Tapering heißt Zuspitzen

Das systematische Training beinhaltet viele Phasen. Das habe ich schon gelernt. Eine durchaus angenehme Phase ist das sogenannte Tapering. Man trainiert wenig und langsam, gespickt mit gelegentlichen Steigerungen. Das macht man aber nicht aus Faulheit oder aus Unlust. Es soll nutzen. Prosit. Und zwar dem Wettkampf. Es ist ein Balanceakt. Ich darf keinesfalls abschlaffen, muss mich aber maximal erholen. Mein Körper ist ja sehr schlau. Wenn er nicht gezwungen wird, mit rotem Kopf viel zu schnell auf Gummibahnen Runden zu drehen, fährt er seine Bereitschaft fürs schnelle Bewegen schlagartig zurück. Der Rennwagen kommt in die Garage, wenn er nicht gefahren wird. Dort ist es kühl und dunkel. Ausruhen. Entspannen. Aktivität zurückfahren.

Die Muskeln, die sonst zitternd und zum Explodieren bereit sind, werden weich, erschlaffen und haben noch die Spritzigkeit eines lauwarmen Apfelmuses. Energie wird gespart für den nächsten Jagdeinsatz. Aber wenn dann das Mammut plötzlich vorbeirennt, muss ich den Modus erst wieder beenden und das Apfelmus in zähes Rindfleisch verwandeln. Und das braucht Zeit wenn ich so im Dunklen in der Höhle im Energiesparmodus vor mich hindämmere. Deswegen haben die Sportwissenschaftler das Tapering erfunden.

Diese Wissenschaftler dachten sich also folgendes: Das Auto kommt zwar in die Garage, wir öffnen aber zwei Mal am Tag das Tor, starten den Motor und geben drei bis sechs Mal Vollgas. Im Leerlauf. Dann schnell wieder aus und Tor zu. Täten sie das nicht, vergäße das Auto, dass es zum Fahren da ist, denken sie. Trotzdem bleibt der Tank mehr oder weniger voll. Ich renne also mal 55 Minuten, mal 40 Minuten, vor dem Tag der Tage sogar mal nur 20 Minuten. Aber selten gar nicht. Und gegen Ende dieser schnuckeligen Einheiten gebe ich drei bis sechs Mal Vollgas. Steigerungen heißt das. 100 Meter ungefähr. Langsam steigern bis die Drehzahl den roten Bereich erreicht, dann runter vom Gas und ausrollen lassen. Gehen. Puls runter. Nochmal.

Das kann man auch machen, wenn andere Leute dabei sind, ich mache es lieber allein. Ich denke mir immer, dass die Leute sonst denken, ich wolle vor ihnen angeben und sobald ich vorbei bin, höre ich auf mit dem Rasen, weil ich nicht mehr kann. Das ist wahrscheinlich die Hybris des Alleinläufers. Er denkt immer, die anderen würde es interessieren, was er macht. Vergleiche Koordinationsübungen.

Aber es ist doch noch gar nicht der 27. September 2015 denkt sich der aufmerksame Leser. Recht hat er. Es gibt in jedem ernstzunehmenden Trainingsplan Test-Wettkämpfe, auf die auch getapered wird. Zwischengarage sozusagen. Ausruhen im Training. Man kann nicht immer mehr, immer schneller und immer härter. Ruhephasen gehören dazu wie der Mai zum Frühling. Lässt man sie aus, geht das Auto kaputt und kann dann nicht mehr schnell fahren. So einfach ist das. Zum Glück.

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