Laufen für andere

Nach dem Zieleinlauf am 27. September 2015, also ziemlich lange nach dem Zieleinlauf, habe ich den 3:00 Stunden Pacemaker getroffen und ihn gefragt, wie man das wird. Ein Pacemaker ist ein Tempomat. Man stellt ihn auf eine Pace ein und die hält er. Bis zum Ziel. Bei den großen Marathons haben die Veranstalter es eingerichtet, dass bei 3:00 Stunden, 3:15 Stunden, und so weiter bis vielleicht 4:30 Stunden Zielzeit Menschen laufen, die das schonmal gemacht haben und eigentlich mindestens eine halbe Stunde schneller als die vorzugebende Zeit laufen können sollten. Bei dem 3:00 Stunden Pacemaker ergibt sich da schon eine recht flotte Runde. Diese Pacemaker haben oft das Glück, den ganzen Lauf mit einem Ballon laufen zu dürfen, auf dem die Zeit steht, die sie eigentlich laufen sollten. So wird derjenige auch schnell entlarvt, der stark abweicht. Und das kommt wohl auch öfter vor. Gerade in Berlin taumeln da häufiger Ballons in Luft, die deutlich abweicht von dem, was draufsteht.

Zweifelsohne ist das eine große Leistung, einen Marathon in einer fest vorgegebenen Geschwindigkeit zu laufen, auf 100 Fragen von Mitläufern zu antworten und auch noch auf sich selbst zu achten. Ein Marathon ist kein Spaziergang, auch nicht, wenn man ihn 30 Minuten langsamer läuft, als man könnte. Viele Läufer verlassen sich auf den Pacemaker. Wenn man diese Aufgabe übernimmt, sollte man das nicht leichtfertig tun. Irgendwann ist immer das erste Mal, aber muss das bei einem so wichtigen Wettkampf wie einem Marathon sein?

Ich möchte das mal machen. Bei einem Marathon. Vor allem auch deshalb, weil man dann die Teilnahmegebühr spart. Und deswegen habe ich das am Wochenende mal geübt. Mitten auf dem Land gab es einen 15,3 km Lauf durch den Wald. Man hätte auch 27 km laufen können, aber das war mir viel zu weit. Ich laufe ja nur noch zum Spaß. Und ab Kilometer 8 hört der Spaß auf. Und die Freundin, deren Hase ich sein sollte, wollte auch nicht länger. Wir haben uns also geeinigt, dass sie läuft und ich alles für sie mache. Vor allem die Geschwindigkeit vorgeben und halten, aber auch ein Power-Gel bereithalten und Wasser reichen. Hasen werden die Privat-Pacemaker genannt. Also die, die nur für einen Tempo machen. Die kenianische Elite hat oft eine ganze Gruppe von Hasen, die alle zu festgelegten Kilometern aussteigen. In seltenen Fällen sind die Hasen so gut und auch so ehrgeizig, dass sie schonmal bis zum Ende laufen, in den seltensten Fällen sollen sie auch schon den eigentlichen Favoriten abgehängt haben.

Ich habe mich sehr verantwortlich gefühlt. Ich zeigte ihr die Spur auf der sie laufen sollte, gab Anweisungen zur Geschwindigkeit beim Bergauflauf, rannte zur Getränkestation zurück und wieder zu ihr vor, motivierte, peitschte und quasselte ohne Punkt und Komma. Ohne Reaktion. Das ist ja irgendwie klar. Meine Freundin lief ziemlich nah an ihrer Leistungsgrenze, da quasselt man nicht. Ich beachtete den Atem, ganz selten wurde er sehr schnell, da mussten wir das Tempo ein bisschen reduzieren. Gegen Ende hielt ich das Tempo und das kommt der Freundin dann vielleicht wie ein Anziehen des Tempos vor. War es aber nicht.

Ich habe in weiser Voraussicht und unter Berücksichtigung der notorischen Selbstunterschätzung bei Frauen ein etwa ziemlich genau um 10 Sekunden pro Kilometer höheres Tempo gewählt, was sich als goldrichtig herausstellte. 5:00 Minuten pro Kilometer waren es dann im Schnitt. Altersgruppendritte wurde sie und die Leistungsgrenze war in Sicht, aber keinesfalls erreicht. Bei drei Mal Training pro Woche und mehreren Kindern ist das eine hervorragende Leistung. Und wenn ich meinen Beitrag dazu geleistet habe, allein durch meine Präsenz verhindert zu haben, dass sie sich ihrem Schweinehund ergeben hat, freue ich mich.

Laufen für andere: eine schöne und befriedigende Alternative für fett werdende, ehemalige Ehrgeizlinge.

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