Urlaubsvertretung

„Vielen Dank für Ihre Nachricht, ich bin im Urlaub und laufe dort.“ Trainingspläne haben einen Nachteil: sie gewähren mir keinen tarifbedingten Urlaub. Rücksichtslos oktroyieren sie mir tägliches Training. Aber das zyklische Training beinhaltet auch Regenerationswochen. 3 Wochen immer mehr und dann ein Woche Erholungstraining. Also lege man den Urlaub in die Regenerationswoche. 60 Minuten ruhiger Dauerlauf, 55 Minuten zügiger Dauerlauf, 55 min ruhiger Dauerlauf und – fast vergessen – viermal 2.000 m im 10.000 Meter Tempo. Das etwas andere Bergfest in der Mitte des Urlaubs.

Ich suche mir also ein Stadion mit Tartanbahn und los geht’s. In Süditalien. Gibt besser zu findende Sachen dort. Zum Beispiel Kiesstrände, unsäglich steile Straßen, Bars mit Meerblick und Prosecco für einen Euro. Aber Stadien mit genormten 400 Meter Bahnen suche ich vergeblich. Also muss was anderes her. Ich mache aus der Not eine Tugend und entscheide mich für Bergauf-Intervalle nach Zeit. Viermal sieben Minuten die Passstraße hoch rennen bei 30 Grad und 85 Prozent Luftfeuchtigkeit. Es ist Anfang August, 200 Kilometer südlich von Neapel.

Nach allen vier der sieben Minuten Einheiten jogge ich wieder für drei Minuten runter. Das Tempo bergauf ist etwa das eines sehr ruhigen Regenerationslaufs in der Ebene, der Puls lässt ein schnelleres Tempo vermuten. 180 Schläge pro Minute und mehr zeigen mir, dass bergauf doch recht anstrengend sein kann. Oben angekommen bin ich noch mitten im letzten Intervall und muss noch mit glutroter Birne und keuchend an den vor Entspannung und Ruhe strotzenden, Prosecco-trinkenden Männern der Dorfbar vorbeirasen.

Entweder sie denken sich ihren Teil oder die Unterhaltung über das Dorffest am Vorabend ist wesentlich wichtiger und ich erliege wieder der Vermutung, das, was ich tue, sei von Interesse für andere. Das Verlassen des Dorfes und des letzten Intervalls wurde mit einem letzten knackigen Anstieg gekrönt. Irgendwie sparen die Italiener an Kurven und lassen die Straße lieber einfach geradeaus den Berg hoch verlaufen.

Die Arbeitseinheit des Urlaubs ist vorbei, ich trabe aus und erlebe einen dieser Momente, in denen mir irgendjemand zeigen will, warum ich das alles mache. Kaiserwetter, leicht abschüssige Straße ohne Verkehr und Blick aufs Meer. Vergessen ist das Bergaufgekeuche, das Aufhörenwollen, der Zwang des rücksichtslosen Trainingsplanes. Es ist purer Genuss. Runner’s High. Aber nur, weil ich hoch oben laufe. Oben über dem Meer und oben auf der Genugtuung, selbst im Urlaub das große Ziel nicht aus den Augen verloren zu haben.

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