt er sich gut aufgewärmt auf die Bahn, stellt seine Uhr auf null und rennt los.

Das erste Intervall und … geht doch! Dann die sogenannte Trabpause. Wohlverdient und viel zu kurz. Je kürzer die Intervalle, desto kürzer auch die wohlverdienten Pausen. Bei 400 Metern etwa eine Minute, bei 2.000 Metern vielleicht so 4 bis 6 Minuten, bei 5.000 Metern 10 Minuten. Je länger die Intervalle, desto langsamer das Tempo und desto länger die Pausen. 12 mal 400 Meter in 80 Sekunden mit je einer Minute Trabpause dazwischen sind also härter, als 3 mal 5.000 Meter im Marathontempo mit 10 Minuten dazwischen.

Blutgeschmack im Mund hatte ich, als ich angefangen habe, zwanghaft zu trainieren. Mit zunehmendem Alter und gewonnener Erfahrung lies das irgendwann nach. Dieses Gefühl, zu ersticken blieb bis heute. Anaerob, also ohne Luft. Es gibt Verrückte, die eine Atembehinderungsmaske aufsetzen, um zu laufen. Sie simulieren also Sauerstoffmangel oder Höhentraining unter Inkaufnahme von Erstickungsgefühlen. Mir reicht es, wenn ich beim elften von zwölf 400 Meter Intervallen bei 29 Grad und 85% Luftfeuchtigkeit bin und selbst mit größtem Willen das Tempo nicht recht halten kann.

Ich frage mich, warum meine kreischenden Fans auf der Tribüne plötzlich alle verschwunden sind. Vermutlich wollten sie das Gekeuche nicht weiter mitanhören. Oder ging ihnen mein glutrotes Gesicht auf die Nerven? Oder haben sie den Schwindel bemerkt, dass ich gegen Ende der Intervalle immer langsamer werde? Wie dem auch sei. Auch diese Terroreinheit ist irgendwann vorbei. Es bleibt die Erleichterung, die Hoffnung auf keinen Muskelkater und die Freude über einen Ruhepuls von 42. Aber erst in 48 Stunden wieder.

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